100 Jahre Wolgarepublik: Die Anfänge der autonomistischen Bewegung

Einen Blick in die russlanddeutsche Vergangenheit wirft die Ausstellung „Das deutsche Wolgagebiet. Eine unvollendete Fotogeschichte“. | Foto: Moskauer Deutsche Zeitung

Anlässlich der denkwürdigen Daten – 100 Jahre Gründung deutscher Autonomie an der Wolga 2018 und 95 Jahre Gründung der ASSR der Wolgadeutschen 2019 – nimmt „Volk auf dem Weg“ in einer Beitragsserie verschiedene Aspekte der wolgadeutschen Kulturgeschichte, insbesondere in den Jahren von 1918 bis 1948, unter die Lupe. Dazu gehören auch Zeitzeugenberichte und themenbezogene Bücher russlanddeutscher Autoren, die bei der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland oder in anderen Verlagen erschienen sind. Wir übernehmen die Texte mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Die Wolgadeutschen bereiteten gerade die Feierlichkeiten zum 150-jährigen Jubiläum der ersten deutschen Siedlung in Russland vor, als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach. Er warf einen ersten schweren Schatten auf die deutschen Kolonisten als loyale Untertanen des Zaren. Die antideutsche Stimmung im Lande spitzte sich mit dem Kriegsausbruch in beängstigender Weise zu, die seit mehreren Generationen im Zarenreich lebenden Deutschen wurden als mögliche Spione und Verräter dargestellt.

Die Deutschen hielten Russland und dem Zaren dennoch die Treue. An vielen Orten gab es patriotische Bekundungen der Russlanddeutschen für Russland. So wurde der Gouverneur von Saratow von einer Abordnung Wolgadeutscher dazu aufgefordert, „seiner Majestät die loyalen Gefühle aller deutschen Kolonisten des Gouvernements“ zu übermitteln.
Etwa 50.000 Wolgadeutsche waren im Ersten Weltkrieg an der türkisch-russischen Front im Einsatz. Zum Waffendienst wurden sie kaum herangezogen. Die Aufgaben der russlanddeutschen Soldaten waren hauptsächlich hinter den Kampflinien: Nachschub organisieren, Transport- und Straßenarbeiten. 15.000 Mennoniten leisteten Sanitätsdienst in den Lazaretten und Spitälern der russischen Armee.

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Mit dem Kriegsausbruch kam eine Welle von Verboten, Enteignungen, deutschen Pogromen und Deportationen ins Rollen, die wirtschaftliche Lage der deutschen Kolonisten verschlechterte sich schlagartig. Der Erlass vom 18. August 1914 verbot den Gebrauch der deutschen Sprache in den öffentlichen Einrichtungen, ausgenommen waren nur Kirchen. Im Oktober 1915 wurde auch jeglicher Unterricht in deutscher Sprache mit Ausnahme der Unterweisung in evangelischer Religion verboten. Den Deutschen wurde das Recht auf Versammlungen untersagt, die deutschen Zeitungen wurden verboten. Auch die deutschen Ortsnamen wurden 1914 weitgehend durch russische ersetzt.

Den Höhepunkt der antideutschen Hetzkampagne bildeten die vom Zaren Nikolaus II.
am 2. Februar 1915 und 13. Dezember 1915 verabschiedeten Liquidationsgesetze, die allen Staatsbürgern deutscher und österreichischer Abstammung verboten, Grund und Boden zu erwerben. Diejenigen, die in der Grenzzone von 150 km lebten, sollten enteignet und ausgesiedelt werden. Im März 1916 wurden die Liquidationsgesetze auf weitere Gebiete ausgedehnt. Bereits seit November 1914 kamen in die Gouvernements Samara und Saratow ausgewiesene Deutsche aus den Grenzgebieten, in den Jahren 1915 und 1916 lebten bereits Zehntausende davon in der Wolgaregion. Erst im Sommer 1917 begann die Rückkehr der Deportierten, die ihren Höhepunkt 1918 nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk mit Deutschland erreichte.

Mit dem Erlass vom 17. Februar 1917 sollten auch die Wolgadeutschen ausgesiedelt und enteignet werden. 1917 existierten mehr als 200 ländliche deutsche Siedlungen, die sich auf beiden Seiten der Wolga in den Gouvernements Saratow und Samara ausbreiteten. Eine Umsetzung der Gesetze in vollem Umfang verhinderte die bürgerliche Revolution im Februar 1917, die der Zarenherrschaft ein Ende setzte. Die Provisorische Regierung setzte die „Liquidationsgesetze“ am 11. März 1917 vorläufig außer Kraft.

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Wenige Tage später wurde das Gesetz zur „Gleichheit aller Nationen und Konfessionen“ verkündet. In der Zeit zwischen der Februar- und Oktoberrevolution 1917 fanden landesweit Kongresse der Russlanddeutschen statt. Die neu gewonnene Freiheit mündete vor Ort in regen politischen Aktivitäten des Bürgertums, die in erster Linie aus Ablehnung der zaristischen Enteignungsvorhaben entstanden. Aber sie enthielten auch schon Forderungen nach Autonomie und Gleichberechtigung, die in der Folgezeit immer mehr in den Vordergrund rückten.

