Anlässlich der denkwürdigen Daten – 100 Jahre Gründung deutscher Autonomie an der Wolga 2018 und 95 Jahre Gründung der ASSR der Wolgadeutschen 2019 – nimmt „Volk auf dem Weg“ in einer Beitragsserie verschiedene Aspekte der wolgadeutschen Kulturgeschichte, insbesondere in den Jahren von 1918 bis 1948, unter die Lupe. Dazu gehören auch Zeitzeugenberichte und themenbezogene Bücher russlanddeutscher Autoren, die bei der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland oder in anderen Verlagen erschienen sind.

Nach der Machtübernahme der Bolschewiki mit Wladimir Lenin (Uljanow) an der Spitze wurde landesweit mit der Durchsetzung der bolschewistischen Ideologie und Behauptung der Sowjetmacht begonnen. Im Wolgagebiet existierten zu der Zeit mehr als 200 deutsche Siedlungen, die sich auf beiden Seiten der Wolga in den Gouvernements Saratow und Samara auf einer Fläche von insgesamt ca. 20.000 km² erstreckten.

19.10.1918: Gründung der Arbeitskommune der Wolgadeutschen

Für die praktische Umsetzung der Nationalitätenpolitik im bolschewistischen Sinne wurde im April 1918 ein „Kommissariat für deutsche Angelegenheiten an der Wolga“ mit Ernst Reuter (1889-1953), dem späteren Regierenden Bürgermeister von Berlin, an der Spitze eingerichtet. Das Kommissariat sollte die „Selbstverwaltung der deutschen Kolonien auf der Grundlage der Sowjetgewalt“ in Angriff nehmen und den Rätekongress vorbereiten. Im Zuge dieser Vorarbeit wurde die Gründung von Dorf- und Gebietssowjets unter gleichzeitiger Auflösung sämtlicher bürgerlichen Organisationen vorangetrieben.

Der 1. Rätekongress trat am 30. Juni 1918 in Saratow zusammen und verabschiedete die „Leitsätze für die Organisierung einer Föderation der Arbeiter und Bauernräte der deutschen Kolonien im Wolgagebiet“. Dazu schreibt der Historiker Victor Herdt: „Was für die Autonomieanhänger zählte, war das Versprechen der Zentralregierung bezüglich des freien Gebrauchs der deutschen Muttersprache in Schule und Verwaltung sowie des Zusammenschlusses aller deutschen Kolonien unter einer Verwaltung. Denn vor allem dies waren die stets angestrebten Ziele der Deutschen an der Wolga. Gerade in diesen Punkten kam die Sowjetregierung den Wünschen der deutschen Bevölkerung im Wolgagebiet mit aller Deutlichkeit entgegen.“ (in: Sonderband der Reihe „Heimatbücher der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland“, Stuttgart 2008).

Am 19. Oktober 1918 unterzeichnete Lenin als Regierungschef das Dekret über die Gründung der Arbeitskommune (Autonomes Gebiet) der Wolgadeutschen, womit die Tätigkeit des Kommissariats beendet war.

Viktor Hurr: Beschaffungskommandos beim Eintreiben der Nahrungsmittel.

Das autonome Gebiet umfasste ursprünglich nur die von Deutschen besiedelten drei Landkreise Balzer/Krasnoarmejsk, Katharinenstadt und Seelmann. Das Zentrum der Arbeitskommune wurde im Mai 1919 von Saratow nach Katharinenstadt (ab dem 4. Juni 1919 Marxstadt, heute Marx) verlegt. Insgesamt wurden bis zum März 1919 ca. 214 Dörfer aus den Gouvernements Saratow und Samara in die Arbeitskommune der Wolgadeutschen eingegliedert. Nach der ersten Volkszählung vom 28. August 1920 hatte das Autonome Gebiet der Wolgadeutschen in den damals gültigen Grenzen 452.629 Einwohner, davon ca. 96 Prozent Deutsche.

1918-1921: Bürgerkrieg, Ausbeutung und Bauernaufstände

Der Bürgerkrieg in Russland war zur Zeit der Gründung der deutschen Autonomie an der Wolga noch lange nicht beendet. Die Wolgakolonien gerieten in den Jahren 1918-1921 mehrfach zwischen die Fronten der Roten und der Weißen. 1919 war ein Teil der Kolonien der Bergseite Kampfgebiet zwischen den Roten und den Truppen unter dem „weißen General“ von Wrangel.

Schon im Sommer 1918 begann man mit der Aufstellung von freiwilligen Verbänden für die Rote Armee. In Katharinenstadt formierte sich das erste deutsche Regiment, das mit 2.000 Mann Mitte Dezember an die Südfront ging. Bis 1920 kam es zur Gründung weiterer wolgadeutschen Einheiten der Roten Armee.

Außerdem wurden Requisitionen (Beschlagnahme für Heereszwecke) von Getreide, Vieh und Futter durchgeführt und Kontributionen (Geldzahlungen) auferlegt. Die Politik des Kriegskommunismus dieser Jahre ruinierte nachhaltig die wirtschaftlichen Grundlagen der ländlichen Bevölkerung. Die Requisitionen fanden oft unter Gewaltandrohungen statt, wobei es unweigerlich zu Willkürakten und Übergriffen kam. Die meisten der Nahrungs-Beschaffungstrupps kamen von auswärts. In Katharinenstadt und in den umliegenden Kolonien beteiligten sich daran aber auch Deutsche.

