Lydia Wachs: „Außer Steppe ist da nichts”

Lydia Wachs in einem Almatyner Cafe.
Lydia Wachs in einem Almatyner Cafe. | Foto: Sabine Hoscislawski

Sie kommen als Austauschstudenten, Freiwillige, Sprachassistenten oder Praktikanten. Was zieht junge Deutsche nach Kasachstan? In einer losen Reihe stellen wir einige von ihnen vor, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Die 23-jährige Lydia Wachs führte Anfang des Jahres ein Praktikum an der Deutschen Botschaft in Astana nach Kasachstan. Anschließend arbeitete sie mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Almaty zusammen. Seit Ende April ist sie zurück in Dresden, wo sie Bachelorstudium der Internationalen Beziehungen fortsetzt.

Lydia, warum hast du dich entschieden, nach Kasachstan zu gehen?

Im vergangenen Semester habe ich ein Auslandssemester in Sankt Petersburg gemacht. Im Anschluss daran wollte ich noch ein Praktikum im russischsprachigen bzw. postsowjetischen Raum machen.

Seit etwa zwei Jahren interessiere ich mich für Kasachstan. Ausschlaggebend dafür war der Film „WEIT. Die Geschichte von einem Weg um die Welt“ über ein Pärchen, das gemeinsam um die ganze Welt reist. Es gibt da die Szene, in der sie in Kasachstan sind und von einem LKW-Fahrer mitgenommen werden. Es hat mich sehr fasziniert, wie die da durch die Steppe gefahren sind.

Außerdem habe ich mich in Sankt Petersburg mit politischen Prozessen in Zentralasien auseinandergesetzt. Durch diese beiden Faktoren ist mein Interesse an dem Land gewachsen.

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Im Januar und Februar warst du als Praktikantin an der Deutschen Botschaft in Astana. Was waren deine Aufgaben?

Ich war in der Abteilung Politik, Kultur und Presse. Eine meiner Hauptaufgaben war die Recherche zu wichtigen aktuellen Themen in den Beziehungen zwischen Kasachstan und Deutschland. Dabei kam mir zugute, dass ich auch russischsprachige Publikationen verstehe und deshalb auch die Presse in Kasachstan verfolgen konnte.

Zudem durfte ich internationale Konferenzen besuchen und nahm am Botschaftsleben teil. Dadurch habe ich einen sehr schönen Einblick in die Botschaftsarbeit bekommen.

Was waren die Themen, mit denen du dich in deiner Zeit in Kasachstan beschäftigt hast?

Eines der Themen waren die Russlanddeutschen. In der Botschaft habe ich eine relativ große Recherche dazu gemacht. Für mich war das wirklich ein interessanter Zufall, da ich bereits in Sankt Petersburg auf die Thematik gestoßen bin. Und zwar habe ich im Rahmen meiner Mitarbeit in der NGO Memorial, die sich mit der Geschichtsaufarbeitung der Stalin-Repressionen beschäftigt, ehemalige Gulag-Überlebende getroffen.

Ausgerechnet die letzte Begegnung war dann mit einer Russlanddeutschen. Ihre Biographie hat mich sehr bewegt: Sie wurde nach Kokschetau in Kasachstan deportiert und lebte dort unter schlimmsten Bedingungen. In diesem Zusammenhang habe ich das erste Mal von dem Schicksal der Russland– bzw. Kasachstandeutschen gehört. Generell hat mich die Frage nach Identität dann nicht mehr losgelassen: sowohl in Bezug auf die Identität der Kasachstandeutschen als auch der Kasachstaner. Sehr interessant war es, den Vergleich mit Deutschland zu machen, sowie die Frage, welche Rolle Nationalität bei der Identitätsbildung spielt.

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Du hattest das Glück, sowohl in Astana als auch in Almaty zu wohnen. Kannst du die beiden Städte miteinander vergleichen?

Ich kann auf jeden Fall sagen, dass mir Almaty sehr gut gefällt. Zu Astana habe ich noch keine Meinung. Almaty ist eine sehr schöne Stadt mit einer tollen und lebendigen Atmosphäre. Das Zentrum ist sehr schön renoviert. Gleichzeitig fasziniert mich die sowjetische Architektur, deren Fassaden häufig mit nationalen Elementen geschmückt sind. Das wahnsinnige Panorama der Berge macht die Stadt sehr besonders.

Gerade hier zeigt sich auch der enorme Unterschied zu Astana: Wenn man in Astana ein höheres Gebäude erklimmt, schaut man einfach nur in die Weite – außer Steppe ist da nichts.

Astana als Stadt war jedoch trotzdem sehr interessant. Anfangs habe ich die Stadt sehr in Frage gestellt, da das Zentrum wie ausgestorben war – kaum Menschen, nur Prestigegebäude aus Glas und alles wie mit dem Lineal gezogen. Es war eine wahnsinnige Erfahrung für mich, so eine Planstadt einmal mitzuerleben. Vor allem da die Stadt noch voll im Entstehungsprozess ist. Wichtig war es für mich aber auch zu sehen, dass der alte Teil der Stadt ganz anders ist und sich dort das „normale“ Leben konzentriert.

Was wird dir von deiner Zeit in Kasachstan in Erinnerung bleiben?

Das gleißende Licht und die Kälte in Astana. Dieser Moment, wo die Luft und der Boden komplett gefroren sind und alles nur am Glitzern ist, ist wunderschön. Auch das Bergpanorama von Almaty wird mir in Erinnerung bleiben. Es verleiht der Stadt eine unglaubliche Weite.

Wirst du nochmal wiederkommen?

Auf jeden Fall. Allein schon weil meine Familie bereits angekündigt hat, dass ich ihnen Zentralasien zeigen soll. Außerdem will ich noch viel mehr von Kasachstan sehen!

Das Interview führte Sabine Hoscislawski.