Welcher deutsch-russisch-Sprechende kennt das nicht, entweder von sich selbst oder von Menschen aus dem familiären Umfeld und Freundeskreis: Man beginnt einen Satz auf Deutsch und wechselt plötzlich ins Russische. Sei es nur für ein bestimmtes Wort oder für das ganze restliche Gespräch. Auf monolinguale Sprecher, die nur der deutschen oder russischen Sprache mächtig sind, wirkt die daraus entstehende Wortsuppe oft unverständlich. Dieses Phänomen, in der Linguistik bekannt unter dem Begriff Codeswitching, ist ein Prozess, bei dem die SprecherInnen von einer Sprache in die andere schalten, also switchen, und ist typisch für mehrsprachige Gesellschaften und Gruppen.

Als Tochter von Eltern, die seit 28 Jahren in Deutschland leben und die deutsche Sprache mittlerweile fließend beherrschen, bin ich diese besondere Form des Austausches untereinander längst gewöhnt. Aufgefallen ist mir dabei etwas, dass ich als „dreiseitiges Switchen“ bezeichnen würde: das Switchen innerhalb einer rein deutschsprachigen Umgebung in das Russische, das Switchen innerhalb einer rein russischsprachigen Umgebung in das Deutsche sowie das Hin- und Herswitchen zwischen den Sprachen in einem zweisprachigen Umfeld.

Kennst du viele Sprachen – hast du viele Schlüssel für ein Schloss. (Voltaire)

Meine Vorliebe für Wortschatz und Sprachrichtigkeit und mein daraus resultierender fehleranalytischer Sinn wurden beim Zuhören jedoch stark gefordert. Lange Zeit empfand ich diese Halbsprachigkeit als ein Zeichen von mangelnder Bildung, als eine Form des Sich-gehen-lassens und weniger als ein Zeichen von Identität oder gar Virtuosität durch eine Neukomposition von Sprache. Ich fühlte mich meinen Eltern überlegen, obwohl ich diejenige war, die ihre erste Muttersprache, das Russische, schon im Grundschulalter verloren hatte.

Heute weiß ich, dass Codeswitching auch eine verbale Ausdrucksform des „Zerrissenseins“ zwischen den Welten darstellen kann. Ist diese Form der Sprachverwendung möglicherweise ein bewusstes Mittel zur Abgrenzung gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft? Ein identitätsstiftendes Mittel? Ja, das ist sie. Aber auch mein sprachwissenschaftlicher Hintergrund entfachte ein gewisses nüchternes Interesse am „Gemischtsprechen“. Es war vor allem dieser Aspekt, der mich motivierte, der Sache auf den Grund zu gehen. Allem voran beschäftigte mich die Frage: Was bewegt den Kommunikationspartner in dem Moment zu dem sogenannten Switch?

Grundvoraussetzung für den Sprachwechsel zwischen zwei Kommunikationspartnern ist zunächst eine gleichwertige Sprachkompetenz sowohl im Russischen als auch im Deutschen. Der Grund zum Wechsel kann dabei stark variieren, nicht nur bei beiden Sprechern, sondern auch bei dem gleichen Sprecher innerhalb eines Gesprächs. Codeswitching unterliegt verschiedenen Regeln, die von Sprachkontaktforschern ermittelt wurden und werden, da dies ein sehr lebendiges Forschungsgebiet ist. Wortwechsel entstehen somit nur scheinbar beliebig und unvorhersehbar, wie das folgende Beispiel zeigt:

Ty Bewerbung napisala? Das Wort Bewerbung verweist in der Regel auf ein schriftliches Angebot eines Arbeitssuchenden inklusive Lebenslauf, Lichtbild, Zeugnisse und gegebenenfalls Referenzen. Das Russische liefert keinen entsprechenden Begriff dafür, da sich die Unterlagen für eine Bewerbung in Russland ein wenig informeller gestalten. Oft wird der Begriff Resümee verwendet, der aber nicht äquivalent zur „typisch deutschen Bewerbung“ ist. Ein wichtiger Beweggrund ist somit das Gesprächsthema. Geht es um Arbeit oder Beruf, wird vermehrt in das Deutsche geswitcht, da es die Sprache der Institutionen ist.