Für die wolgadeutschen Bauern verschlechterte sich die Situation dadurch, dass zu der Zeit bereits überall Beschaffungskommandos unterwegs waren, aber auch das Kommissariat hatte die Aufgabe, die Requisitionen der Zentralregierung sicherzustellen. „Die nach dem 15. August 1918 sowohl von Seiten der Nahrungsmittel-Beschaffungstrupps als auch vom Kommissariat durchgeführten Requisitionen bescherten der Moskauer Zentrale einen nie dagewesenen Anstieg an Getreidelieferungen von bis zu 300.000 Pud pro Tag. Allein im Bezirk Kamyschin mit einem etwa 50-prozentigen Anteil an deutscher Bevölkerung wurden vom 20. Mai bis 1. November 1918 „[zig] Millionen Pud“ Getreide beschafft“, ist bei Victor Herdt nachzulesen.

Viele wolgadeutsche Kolonien lehnten sich gegen die rücksichtslose Ausbeutung auf. „Den politischen und gesellschaftlichen Zielen der an die Macht gekommenen Bolschewiki stand die Mehrheit der Siedler skeptisch bis ablehnend gegenüber, was sich u.a. in zahlreichen Bauernaufständen der Jahre 1918-1921 und in anhaltender Protesthaltung der darauffolgenden Jahre äußerte“, meint der Historiker Viktor Krieger. Bereits im Juli und August 1918 fanden bewaffnete Aufstände in Balzer und im Bezirk Kamenka statt. Im Januar 1919 revoltierten die aufgebrachten Siedler in Warenburg (Bezirk Seelmann) gegen die brutalen Übergriffe der Nahrungsmitteleintreiber und die fortdauernde Zwangsrekrutierung.

Auch im März 1921 breitete sich ein Aufstand von Seelmann im gesamten Autonomen Gebiet aus: Staatliche Getreidespeicher wurden aufgebrochen und das Korn unter Bauern verteilt, das Vieh geschlachtet oder aus dem Ort getrieben.

Zu den größten Erhebungen zählt der Aufstand gegen die Bolschewiken in Mariental am 25. März 1921. Die Aufstände verliefen mit äußerster Brutalität. Viele Sowjetaktivisten, Rotgardisten und Teilnehmer der Requirierungstrupps in den deutschen Siedlungen wurden von den Aufständischen ermordet. Entsprechend erbarmungslos gestalteten sich die Vergeltungsmaßnahmen, als das Gebiet Mitte April 1921 wieder unter bolschewistischer Kontrolle war. Hunderte Teilnehmer oder Sympathisanten kamen bei den Kämpfen ums Leben oder wurden später durch die eiligst eingerichteten Tribunale verurteilt und erschossen. Allein bei der Niederschlagung des Aufstandes in Mariental gab es über 550 Opfer.

1922: „Abrundung“ des Autonomen Gebiets für die Überlebensfähigkeit

Die rücksichtslose Ausbeutung der wolgadeutschen Kolonien durch die Sowjetmacht führte unter anderem dazu, dass die Arbeitskommune von 1921 bis 1922 von einer verheerenden Hungersnot mit Zehntausenden Todesopfern und fluchtartigen Abwanderungen am härtesten getroffen wurde. Dadurch kam es nicht nur zu einem beachtlichen Bevölkerungsschwund, sondern auch zum weitgehenden Erliegen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivität. 1921 betrug die Aussaatfläche im Autonomen Gebiet 29 Prozent der von 1914, der Viehbestand verringerte sich um das mehr als fünffache, und die Industrieproduktion erreichte nur 31 Prozent des Vorkriegsstandes.

Die wolgadeutsche Führung suchte nach Wegen aus dieser misslichen Schieflage, um die Überlebensfähigkeit des Autonomen Gebiets zu sichern. So wurde auch eine territoriale „Abrundung“ (Aufnahme anders-ethnischer Siedlungen und Landkreise, die zwischen den deutschen Territorien lagen) in Erwägung gezogen. Dazu gehörte unter anderem der mehrheitlich von Russen und Ukrainern bewohnte Bezirk Pokrowsk; die Stadt selbst hatte den existentiell wichtigen Anschluss an das gesamtrussische Eisenbahnnetz.

Mit einem Dekret vom 22. Juni 1922 billigte die Moskauer Regierung die Vorschläge der wolgadeutschen Führung. Durch die „Abrundung“ vergrößerte sich die Fläche des Autonomen Gebiets um etwa 29 Prozent (bis auf 25.447 km²) und die Bevölkerungszahl um 64 Prozent (bis auf 527.876 Menschen). Demnach stellten nach offiziellen Angaben die Deutschen mit
67,5 Prozent, Russen mit 21,1 Prozent und Ukrainer mit 9,7 Prozent Bevölkerungsanteil die größten ethnischen Gemeinschaften. Das Gebietszentrum und der Regierungssitz wurden am 25. Juli desselben Jahres nach Pokrowsk (ab 19.10.1931 Engels) verlegt.

Das Gesamtterritorium des Autonomen Gebiets wurde in 14 Kantone (Bezirke) gegliedert – in Klammern die heutige Benennung: Pokrowsk (Engels), Krasnojar (Krasny Jar), Marxstadt (Marx), Mariental (Sowetskoje), Fjodorowka, Krasny Kut, Pallassowka, Staraja Poltawka, Seelmann (Rownoje), Kukkus (Priwolschskoje), Balzer (Krasnoarmeisk), Frank (Medwediza), Kamenka, Solotoje. Insgesamt erhöhte die territoriale „Abrundung“ durch wesentliche Verbesserung der wirtschaftlichen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen die Überlebungschancen der Autonomie.

Zusammenfassung: a Paulsen (nach Texten von Alfred Eisfeld, Victor Herdt und Viktor Krieger).

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