Der Generalkonsul der Bundesrepublik in Almaty Dr. Michael Grau sieht ein gewaltiges politisches, wirtschaftliches und kulturelles Potenzial in den Beziehungen zwischen Kasachstan und Deutschland. Worin dies besteht, hat Tatjana Zhandildina im Interview mit ihm herausgefunden.

Vor zehn Monaten haben Sie Ihren Arbeitsplatz von Nowosibirsk nach Kasachstan gewechselt, eine der 15 postsowjetischen Republiken. Welches Fazit ziehen Sie nach einem Jahr Amtszeit vor Ort?

Die russisch-sowjetische Prägung vieler Städte ist unübersehbar. Vieles aus russischer Zeit ist glücklicherweise aus unserer Sicht positiv: Vor allem die Kultur- und Bildungsinfrastruktur und auch eine Basisqualität öffentlicher Dienstleistungen.

Unsere russischen Erfahrungen sind für meine Frau und mich sehr nützlich. Sie haben uns das Einleben und Arbeiten in Almaty sehr erleichtert. Ein Unterschied zu Russland liegt für mich darin, dass die südliche Hauptstadt Kasachstans aufgrund von Lage und Geschichte kosmopolitischer wirkt als manche sibirische Großstadt.

Generalkonsul der Bundesrepublik, Dr. Michael Grau | Bild: Generalkonsulat Almaty

Seit 11 Jahren unterhalten Kasachstan und Deutschland gegenseitig freundschaftliche diplomatische Beziehungen. Ende September wählen die deutschen Bürger einen neuen Bundestag. Welche politischen Prioritäten sind hier zu erwarten, wird es Veränderungen geben?

Die deutsche Außenpolitik ist seit Jahrzehnten kontinuierlich. Da sich die Bedeutung Ihres Landes in den kommenden Jahren sicher nicht verringern wird, nehme ich an, dass sich an diesem Format der Zusammenarbeit auch nach den Wahlen vom 22. September nichts Wesentliches ändern wird. Ich habe den Eindruck, dass Kasachstan auf seinem Pfad in die Zukunft, so wie er sich derzeit abzeichnet, auf Sympathie und Kooperationsbereitschaft hoffen kann.

Deutschland hat sich als Wirtschaftspartner später als China und die USA engagiert. Trotzdem ist die Bundesrepublik heute der sechstgrößte Außenhandelspartner Kasachstans. Was waren kürzliche Höhepunkte der gemeinsamen Zusammenarbeit?

Zum siebten Mal ist in Astana im Juni die deutsch-kasachische Regierungsarbeitsgruppe für Wirtschaft und Handel zusammengetreten. Das jährliche Treffen der Deutschen Wirtschaftsvertreter mit ihren hiesigen Partnern soll dieses Jahr am 25. Oktober stattfinden. Das Motto lautet: „Deutschland und Kasachstan – Wirtschaftliche Zusammenarbeit im Vorfeld der EXPO 2017“. Ebenso richtet das Generalkonsulat Treffen zwischen deutschen und kasachischen Unternehmern auf den Öl- und Gasmessen KIOGE und KazStroi aus.

Die 1999 auf private Initiative gegründete Deutsch-Kasachische Universität (DKU) befindet sich in Not: Unter anderem fehlen ein Gebäude und Sponsorengelder. Wie bewerten Sie die Zukunft dieser Hochschule?

Ich konnte selbst vor kurzem im Festsaal der Akademie der Wissenschaften bei der Verleihung der Abschlussdiplome zugegen sein. Es war nicht nur eine fröhliche und würdige Veranstaltung, die Studenten und ihre Eltern haben sich auch ausgesprochen dankbar und anerkennend zu ihrer Hochschule geäußert. Das ist ein starkes Argument für den Wert der Ausbildung, die bei der DKU vermittelt wird. Sicherlich sind derzeit die Wachstumsmöglichkeiten durch die Raumfrage begrenzt. Doch ich hoffe, es gelingt, die Kapitalausstattung zu verbessern. Die Bundesrepublik Deutschland dagegen unterstützt überwiegend den laufenden Lehrbetrieb.