Abrupte Themenwechsel, Wortspiele, die für das Verständnis des Gesagten elementar sind, oder kodierte Sachverhalte, die beispielsweise im Gespräch zwischen Eltern nicht für Kinderohren gedacht sind, können Auslöser werden. Auch Schimpfwörter werden gerne in der Muttersprache ausgedrückt, da diese die emotionale Beteiligung am Thema vollumfänglicher verbalisieren können.

My vstrechaemsja na banhofe (Wir treffen uns am Bahnhof). Nanu, hat da jemand etwa ein -e zu viel verwendet? Das Wort Bahnhof wurde in einen russischen Satz eingebettet, mit der Endung -e versehen und so an die russische Grammatik angepasst. Switchwörter ordnen sich in der Regel den grammatikalischen Regeln der jeweilig übergeordneten Sprache unter. Schon öfter ist mir dieses Phänomen bei Verwandtschaftsbesuchen, bei denen es lautstark mehr Russisch als Deutsch zuging, aufgefallen. Das Rezept ist offensichtlich kein Geheimnis mehr: Man nehme bei Ortsangaben ein deutsches Wort und hänge ein -e daran…

Im Zuge meiner Feldforschung bin ich im Internet auch auf unterhaltsame „Listen deutscher Wörter im Russischen“ gestoßen. Diese sogenannten Entlehnungen sind deutsche Wörter, welche bereits feste Bestandteile des russischen Wortschatzes geworden sind und von der ganzen Sprachgemeinschaft akzeptiert wurden. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dass Parikmacher (Friseur) von Perückenmacher abstammt und auch in Russland einen gepflegten Backenbard (Koteletten) stylen kann. Ob dieser Parikmacher wohl auch ein Faible für schöne altertümliche Bjustgalter (Büstenhalter) hat? Das deutsche Butterbrot ist als Buterbrod eingewandert und bezeichnet eine belegte Scheibe Brot, wobei Butter nicht unbedingt zum Belag gehören muss. Geschmeckt haben den Russen offensichtlich auch Apelsin (Apfelsine), Glintwejn (Glühwein), Kartofel (Kartoffel) und Schpik (Speck).

Militärvokabular wie Schtabkwartira (Hauptquartier), Kasarma (Kaserne), Patrontasch (Patronengürtel) oder das allseits bekannte russifizierte gitler kaput! dürfen natürlich nicht fehlen in dieser Liste. Doch auch vor den Weltkriegen muss es bereits deutsch-russischen Sprachkontakt gegeben haben, waren im 18. Jahrhundert doch schon deutsche Siedlungen in Russland vorzufinden. Deutscher Exportschlager scheint auch das in andere Sprachen adaptierte lejtmativ (Leitmotiv) zu sein, was neben paltergejst (Poltergeist) und wunderkind (Wunderkind) zu meinen Lieblingen gehört.

„Jedes Mal, wenn wir etwas in der einen Sprache sagen, das wir vielleicht auch in einer anderen hätten sagen können, stellen wir eine Verbindung her zu Menschen, zu Situationen, zu Machtkonstellationen aus unserer eigenen Geschichte […]. Es ist die Sprachwahl, mit der wir Grenzen der ethnischen Zugehörigkeit und persönlicher Beziehungen aufrechterhalten oder ändern; es ist die Sprachwahl, mit der wir uns und die Anderen […] konstruieren und definieren», heißt es in einem Fachbuch.

Ich habe gelernt: Es macht kreativer, Codeswitching zu betreiben. Die Beweglichkeit von Denkprozessen wird gefördert und die geistige Flexibilität erhöht sich. Je nach Gesprächspartner können Gefühle nuancierter ausgedrückt werden, allgemein gibt es viel mehr Auswahlmöglichkeiten für Formulierungen und einen umfangreicheren Wortschatz, aus dem man schöpfen kann. Und nicht zuletzt verleiht die gemeinsame Sprechkultur des Codeswitchings manchen Menschen etwas, was sie in Deutschland möglicherweise immer noch als einen Mangel empfinden. Ein Gefühl von Heimat und somit eine Kommunikation auf Herzensebene.

Eugenia Steinbach wurde in Astana, damals Tselinograd, geboren. 1990 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, wo sie nach ihrem Abitur Romanistik und Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz studierte. Schon als Kind begeisterte sie sich für das Erlernen neuer Sprachen. Heute versucht sie, sich ihre erste Muttersprache, das Russische, wieder beizubringen.

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