Wie ein Familientreffen mutete die diesjährige Verbrauchermesse „Russischer Jahrmarkt» im westfälischen Bad Salzuflen an. Russlanddeutsche Familien reisten teils von weit her an, um Freunde, frühere Nachbarn, Landsleute aus der alten Heimat zu treffen. Das Angebot der über hundert Aussteller kam dabei nicht zu kurz. Die Verbrauchermesse hat bereits Tradition. In diesem Jahr rechneten die Veranstalter mit über 10.000 Besuchern. Am Morgen des Pfingstsamstags treffen die ersten Messegäste bereits ein, als viele Aussteller noch dabei sind, ihre Stände zu beziehen und mit Ware zu bestücken. Der „Russische Jahrmarkt» ist noch nicht offiziell eröffnet, da haben die Konfektverkäufer schon alle Hände voll zu tun, ihre Kundschaft zu bedienen. Ansichtsexemplare russischsprachiger Zeitungen werden als Beigabe mit in den Plastiktaschen verstaut. Auf der Bühne vor der Haupthalle des Messezentrums wärmen sich die Balletttänzerinnen bei fast herbstlichen Temperaturen auf, während auf der Hauptbühne in der Halle erste Tonproben stattfinden. Zielgruppe der Verbrauchermesse, die seit vier Jahren in Bad Salzuflen veranstaltet wird, sind russischsprachige Besucher, und auch die Aussteller sind vornehmlich russlanddeutsche Unternehmen aus Branchen, die Nützliches und weniger Bedeutsames für Zuwanderer im Angebot haben. Import- und Handelsfirmen stellen Lebensmittel und Genusswaren aus der alten Heimat aus, Verlage preisen russischsprachige Literatur und Periodika, ein Medienversand bietet CDs aus Russland an. Die Flugziele der Reisebüros lesen sich wie eine Auflistung von Ortsnamen in den traditionellen Herkunftsgebieten russlanddeutscher Siedler. Bau- und Beratungsfirmen suchen nach Kunden unter den vorbeischlendernden

Besuchern, während Verkäufer von Haushaltswaren gezielt mögliche Interessenten ansprechen. Wer mag, kann sich die Vorteile einer Ein-Personen-Sauna erläutern lassen oder ein fünfteiliges Topfset für die Garküche ausprobieren. Die Messesprache in diesen

Tagen ist Russisch; die Prospektverteiler ziehen ihr Angebot zurück, sobald sie merken, dass der Angesprochene der russischen Sprache nicht mächtig ist. Eine Firma schließlich sucht Interessenten unter Russlanddeutschen für ein Siedlungsprojekt in Paraguay, für das sich bislang mehrere hundert Interessenten gefunden haben sollen.

Als Hans-Peter Kemper, Aussiedlerbeauftragter der Bundesregierung, den „Russischen Jahrmarkt 2005" eröffnet, hebt er die Bedeutung russlanddeutscher Unternehmen und Firmengründer hervor. Das Beispiel der vielen Aussteller im Messezentrum zeige, dass wirtschaftliche Initiative und gesellschaftliche Beteiligung der beste Weg zu Integration und Teilhabe seien. Seine Zuhörer forderte der Politiker auf, am Neuanfang in Deutschland aktiv mitzuwirken und so mit einem eigenen Beitrag die Hilfen von Bundesregierung, Behörden und Beratungsstellen zu ergänzen.

Gegen Mittag des ersten Tages fällt sich die Haupthalle des Messezentrums zusehends, und vereinzelt haben sich auch schon Besucher an den langen Tischreihen niedergelassen, an deren Spitze Kärtchen mit Ortsnamen stehen. Vier Reihen Omsk, zwei Reihen Almaty – auf den Kärtchen steht Alma Ata -, Koktschetau, Barnaul, Ust-Kamenogorsk, Karaganda und manch andere Namen sind zu lesen. Ein Bühnenprogramm aus Ballett, Tanz und Gesang lockt immer mehr Besucher hierher, nicht minder auch der Duft von frisch gegrilltem Schaschlik. Bald wird es schwer, noch einen Platz zu finden – die Erwartungen der

Veranstalter werden sich wohl erfüllt haben. (ID)

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