Die deutschen Studenten John und Amisha eröffneten im Oktober in der Galerie für zeitgenössische Kunst „Tengri Umai“ ihre Ausstellung „(my) Family and some melons“.

/Arbeiten mit einem Raumbezug – eines der Kunstwerke von John und Amisha./

Die frisch duftenden, angeschnittenen Melonen sind mit Löffeln drapiert und über die Eingangstreppe verteilt. Kleinformatige Fotos neben den Melonenstücken zeigen Motive von Reisen durch die kasachische Steppe. John und Amisha, zwei junge Studenten aus Karlsruhe und Berlin, präsentieren nach ihrer Reise durch ganz Kasachstan in der Galerie „Tengri Umai“ ihre Kunst.

Über die Treppe kommt der Besucher in einen tiefer liegenden, spärlich beleuchteten Raum, an dessen Eingang er ein weißbespanntes sesselähnliches Objekt wahrnimmt. Im Innern entdeckt er eine mit Gips ausgekleidete bunt bemalte runde Form und ein Stoffobjekt, ähnlich einem Mumienschlafsack. Im hinteren Teil der Ausstellung ist ein weiß-glitzerndes schalenähnliches Kunstwerk platziert, das in Farbe und Form an eine Salzscholle vom Aralsee erinnert.

DAZ sprach mit den Künstlern über ihre Ideen, ihre Inspiration und ihr Verständnis von Kunst.

DAZ: Warum haben Sie sich Kasachstan als Ausstellungsort ausgesucht, warum in dieser Galerie?

John: Wir sind viel gereist, unter anderem auch durch Zentralasien. Ein Land wie Kasachstan hat uns fasziniert, weil es durch seine geographischen Gegebenheiten sehr groß und weitläufig ist. Trotz der Größe sind weite Teile des Landes nur Steppe und Wüste. Aber auch die historische Durchmischung hat uns interessiert: die Vergangenheit Kasachstans als Sowjetrepublik, dann der Zusammenbruch der UdSSR, aber auch die Veränderungen, die bis in die Gegenwart stattfinden. Während unserer sechswöchigen Reise durch Kasachstan und einem 5-Tage-Aufenthalt in Usbekistan haben wir viel erlebt, viel gesehen. So gibt es zum Beispiel das Observatorium (zweitgrößte Sternwarte zu Zeiten der UdSSR) in der Nähe Almatys oder das Atomtestgelände (Polygon) bei Semipalatinsk, von dem noch alte Forschungszentren aus Sowjetzeiten geblieben sind. Oder unsere Eindrücke vom Aralsee… Das alles sind Gegenden, die trotz der Brüche in der Zeit noch die Präsenz der Vergangenheit spüren lassen.

Ein weiteres Interesse wurde durch den Film „Ulzhan“ geweckt. Durch “Ulzhan” und Bücher von Aitmatow hatte ich vor einigen Jahren meine erste Begegnung mit Kasachstan.

Amisha: Ich habe von einem früheren Studienkollegen aus Kasachstan viel über das Land erfahren. Er hat mir von einer Leere und Weite berichtet. Diese wollte ich erleben. Ausschlaggebend für die letztendliche Entscheidung, hierher zu reisen, war jedoch ein Traum, in dem eine Parade mit unbekannten Objekten durch die Steppe zog. Ganz ähnlich der Militärparade des Präsidenten, wie wir sie hier zum Feiertag im Fernsehen angeschaut haben. Bei unserer Reise durch Kasachstan und auch allgemein in unserer künstlerischen Auseinandersetzung suchen wir uns immer wieder Orte, an denen wir bleiben und arbeiten können.

Während der Reise haben wir uns entschlossen, vor der Heimreise noch einmal eine längere Zeit in Almaty zu bleiben. Nicht zuletzt war auch die Bekanntschaft mit Wladimir Filatow (Direktor der Galerie, Anm. d. Red.) wichtig für die Auswahl dieses Ortes. So sind wir jetzt in Almaty in der Tengri-Umai-Galerie, die wir im Vorfeld als einzige Galerie in Zentralasien für zeitgenössische Kunst gefunden haben.

