Irgendwie kam ich nie dazu, Ihnen einen Brief zu schreiben, in dem ich Ihnen all meine Sympathie, Bewunderung und Hochachtung aussprechen wollte. Sehr oft spielte ich mit dem Gedanken, Sie einmal mit meinen ausführlichen, nostalgisch-ironischen Überlegungen aus der Heimat unserer Ahnen zu überraschen, Ihnen zu erzählen, wie es mir so geht, womit ich mich beschäftige, wofür ich mich interessiere und wonach ich mich sehne. Mein Schweigen hielt lange an, viel zu lange, als es überhaupt verzeihlich ist.

Sehr geehrter Herold Karlowitsch,

Bei Spaziergängen durch meine neue, schöne Heimatstadt Münster, habe ich mir in Gedanken öfters vorgestellt, wie Sie diesen Brief dann erhalten und lesen würden. Es verflossen Tage, Monate, Jahre, meine innere Gespräche mit Ihnen lösten sich aber irgendwann in feinsten Nebelstreifen auf und verirrten sich im Nirgendwo…

Es verflossen anderthalb lange Jahrzehnte. Ich las Ihre Veröffentlichungen in der DAZ, suchte nach Neuerscheinungen, die Ihrer Feder entstammten und freute mich jedes Mal, wenn ich Ihren Namen unter einem neuen Titel entdeckte. In meinem Computer speichere ich kritische Beiträge, wissenschaftlich-philologische Abhandlungen, Interviews, Auszüge aus den Werken, die mit dem Namen Herold Belger signiert sind. Nach jeder Neuerscheinung fragte ich mich: Wann schafft er es bloß, woher nimmt er die Zeit, um alle Bücher zu lesen und zu rezensieren, an welcher Tageszeit schreibt er seine eigenen Werke, aus denen die Weisheit und die tiefe Philosophie seines deutsch-kasachischen

Lebens sprudelt?

Lieber Herold Karlowitsch,

Sie kennen Jeden und Jeder kennt Sie. Sie sorgen sich um die Zukunft unserer russlanddeutschen Literatur – ermutigend und hoffnungsvoll klingt Ihr Ton, wenn Sie über das Werk eines Anfängers sprechen, Jubel, vermischt mit wahrer Entdeckungsfreude, wenn Sie über das Schaffen eines gemachten Literaten schreiben. Stets mit Respekt, Anerkennung und Zuversicht.

In einem Ihrer Beiträge schreiben Sie, dass die tägliche Post Sie dauernd mit Paketen von neuen Autoren überschüttet, dass sich auf Ihrem Arbeitstisch und Balkon viele Zeitschriften und Bücher gestapelt haben und, dass Sie langsam den Überblick verlieren… Kann ich gut verstehen!

Andererseits aber frage ich mich: Wem sollten die Autoren ihre Werke sonst noch schicken??? Ich kenne keinen anderen russlanddeutschen Schriftsteller, der nicht nur Werke unter seinem Namen verfasst, sondern sich auch Zeit für andere Schreibenden erübrigt, um ihre Werke eingehend und fachkundig aus kritischer Sicht zu beurteilen, um sie zu ermutigen und zu unterstützen. Wie aus dem Horn der Almathea, unermüdlich und unaufhörlich, schöpfen Sie aus unserer russlanddeutschen Literatur jeden brauchbaren Tropfen und fügen ihn der reinen Schatzquelle hinzu: behutsam, liebend, respektvoll.

In Ihrem Archiv, dass sie sorgfältig in Ihrer kleinen Wohnung wahren, haben sich im Laufe der Zeit echte Schätze angesammelt: Bücher, Bilder und Briefe, in denen unsere Schriftsteller und Dichter ihre verborgenen Gedanken mit Ihnen teilten: Nelly Wacker, Friedrich Bolger, Alexander Reimgen, Nora Pfeffer, Dominik Hollmann – und viele, viele andere Koryphäen unseres literarischen Schaffens vertrauten und vertrauen Ihnen ihre innigsten Überlegungen und Gemütsbewegungen an, weil sie Ihnen vertrauen konnten und können, weil sie wussten und wissen: auf Sie und Ihr Wort kann man sich verlassen!

