Mit fast 40 münde ich so langsam in die Reife des Lebens ein, habe ich den Eindruck. Jedenfalls lässt merklich die jugendliche Aufgeregtheit nach. Die Details treten immer stärker in den Hintergrund meiner Aufmerksamkeit, die Grundprinzipien kommen entsprechend stärker zum Vorschein.

Das aktuell wichtigste Grundprinzip ist, dass es eigentlich immer nur aufs Grundprinzip und nicht aufs Detail ankommt, dass es am Ende egal ist, ob ich dies oder das tue, es so oder anders mache, etwas tue oder sein lasse – wichtig ist nur, dass es Freude bereitet, sonst wie sonst wem nützt, aber zumindest keinem schadet.

Wenn ich das für einen Tag im Alltag durchdekliniere, fängt der Tag ziemlich entspannt an. Dann bleibt es sich gleich, ob ich früh oder spät aufstehe, Müsli oder Toast frühstücke, jogge oder Zeitung lese, arbeite oder lieber faulenze, diesen oder jenen oder keinen Menschen treffe usw. usw. Solange es nicht erwiesenermaßen nach ethischem oder/ und juristischem Verständnis schadet, ist es eh wurscht.

Seit ich das begriffen habe, bin ich innerlich zufriedener und äußerlich verträglicher – dachte ich jedenfalls. Bis die ersten Konflikte losbrachen. In einem Fall wollte jemand von mir wissen, ob er meine Fragebögen vom letzten Jahr auch in diesem Jahr verwenden solle oder dürfe und ob er den einen nicht lieber weglassen könne und den anderen kürzen. Ich hörte mir das Anliegen in seiner ganzen vermeintlichen Komplexität und entsprechenden Länge geduldig an und befand: am Ende eh wurscht, irgendwas würde schon dabei herauskommen.

Das sagte ich ihm auch so und dachte, ich täte ihm damit einen Gefallen, weil er nämlich tun und lassen könne, was immer er wolle, ohne dabei Rücksicht auf mich nehmen zu müssen, da ich nicht beleidigt wäre, wenn er meine Fragebögen anders einsetze als ich es im Jahr zuvor tat. War er aber nicht. Froh. Er war sogar sehr empört. „Also, Frau Siebert, eines will ich Ihnen aber mal sagen. Ich bin ein freundlicher Mensch und stets bemüht, anderen mit Respekt zu begegnen. Und dasselbe erwarte ich von anderen auch mir gegenüber!“ Päng, aufgelegt!

Na, so was… Ich rief noch mal an und versuchte zu erklären, dass ich ihm Respekt entgegenbringen würde und dass ich das komplett freundlich und entgegenkommend gemeint hätte, dass mir das tatsächlich wurscht, also egal, also jedenfalls positiv gemeint wurscht, sei. Dass er sicher so kompetent sei, die richtige Entscheidung zu treffen und meinen Segen habe, mit meinen Fragebögen umzugehen, wie er es für richtig hielte.

Er blieb beleidigt. Zum einen liegt es sicherlich am Ausdruck, „wurscht“ klingt in der Tat unwirsch, „egal“ ist auch nicht viel besser, einen schöneren Begriff habe ich allerdings noch nicht gefunden. Ich komme jedoch mehr und mehr zu dem Schluss, dass man es nennen kann, wie man will, die Leute möchten einfach nicht, dass einem etwas vollkommen egal ist; zumindest dann nicht, wenn ihnen etwas absolut wichtig ist und sie sich gern ernst und ausführlich über etwas austauschen wollen.

Ich kann es ja verstehen. Als ich als junges Ding mit meinem ersten Liebeskummer zu Mutter und Großmutter rannte, um gebührend bemitleidet zu werden, wollte ich auch nicht hören, dass das nicht so schlimm ist und vorbeigeht, man noch viele Male Liebeskummer haben wird und auch andere Mütter schöne Söhne haben. Ich fühlte mich in meinem ganz individuellen speziellen Leiden mit allen Besonderheiten in der komplexen Detailliertheit nicht angemessen verstanden, wahrgenommen und getröstet.

Fazit: Die Grundsätze machen das Leben zwar leichter und friedvoller, aber man sollte sie besser für sich behalten und nach außen so tun, als ginge es um die Details.

Julia Siebert

29/01/10

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