Wer davon erfährt, will es entweder unbedingt oder unter keinen Umständen besuchen: Die Rede ist vom Museum für Gerichtsmedizin in St. Petersburg, wo Mumien vor sich hin faulen oder in trübe Flüssigkeit eingelegte Hautstücke die Regale füllen. Und dementsprechend riecht es im Reich von Professor Jewgeni Mischin.

Weit ausserhalb des Zentrums von St. Petersburg, wo die Strassen breiter und schmutziger werden und von grauen Plattenbauten gesäumt sind, da draussen liegt das Staatliche Krankenhaus „Peter des Grossen“. Die ganze Spitalanlage erstreckt sich über einen verschneiten Park. Glitschige Trampelpfade verbinden die separat stehenden Gebäude und schreien förmlich nach Beinbruch. Einige der Pavillons stehen leer, die Fensterscheiben sind eingeworfen und die Dachrinnen vom gefrorenen Regenwasser gesprengt. Die noch bewohnten Backsteinbauten sehen indes nicht anders aus. Noch knirscht der Schnee unter den Füssen. Und das ist gut so. Denn sobald es hier zu tauen beginnt, verwandeln sich die vielen kleinen Wege in ein Matschmoor und es beginnt die Jahreszeit der permanent nassen Füsse.

Gruselkabinett im fünften Stock

Auf dem Gelände ist neben dem Krankenhaus auch die medizinische Fakultät angesiedelt. Junge, auffällig gesund aussehende Passanten schreiten auf den Wegen mit entschlossenen Schritten der Ausgangspforte zu. „Ins Museum für Gerichtsmedizin?“, erwidert einer der befragten Studenten erstaunt. „Das befindet sich im 26. Pavillon, rechts, gerade aus, bis ganz nach hinten gehen“, sagt es, schlägt den Kragen seines Mantels hoch und stapft weiter. Von aussen gleicht der 26. Pavillon allen andern aufs Haar. Im Erdgeschoss riecht es nach Ammoniak. Der Geruch stammt aus den Toiletten. Entlang an den giftgrün getünchten Wänden, wackligen Treppengeländern und auf abgetretenen Stufen, geht’s schliesslich in die dritte Etage. Montags, mittwochs und freitags wird hier empfangen, wer den Weg aus der Stadt bis hierhin gefunden hat. Hinter einer Holztür saugt ein schmaler Gang den Besucher förmlich hinein ins Museum für Gerichtsmedizin. Die Wände sind tapeziert mit Bildern und Urkunden. Vergilbten schwarz-weiss Fotos zeigen, wie Studenten einen Leichnam sezieren. Gleich daneben Publikationen zur Geschichte des forensischen Instituts. Drei Männer sind daran, mit Schraubenziehern einen Ausstellungskasten mit Büchern und Originaldokumenten aufzubrechen, zu dem scheinbar der Schlüssel verloren gegangen ist.

„Endlich haben sie’s doch noch gefunden“, ruft Professor Jewgeni Mischin sichtlich erfreut aus seinem Büro. Der Professor ist weit in den 60ern und trägt einen weissen Arztkittel über seinen Anzug. Auf der Brust prangt ein Namensschild. Seine leicht getönte Hornbrille überdeckt die Augenbrauen und reicht bis an die Nasenwandränder. Keine Chance für die gutmütigen kleinen Äuglein, da vorbeizuschauen. „Ich werde mich gleich um sie kümmern. Hängen sie doch schon mal ihre Mäntel im Saal gegenüber auf“, sagt er freundlich.

20 Arten sich zu erhängen

Aufhängen scheint das richtige Stichwort zu sein. Als Garderobe dient ein Klassenzimmer, in dem gleichzeitig auch die ersten Exponate des Museums zu sehen sind: Schlingen aus Seil, Kabel oder Draht – die makabere Collage zeigt verschiedene Gegenstände, mit denen sich Leute erhängt haben. Modelle sollen zudem veranschaulichen, welche Spuren das jeweilige Material am Hals hinterlässt. „Ich erinnere mich an einen Fall, da hat sich jemand mit einem dünnen Drahtseil um den Hals von recht weit fallen lassen. Da haben wir Rumpf und Kopf separat aufgefunden“, erzählt Professor Mischin so, dass man es sich zu bildlich vorstellen kann. Erhängen sei die mit Abstand populärste weil kostengünstigste Selbstmordvariante in Russland. Rund 600 Selbsttötungen pro Jahr geschehen in St. Petersburg, in ganz Russland sind es gar 60.000. Diejenigen nicht mitgezählt, die sich zu Tode trinken. Dazu kommt eine Mordrate von rund 50.000 pro Jahr. Und mit denen befasst sich Professor Mischins forensisches Institut: „Bei besonders kniffligen Fällen hier in St. Petersburg werde ich noch heute von der Mordkommission als Experte herangezogen“, sagt er.