Innerhalb der Wolgadeutschen, deren Anzahl vor dem I. Weltkrieg auf ca. 516.289 Deutsche belief, gab es zwei wichtige Interessengruppen: Eine bürgerlich-liberale, die aus Guts- und Großgrundbesitzern sowie Unternehmern bestand und unmittelbar nach der Februarrevolution die Initiative ergriff, und eine sozialistisch orientierte, die sich als „Bund der deutschen Sozialisten an der Wolga“ im Mai 1917 zusammenschloss und anfänglich keinen nennenswerten Einfluss auf die soziale und politische Situation in den Wolgakolonien hatte.
Das große Ziel der russlanddeutschen Interessenvertretungen war die Autonomie der deutschen Siedlungsgebiete. Das bedeutete jedoch nicht, dass die Russlanddeutschen sich vollständig vom russischen Staat lossagen wollten. Die Wolgadeutschen strebten vielmehr nach einer Selbständigkeit innerhalb des russischen Vielvölkerstaates, die Trennung von Russland stand niemals zur Debatte. Vom 25. bis zum 27. April 1917 fand in Saratow eine Versammlung von 385 Kreisbevollmächtigten der wolgadeutschen Kolonien statt. Dort gründete man ein „Zentralkomitee der Wolgakolonisten“, das bis auf weiteres die Administration der Wolgakolonie übernehmen sollte.

Die Machtergreifung der Bolschewiki im Herbst 1917 stellte die deutschen Kolonisten im Wolgagebiet vor eine ganz neue Herausforderung. Allerdings konnten viele wolgadeutsche Bauern mit dem von der Sowjetregierung verabschiedeten Gesetz über Grund und Boden (Oktober 1917) und dem Grundgesetz über die Sozialisierung des Landes (Januar 1918) offenbar gut leben. Auch die „Deklaration der Rechte der Völker Russlands“ vom 2. (15.) November 1917 mit dem festgeschriebenen Selbstbestimmungsrecht der Völker fand unter der wolgadeutschen Bevölkerung eine gewisse Zustimmung.

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Nachdem die neue Ausrichtung der bolschewistischen Nationalitätenpolitik bekannt geworden war, kamen die bürgerlichen Abgeordneten der Gouvernements Saratow und Samara zur Konferenz der Wolgadeutschen in Warenburg vom 24. bis zum 28. Februar 1918. Man verabschiedete gemeinsam das „Projekt eines nationalen Zusammenschlusses aller Wolgakolonien zu einer selbständigen Wolgarepublik im russischen Föderationsstaat“. Bis dahin sollte ein Hauptverwaltungsrat die Verwaltungsaufgaben in den Kolonien wahrnehmen.
Anfang April 1918 fuhr eine Delegation des Hauptverwaltungsrates mit Pastor Johannes Schleuning (Vorsitzender des Zentralkomitees) nach Moskau, um aufgrund der Beschlüsse der Warenburger Konferenz mit der Zentralregierung über die Gewährung der Autonomie zu verhandeln. Gleichzeitig mit ihnen kam aus Saratow eine Abordnung der dortigen Sozialisten mit demselben Ansinnen, die von Stalin in dessen Funktion als Kommissar für Nationalitätenfragen empfangen wurde.

Schon im April 1918 wurde für die praktische Umsetzung der Nationalitätenpolitik im bolschewistischen Sinne ein „Kommissariat für deutsche Angelegenheiten an der Wolga“ mit Katharinenstadt (1919 wurde Katharinenstadt in Marxstadt umbenannt) als Hauptstadt geschaffen. Es bestand aus Ernst Reuter und Karl Petin, die aus Moskau entsandt wurden, und den Wolgadeutschen A. Mohr, A. Emich, G. Klinger und G. Dinges. Ernst Reuter, der 30 Jahre später Regierender Bürgermeister von Berlin war, geriet während des Ersten Weltkrieges in russische Gefangenschaft, wurde hier ein aktiver Kommunist und Internationalist (Sekretär des „Komitees der Kriegsgefangenen Sozialdemokraten-Internationalisten des Moskauer Militärbezirks“). Seine Tätigkeit endete im November 1918, als er von der Novemberrevolution erfuhr und nach Deutschland zurückkehrte.
Dass den Wolgadeutschen eine Autonomie offensichtlich einzig zum Zweck ihrer Sowjetisierung angeboten wurde, deren Folgen zum damaligen Zeitpunkt der Mehrheit der Bevölkerung kaum bewusst waren. Der Gründung der deutschen Autonomie an der Wolga lagen aber auch eine Reihe konkreter Motive zugrunde. Sie sollte der effektiveren Getreidebeschaffung im Bürgerkrieg dienen, die russlanddeutsche Emigrationswelle stoppen und nicht zuletzt auch die Vorbildfunktion übernehmen.

Durch die unterschiedlichen Autonomievorstellungen waren die Beziehungen zwischen dem Kommissariat und den wolgadeutschen Intellektuellen von Anfang an belastet. Viele von ihnen waren der Ansicht, das Kommissariat und die Sowjets seien den Wolgadeutschen aufgezwungen worden. Wie schon vorher das frühere Saratower Kontor, das ebenfalls von der Regierung eingesetzt wurde, und zwar zur Verwaltung der Wolgadeutschen. Das angestrebte Ziel müsse jedoch die Selbstverwaltung sein.

Zusammenfassung: Nina Paulsen (nach Texten von Alfred Eisfeld, Victor Herdt und Viktor Krieger).