Das friedliche und verständnisvolle Zusammenleben von Menschen stellt eine große Herausforderung dar. Die Herausforderung wächst, wenn man notgedrungen zusammenlebt. Sie wächst noch mehr, wenn ältere Menschen miteinander auskommen müssen. Und wenn ältere Menschen unterschiedlicher Herkunft notgedrungen zusammenleben, dann ist das purer Stress.

So ergeht es Mama Panic, der Mutter meiner Freundin. Sie ist zuletzt in einen Wohnblock für Senioren gezogen, wo man an verschiedenen Freizeitangeboten teilnehmen kann und so immer in Gesellschaft ist. Das ist abwechslungsreich und lustig. So dachte sie. Denn Mama Panic ist gesellig, offen, interessiert, humorvoll, tolerant und schlau. Und damit sollte man in Gesellschaften ganz gut zurechtkommen. Sollte man denken. So ist es auch, im Grunde. Aber in erster Linie ist es anstrengend. Sehr, sehr anstrengend. Denn Mama Panic kommt aus dem ehemaligen Jugoslawien, und obwohl sie bestens in Deutschland integriert ist und sich fleißig und aufmerksam mit den hiesigen Gewohnheiten vertraut macht, gibt es immer wieder Stolperfallen.

Diese Stolperfallen werden gerne von Menschen aufgestellt, die wollen, dass immer alles ganz genauso läuft, wie sie es kennen und wünschen. Dies sind im Regelfall ältere Damen. Es ist schon für Ehegatten und sonstige Angehörige schwer genug, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Noch schwerer wird es für Außenstehende. Und noch viel schwerer ist es für Außenstehende aus anderen Ländern. Da kann man jede Menge falsch machen: Indem man an der falschen Stelle oder zu selten Danke oder Bitte sagt. Indem man zur falschen Uhrzeit das Richtige anbietet oder zur richtigen Uhrzeit das Falsche. Indem man andere mit einem fröhlichen Hallo grüßt, anstatt mit einem steifen Guten Tag. Indem man Leute bei ihrem Vornamen anredet. Indem man sich mit heimischen Gerichten ganz viel Mühe gibt, aber nicht weiß, wie man falschen Hasen kocht. Indem man die Wurst nicht anschneidet oder eben doch anschneidet. Indem man von jemand außerhalb der Gruppe eingeladen wird und diese Einladung auch noch annimmt. Und das sind nur wenige Beispiele von unzähligen Stolperfallen, die unsichtbar und ohne Warnhinweis über das Grundstück gesät sind.

Mama Panic nimmt es sportlich und mit Humor und lässt sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen. Dank ihres immens großen Engagements hält sie sich tapfer und wacker in den allzu kritischen Kreisen. Doch andere, weniger selbstbewusste Bewohner kämpfen noch mit den ersten Hürden. Sie sind jetzt schon erschöpft und ahnen nicht, was noch auf sie zukommt. Denn mit einer netten Einladung zum Nachmittagsgetränk ist hier noch gar nichts erreicht. Das nette Ehepaar Kuzkaya hat zum Tee oder Kaffee eingeladen. Mama Panic nahm dankend an und Betty mit. Diese Aktion hat für allerlei Aufregung gesorgt. Bei Betty, aber noch viel mehr bei all den anderen Damen. Dass die beiden nett sind, Deutsch sprechen, man dort zwischen deutschem oder türkischem Kaffee wählen darf, sorgt für viel Ah! und Oh! und Ach ja? Das hätte man nicht gedacht! Das beruhigt aber nicht, sondern weckt Argwohn. Nun wird das Ehepaar Kuzkaya erst recht kritisch beäugt. Jetzt heißt es: keinen kleinen Fehler machen, sonst geht’s zurück auf Los oder ganz runter vom Spielbrett. Mama Panic vermittelt und integriert, was das Zeug hält. Knochenarbeit an vorderster Front. Das Bundesverdienstkreuz hat sie sich redlich verdient, finde ich. Mindestens.

Julia Siebert

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