Welche Erwartungen hatten Sie im Vorfeld an die Ausstellung?

Uns war es wichtig, während des Aufenthaltes in Kasachstan an einem Ort zu arbeiten und eine Rauminstallation mit neuen Ideen und Objekten zu entwickeln. Diese sind zum Teil an die Erlebnisse aus der Reise geknüpft.

Die Ausstellung selbst haben wir einer besonderen Person gewidmet: einer alten Frau, die während einer Busfahrt nach Katonkaragai, einer Stadt nahe des Dreiländerecks Russland, China und Kasachstan, verstorben ist.

Welches künstlerische Konzept steht hinter Ihrem Werk?

Wir arbeiten aus unseren Ideen heraus und mit den Mitteln, die diese Ideen benötigen. So ist es nicht treffend zu sagen, dass wir in der Tradition einer bestimmten Stilrichtung arbeiten. Wir möchten dem, was die Ideen zur Entstehung brauchen, keine Grenzen setzen.
Während der Reise hat jemand über unsere Arbeit und unsere Kunstwerke gesagt: “They sculpt space”(Sie bilden mit Raum/den Raum). Wir arbeiten viel mit einem Raumbezug, aber auch mit Zeiten, Situationen, Personen, Abständen, Gerüchen, Objekten, Zeichnungen… Und wenn wir es notwendig finden, zu malen oder Skulpturen zu bauen, dann ist dem auch keine Grenze gesetzt.

Wir wollen unsere Erfahrung mit dem Raum in der Kunst vermitteln, im Raum selbst eine unmittelbare Begegnung schaffen. Das heißt, für uns haben die Objekte nicht nur einen ästhetischen Bezug, sondern stellen selbst eine visuelle und körperliche Erfahrung dar. Interessant ist auch die Einbeziehung des Ortes oder die Situation, an dem ein Objekt oder Werk entsteht. Manchmal schafft man es, etwas von dem “Geist” des Ortes oder der Situation einzufangen; der Ort wird dann Teil des Objektes.

Was diesen Ausstellungsraum betrifft, so hatten wir im Vorfeld noch ganz andere Ideen gehabt.

Wir mussten uns aber während des Entstehungsprozesses immer wieder an den Bedingungen und der Verfügbarkeit der Mittel vor Ort orientieren, um unsere künstlerischen Anforderungen umzusetzen.

Das Arbeiten in einem anderen Land stellt einen Künstler vor ganz neue Herausforderungen, vor allem hinsichtlich Kommunikation, Organisation und interkultureller Verständigung. Unsere Arbeiten selbst präsentieren wir sowohl im Inland als auch im Ausland nur auf Einzelausstellungen.

Die Zusammenarbeit nutzen wir, um mehr Gewicht auf das Kunstwerk und die Idee an sich zu setzen, als auf die dahinterstehende Person. Denn in der europäischen Tradition ist Kunst stark an die Vorstellung eines unverwechselbaren Stils des Künstlers, die eigene Handschrift, gebunden. Mit der Zusammenarbeit wird die Frage nach der Autorenschaft in Frage gestellt, und dem Werk wird mehr Raum gegeben.

Können Sie sich eine berufliche Zukunft in Kasachstan vorstellen? Gibt es Pläne im Rahmen Ihrer künstlerischen Arbeit?

Wir könnten uns durchaus vorstellen, noch einmal mit der Bildhauerklasse aus unserem Studiengang für ein künstlerisches Projekt zurückzukommen. Wir haben auf jeden Fall Interesse, denn Ideen haben wir noch sehr viele!

Vielen Dank für das Gespräch!

Galerie für zeitgenössische Kunst „Tengri Umai“, Ul. Panfilowa, 103, Almaty.
Direktor: Wladimir Filatow. E-mail: vfilatov@tu.kz

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Die Künstler:
Amisha
studiert an der Staatlichen Akademie der Künste in Karlsruhe in der Klasse von Prof. John Bock Bildhauerei.
John ist Student der Bildhauerei in der Klasse von Gregor Schneider, Universität der Bildenden Künste Berlin.
E-mail: john.und.amisha@googlemail.com

Von Malina Weindl

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