Almaty – das ist die Apfelstadt. Das Bild des Apfels begegnet dem Besucher der Stadt auf Schritt und Tritt: als Bestandteil von Firmenlogos, Postkarten, als Skulptur oder Dekoration. Doch die Apfelplantagen und der duftende Aport-Apfel sind weniger gegenwärtig. Dort, wo einst die Pflanzungen lagen, sind nun neue Stadtviertel entstanden, mit schicken Villen und teuren Wohnanlagen.

/ Bild: Dr. Claudia Küpper-Eichas. ‚Neubauten der letzten Jahre.’/

Als ich vor gut einem Jahr nach Almaty zog, war ich sehr froh, dass wir nicht in einem dieser wohlbewachten Wohnkomplexe gelandet waren: kein Schlagbaum, kein Sicherheitsdienst sperren Besucher aus und Bewohner ein. Im unteren Teil von Gorny Gigant stehen die alten, kleinen Häuser in trauter Nachbarschaft mit schmucken Neubauten. Kinder spielen auf den schmalen Straßen. Mütter gehen mit ihren Babys spazieren, treffen sich mit anderen Frauen zum Schwatz. Männer hocken beieinander und spielen Karten. Die Alten haben Stühle auf die Straße gestellt. Freundlich werde auch ich, die neue Nachbarin, gegrüßt.

Das Nebeneinander von groß und klein, alt und jung, die Gärten, in denen liebevoll Gemüse gezogen wird, die alten Bäume auf den Grundstücken und an den Straßen: einfach die ganze Mischung verleiht dem Viertel einen besonderen Charme. Dieser scheint aber zunehmend bedroht. Die alten Häuser verschwinden. Viele standen wohl schon seit geraumer Zeit leer. Die Bewohner sind vielleicht verstorben oder in bequemere, modernere Wohnungen gezogen. Zugegeben: bei aller Kleingartenromantik ist doch das Plumpsklo im Garten vor allem im Winter wenig komfortabel. Beim Spaziergang durchs Viertel findet man jedenfalls Häuser in den verschiedensten Verfallsstadien. Übrigens auch Neubauten, wo den Häuslebauern durch die Finanzkrise das Geld für die Fertigstellung abhanden gekommen zu sein scheint.

Ein Stadtteil verändert sein Gesicht

In diesem Sommer setzte dann aber eine regelrechte Abbruchwelle ein und zahlreiche alte „Datschen“ wurden abgerissen. Zumeist von Hand! Die Gärten liegen verwaist, nur Fundamente, Mauerreste und die ein oder andere Wand sind geblieben. Der Prozess der Veränderung hatte jedenfalls meine Neugier geweckt und ich wollte mehr über Gorny Gigant herausfinden. Im Internet stieß ich auf eine Webseite, erstellt von der Schule Nummer 77.
Es handelt sich um ein Projekt zur Spurensuche und Aufarbeitung der Regionalgeschichte, erstellt im Jahr 2006. Hier las ich, dass besonders die Vorgebirgsregionen im Stadtgebiet vermutlich seit frühgeschichtlicher Zeit durchgehend besiedelt waren. Zahlreiche archäologische Grabungen konnten Zeugnisse aus verschiedenen Zeiten sicherstellen: Fundamente, Grabstätten, Waffen, Geschirr, Schmuck und anderes mehr. Die wechselhafte Geschichte der heutigen Stadt Almaty, ihre Blüte als „Almatu“ im Mittelalter, ihre Zerstörung und erneutes Wachsen als russischer Grenzposten „Werny“ wird auf der Seite ebenfalls erwähnt und dargestellt. Der Fokus liegt aber immer auf dem Gebiet des „Mikrorayons“, also zum Beispiel auf der Kosakensiedlung (Stanzia), die vor den Toren der Festung an der Malaja Almatinka gelegen war.

Wiege des Gartenbaus

Verfallsimpressionen.

Ich erfuhr, dass Gorny Gigant tatsächlich in besonderer Weise mit den Äpfeln verbunden ist! Die Gärten der oberen Stadt Werny waren die Wiege des Gartenbaus im heutigen Almaty. Nach der Revolution schlossen sich im Süden der Stadt Obstbauern zu den ersten Kolchosen zusammen. Gorny Gigant selbst entstand im Jahr 1933 aus der Vereinigung mehrerer Kolchosen. Auf der Webseite der Schule Nr. 77 steht viel über bedeutende Personen, die diese Kolchose zu einem sehr erfolgreichen Landwirtschaftsbetrieb mit zahlreichen Gartenbrigaden machten.
Im Jahr 1933 bewirtschaftete man 23 Hektar Fläche. Jeder Hektar ergab einen Ertrag von 500 Kilogramm Äpfeln. Die Arbeit war zum größten Teil schwere Handarbeit mit Spaten, Hacke, Sense und Heugabel. Die Mitarbeiter waren stolz auf Auszeichnungen, die die Kolchose bei sowietunionsweiten Landwirtschaftsmessen in den Jahren 1939 und 1940 erhielt. Im Krieg waren dann, wie überall, Frauen, Kinder und Alte auf sich allein gestellt und mussten besonders hart arbeiten. Die Ernten der Kolchose wurden an die Front und an andere Orte verschickt. Der eigene Garten oder die eigene Kuh mussten zur Versorgung der Familien beitragen.

Selbst heute im 21. Jahrhundert sieht man morgens ein paar Großväter mit zwei oder drei Kühen in Richtung Berge zur Weide marschieren. Sonst ist nicht mehr viel zu sehen von einer Kolchose, die auch nach dem Krieg noch erfolgreich weiter bestand und sich in den 1950er Jahren über ein gewaltiges Gebiet, herunter von Butakowka über Jubilejny bis zur Satpajew-Straße erstreckte und sich vom Dostyk nach Osten bis nach Baganschyl ausdehnte. Neben den Äpfeln wurden Erdbeeren, Himbeeren, Gemüse und Getreide angebaut, es gab Brigaden zur Milcherzeugung und zur Viehzucht.

Der Landhunger der Neuzeit

Über die Gründe für den Niedergang des einst so erfolgreichen Betriebs, der bis in die 70er Jahre hinein zu florieren schien, erfahre ich auf der Webseite nicht ganz so viel. Eine wesentliche Ursache war offensichtlich der Landhunger der wachsenden Metropole. Die Stadt habe in den 1980er Jahren weite Teile der Gebiete der Kolchose „aufgesogen“, heißt es im Text. In den 1990er Jahren fingen die Grundstückspreise dann schnell an, in schwindelnde Höhen zu klettern. Andere Bewohner, die es sich eben leisten konnten, bauten nun auf freigewordenen Grundstücken. Die Lage oberhalb des größten Teils der Stadt, damit bessere Luft und die relative Nähe zu den Verwaltungs- und Geschäftszentren Almatys machen die Grundstücke attraktiv.

Über die jüngste Entwicklung kann ich nun nur spekulieren. Vielleicht sind die zahlreichen Abrisse von Häusern in diesem Sommer ein Zeichen dafür, dass die Talsohle der Krise überwunden ist und die Umgestaltung des Viertels nun ihre beschleunigte Umsetzung finden wird. Umso schöner, dass die Arbeit der Schule Nr. 77, die ihre Anfänge nach dem Krieg in der oberen Etage des Klubhauses der Kolchose hatte, die Geschichte und die Schicksale der Region ein Stück weit aufgearbeitet und aufgezeichnet hat. Wer ein wenig Russisch versteht, dem sei ein Besuch auf der Seite www.gornygigant.narod.ru ans Herz gelegt!

Von Dr. Claudia Küpper-Eichas

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