Reich werden kann man – als Person, wie als Nation – prinzipiell auf zwei Wegen: viel verdienen oder wenig ausgeben. In beiden Fällen muss man natürlich Geschäftsbereiche finden, wo sich das auch realisieren lässt. Zu den neuen Feldern, die sich da in letzter Zeit auftun, gehört der Bereich, den man allgemein „Müll“ nennt.

Zuerst denkt man da natürlich an einen stinkenden Haufen unterschiedlichen wertlosen Zeuges, der nicht gerade zu Begeisterungsstürmen verleitet. Doch in den letzten drei, vier Jahren haben sich diese Abfälle nicht selten in mehr oder weniger kleine Goldgruben verwandelt. Müll ist in; er heißt dann allerdings nicht so. „Wertstoffe“ ist nicht nur die elegantere, sondern auch zutreffendere Bezeichnung für das, was wir täglich mehr oder weniger unbeachtet, manchmal sogar angewidert wegwerfen.

In Deutschland gibt es seit fast 20 Jahren spezifische Mülltrennsysteme. Vor jedem Haus stehen verschiedene Abfalltonnen. Der Abfall wird getrennt nach Altpapier, Plaste, Glas, Bioabfällen, Altbatterien etc. und in die entsprechende Tonne geworfen. Und wehe, es kommt etwas in den falschen Container. Dann kann es schon mal passieren, dass die Müllabfuhr die Tonne nicht entleert und man als Müllkunde nachsortieren muss. Nach außen scheint das System erst einmal gut zu funktionieren, verspricht es doch eine hohe Rate der Wiederverwertung der exakt getrennten Abfallkomponenten. Doch es gibt auch Kritik.
Die erste ist darauf gerichtet, dass es einen zu hohen Anteil (bis zu 30 Prozent) von Wertstoffen gibt, die – bewusst oder unbewusst – im falschen Container landen. Ein Mensch ist eben keine perfekte Maschine und kann sich irren oder aus Bequemlichkeit anders handeln als eigentlich erwünscht. Die andere Kritik ist, dass durch das zum Volkssport gewordene Mülltrennen sich bei vielen Leuten die Meinung festgesetzt hat, dadurch etwas Wesentliches zum Umweltschutz beigetragen zu haben. Man kann sich dann in anderen, die Umwelt in Wirklichkeit unvergleichlich stärker belastenden Dingen, beruhigt zurücklehnen, denn man hat ja seinen Beitrag zum Umweltschutz geleistet.

Kurzum, in Deutschland wird mit „Müll“ anders, sozusagen ehrfurchtsvoller, umgegangen als hierzulande. Das ist berechtigt, ist doch zumindest ein gewisser Teil des Wohlstandes dort infolge eines produktiveren anderen Verhältnisses zur Ressource Müll entstanden. Solche Länder, wie Japan und Deutschland als rohstoffarme Länder sind unter anderem auch deshalb relativ reich geworden, weil sie nicht alles weggeworfen haben, was dies auf den ersten Blick verdiente.

Müll ist hier spätestens seit den 1970-er Krisenjahren immer schon als wesentliche Rohstoffquelle behandelt worden, in Japan eher noch mehr als in Deutschland. Die Ehrfurcht vor dem Müll hat sich im Verlauf der letzten Jahre weltweit geradezu in eine Art Religion gewandelt. Das ist zum einen dadurch bedingt, dass es mittlerweile technische Systeme gibt, die den Müll wesentlich besser trennen, als der Mensch das kann. Das macht das für manchen durchaus lästige Mülltrennen eigentlich überflüssig. Künftig reicht eine Tonne für alles. Die Deutschen müssen sich dann umstellen, die Kasachstaner nicht.

Doch wichtiger für die gestiegene Ehrfurcht sind die Marktpreise. Rohstoffe eigentlich aller Art sind knapp auf der Welt. Insbesondere der rasante wirtschaftliche Aufstieg großer Schwellenländer hat die Nachfrage nach ihnen kräftig gesteigert. Nun wird man wohl die Erde weiter nach ihnen durchwühlen und mit neuen Technologien die Ausbeute der tendenziell eher schwieriger werdenden Förderung verbessern. Alternativ kann man aber auch die früher bereits einmal der Erde entrissenen Rohstoffe mehrfach nutzen.

Genau dieser Trend entwickelt sich im Moment mit rasanter Geschwindigkeit. Die Goldsucher der Neuzeit sind nicht mehr mit Sieben an den Flüssen tätig, sondern durchwühlen mit modernen Maschinensystemen die Riesenberge von Elektronikschrott. Oder sie verwandeln nichtbeachtete Plastiktüten in High-Tech-Produkte. Und wirtschaftlich lohnt sich das allemal und wird immer lohnender. So sind zum Beispiel die Preise für Altpapier zwischen 2006 und Anfang 2008, also in weniger als zwei Jahren um 100 Prozent gestiegen; der Preis für Altkupfer entsprechend um 33 Prozent, der für Altglas um 67 Prozent, der von Metallschrott um 77 Prozent und von Zinn gar um 300 Prozent. Weltweit fallen jährlich 50 Millionen Tonnen Elektronikschrott (Fernseher, Computer, u. ä.) an. Das entspricht in etwa einer Million LKW-Ladungen. Also auch aus quantitativer Sicht lohnt sich der Aufbau technischer Trenn- und Nutzungssysteme. Es scheint sogar so, dass in einiger Zeit Abwasser als Rohstoffressource gewertet wird; schließlich kann man aus ihm Biogas erzeugen und zur Energiegewinnung einsetzen.

In Kasachstan haben wir da noch großen Nachholbedarf. Zwar wird hier zumindest in den Großstädten – bereits am Stadtrand von Almaty, zum Beispiel, hinter dem Kok-Tobe sieht das ganz anders aus – der Müll regelmäßig abtransportiert, aber eben kaum verwertet. Zwar ist seit wohl zwei Jahren ein schwedisches System zum Pressen des Mülls in Großballen in Betrieb, um Deponieplatz zu sparen und eine spätere Nutzung zu erleichtern. Doch eine großflächige Müllnutzung ist noch nicht in Gang gekommen. Nun predige ich dauernd, dass man keinesfalls alles nachmachen soll, was andere tun. In diesem Falle aber meine ich: Unbedingt die neue Müllphilosophie kopieren! Das wäre ein Beitrag nicht nur zum Umweltschutz, sondern auch zur Diversifizierung der Wirtschaft.

Bodo Lochmann

25/07/08

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