Als ich Ende der 1990er beschloss, mit dem „Guten Abend!“– Team eine Sendereihe über das Schaffen unserer Schriftsteller zu drehen, kam ich zu Ihnen. Ehrlich gesagt, glaubte ich nicht, dass Sie meinem Vorschlag, diese Sendungen zu moderieren, entgegenkommen würden. Gründe für eine Absage waren reichlich vorhanden, darunter auch Ihre angeschlagene Gesundheit. Aber Sie sagten überraschend zu, und es entstand die Sendereihe „Sonnenspuren“. Wie leicht und sachkundig Sie über jeden Autor sprachen, welche interessanten biografischen Einzelheiten Sie unserem Zuschauer verrieten, ist einfach nicht zu überschätzen. Heute weiß ich: Ohne Sie wären diese bereits historischen Streifen nie zustande gekommen.

Als ich mir vor kurzem, in einem Anflug von nostalgischen Erinnerungen, die Folgen wieder ansah, dachte ich an die Zeiten, wo wir diese Sendungen machten, zurück. Ich erinnere mich, wie Sie mir jedes Mal vor den Studienaufnahmen ein und dieselbe Frage stellten: „Was soll ich denn heute erzählen? Ich habe da einiges mitgebracht, ob das von Interesse wäre?“ Diese Frage konnte ich niemals beantworten, weil meine Quellen, aus denen ich Informationen schöpfte, im Vergleich zu gering waren (und sind!).

Sie saßen vor der Kamera, vor Ihnen stapelten sich auf dem Tisch Bücher,

Zeitungsausschnitte, Briefe, Fotos aus Ihrem persönlichen Archiv. Sie saßen paar Sekunden still da, schauten auf den Tisch und begannen leise zu sprechen: Sie sprachen eine ruhige, einfache und zugleich schöne, vorzügliche, reichlich mit Synonymen bestickte Sprache und schilderten den Schaffensweg des Autors, dem wir unsere Sendung widmeten.

Ich erinnere mich, wie Sie in der Dokumentation über Friedrich Bolger mit sichtlichem Humor erwähnten, dass man Sie einmal in einem Dorf bei Taschkent mit dem Schriftsteller Bolger verwechselte, weil sein Name zur damaligen Zeit dem Leser ein Begriff war. Und Sie waren notgedrungen gezwungen, sich zu „rechtfertigen“ und zu erklären, dass Sie nicht der große Schriftsteller Bolger sind, sondern „nur“ der Literaturkritiker Belger, aber mit Bolger seien Sie auch bekannt… Vor ihnen lagen Briefe des begehrten Autors und die Briefe seiner Witwe, die auch nach dem Tode ihres Mannes nicht aufhören konnte, Ihnen zu schreiben…

Ich könnte mir vorstellen, dass heute, falls Sie wieder in diesem Dorf auftreten würden, die Leser genauso begeistert von Ihnen und ihrem Schaffen wären, wie vom Schaffen Bolgers. Und sie würden sich sicher auf ihren Landsmann Herold Belger freuen und würden ihm unermüdlich Fragen zu seinem Leben stellen, einem beneidenswerten schönen, dornenvollen und besternten Leben.

Geehrter Herold Karlowitsch,

ich habe keine Ahnung, welcher gute Geist Ihnen, aus Ihrer barfüßigen Kindheit in einem kleinen kasachischen Aul zum Olymp unserer russlanddeutschen Literatur verhalf, aber ich bin sehr stolz darauf, dass sich unsere Wege ganz kurz kreuzten und dass ich das große Glück hatte, Sie kennenzulernen, um mit Ihnen eine kurze Strecke dieses Weges zu gehen. Vielen Dank für die schönen Erinnerungen, die Sie in meinem Herzen hinterlassen haben und die mir in den vergangenen Jahren bei meinen bescheidenen literarischen Versuchen stets als vertraute und kräftige Stütze dienten.

Bleiben Sie gesund und zeigen Sie der Welt auch weiterhin, was aus dem kleinen deutschen Jungen aus dem entfernten kasachischen Aul geworden ist!

Rose Steinmark/Münster

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