Todesgestank

Das Herzstück des Museums befindet sich auf der anderen Seite des Korridors. Keine Modelle, sondern echte Körper und Körperteile geben dem Raum eine ganz besondere Duftnote. Der Professor verzieht keine Miene. In einfachen Schranknischen faulen drei mumifizierte Körper vor sich hin. „Man müsste sie mal fachmännisch behandeln und aufbewahren“, jammert Mischin und weist auf den langsam abbröckelnden Beinstumpf eines sitzenden Knochengestells, das mit ledriger Haut überzogen ist. „Der hier ist während der Blockade im zweiten Weltkrieg in seiner Wohnung gestorben. Wohl weil es so kalt und trocken war und er lange nichts mehr gegessen hatte, ist er nicht verfault, sondern hat sich mumifiziert“, analysiert der Professor. Eine absolute Seltenheit und Laune der Natur sei das nächste Exponat: Ein mumifizierter Frauenkopf, an dem noch die volle Haarpracht vorhanden ist. Aus weit aufgerissenen Augen starrt die Frau ins Leere und ihr Mund ist leicht geöffnet zu einem ewigen letzten Seufzer.

Ob ein Schädel mit Einschusslöchern, ein faustgrosser Nierenstein, diverse Knochenfrakturen oder ein eingelegtes Zyklopenbaby: Die Ausstellungsstücke sind bunt gemischt. „Auch die Haut kann uns einiges über einen Toten verraten“, belehrt Jewgeni Mischin und zeigt auf ein paar Kästchen, in denen etwas Schlüpfriges, Braunrotes noch halbwegs in Flüssigkeit schwimmt. „Anhand der Haut kann man ausmachen, wie lange eine Leiche im Wasser gelegen hat. Denn das Fett beginnt sich mit der Zeit aufzulösen.“ Zudem könne die Haut auch zur Identifikation hilfreich sein: Auf gegerbten Hautstückchen sind Tätowierungen zu sehen. Hier ein Name mit blauer Tinte gestochen, dort eine nackte Frau im Kleinformat. Sogar die Haut eines deutschen Kriegsgefangenen liegt im Sammelsurium des Museums für Gerichtmedizin.

An den Tod gewöhnt

Mittlerweile ist Professor Mischin in Fahrt gekommen. Weg von verkohlten Leichen, verwesten Schädeln und vergifteten Organen, führt die Exkursion weiter – in sein Büro. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher, Mappen und andere Utensilien. Und auch an den Wänden ist kaum mehr Platz frei: Neben Ikonen hängen Urkunden, Abzeichen und Portraits. Einige wild wuchernde Pflanzen verstellen den letzten Platz im Arbeitszimmer, geben ihm aber zugleich einen Hauch von Überleben. Der Professor weist auf die düster dreinschauenden Köpfe auf den Portraits und sagt: „Das sind alle meine Vorgänger, die am Institut für Forensik gearbeitet haben“. Bereits seit 1916 existieren Institut und Museum nämlich schon, sie wurden drei Jahre nach der Eröffnung des Krankenhauses „Peter des Grossen“ gegründet. Im Zimmer fehlt neben der Russlandflagge auch Genosse Lenin auf rotem Hintergrund nicht. Und mit seinem weissen, leicht spitzig anmutenden Bärtchen und den glatt rasierten Wangen, hat Professor Mischin gar gewisse Ähnlichkeiten mit dem „Vater aller Väterchen“. Stolz präsentiert Mischin eine forensische Enzyklopädie in deutscher Sprache. Ein Geschenk aus Deutschland, genau so wie einige VHS-Kasetten mit morbiden Illustrationen auf der Hülle, die an billige Gruselfilme erinnern. Der Professor kann zwar kein Deutsch, ist aber trotzdem ganz zufrieden mit den Präsenten. Auf die Frage, ob er es nicht manchmal lieber ein wenig lebendiger hätte, entgegnet er nüchtern: „In all den Jahren habe ich mich an den Tod gewöhnt“.

Beim Ausgang des Museums hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Die Gerichtsmedizin ist der Leuchter, der es dem Richter erlaubt, die Wahrheit zu sehen.“ Draussen im Hof ist es bereits stockfinster. Hunde streunen auf dem Gelände des Krankenhauses, ihr Atem dampft in der Kälte. Zu wenige Lampen leuchten dämmrig den vereisten Weg zur Bushaltestelle. Und es scheint, als ob auch dieser letzte Gang zum Museumsbesuch dazugehöre.

Von David Kunz

19/01/07

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