Auch wenn sich die Stellung der deutschen Sprache seit dem Fall des Eisernen Vorhangs verändert hat, so scheint mir doch die Wertschätzung für deutsche Bildung unverändert hoch gebleiben zu sein. Bolashak- und DAAD-Stipendiaten sind sich der Qualität der deutschen Ausbildung bewusst. Die erfolgreichen Absolventen derjenigen kasachischen Schulen, an denen ein Sprachdiplom erworben werden kann, gehen zu fast 90 Prozent von sich aus nach Deutschland, ohne Stipendium für die akademische Erstausbildung. Die Nachfrage nach deutscher Bildung wird, unabhängig von der Stellung der deutschen Sprache, allein aufgrund der intensiven Wirtschaftsbeziehungen weiterhin lange bestehen.

Die deutsche Minderheit gilt als wichtige wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Brücke zwischen Kasachstan und Deutschland. Hier in Kasachstan leben etwa 200.000 Deutsche. In den letzten zehn Jahren sind sogar 5.000 von 800.000 Spätaussiedlern nach Kasachstan zurückgekehrt. Wie bewerten Sie das, Herr Generalkonsul?

Die Veränderung seines Lebensmittelpunktes ist eine Entscheidung, die Mut erfordert. Und ich wünsche allen, die diese Entscheidung einmal oder mehrmals in ihrem Leben zu treffen haben, nur Glück und Erfolg. Ich glaube, die Kasachstandeutschen sind in Deutschland überwiegend erfolgreich, auch anerkannt. Die Rückkehr nach Kasachstan muss ja nicht Ausdruck von Enttäuschung oder Scheitern sein. Ganz im Gegenteil. Aufgrund der Vertrautheit mit beiden Ländern und Kulturen ergeben sich berufliche Chancen, die man vielleicht in Deutschland nicht im gleichen Maße hätte.

Ich kenne jedenfalls unter den Unternehmensvertretern eine ganze Reihe Russland- und Kasachstandeutsche.

Ich glaube, es ist eine sehr persönliche Entscheidung, wo man seinen Lebensmittelpunkt sehen möchte, und diese Entscheidung respektiere ich. Unsere Kasachstandeutschen sollen im Land ihrer Wahl glücklich werden, und sie können in Deutschland und in Kasachstan gleichermaßen einen Beitrag zu den Beziehungen leisten.

Einige gibt es, denen die Ausreise nach Deutschland nicht gelingt, weil sie in dem Anerkennungsverfahren erfolglos waren. Das kann passieren und ist vielleicht anfangs eine große Enttäuschung. Aber das heißt nicht, dass man ihnen ihre Identität abspricht, sie zur Chancenlosigkeit verurteilt. Einige habe ich kennengelernt – sie waren enttäuscht, aber sie bekennen sich zu ihrer Identität und Geschichte und wir sprechen auf Augenhöhe miteinander. Dafür bin auch ich dankbar.

Was möchten Sie über ihren Beruf hinaus erreichen. In welchen Bereichen möchten Sie sich persönlich mehr engagieren, wenn ich fragen darf?

Für mich persönlich möchte ich tiefere Einblicke in das Denken und Fühlen der Kasachen gewinnen und meine Erfahrungen mit Asien erweitern, außerdem möchte ich gerne besser Russisch lernen.

Für Deutschland möchte ich an der Festigung unseres Beziehungsnetzes mitwirken. Ich möchte das Bewusstsein für den Wert der Zusammenarbeit mit Deutschland, politisch, wirtschaftlich und kulturell wachhalten und dafür sorgen, dass deutsche Unternehmen über die Chancen, die sich hier bieten, informiert sind.

Eine besondere Freude wäre für mich dazu beizutragen, dass wir zwischen Deutschland und Kasachstan, politisch und privat, einmal so unbefangen miteinander umgehen können, wie das in der EU schon der Fall ist. Dabei wurden große Erfolge erzielt, aber meinem Gefühl nach können wir noch weiterkommen.

Was möchten Sie an dieser Stelle den deutschstämmigen Bürgern und den Freunden der deutschen Sprache in Kasachstan raten oder wünschen?

Ich wünsche ihnen, dass sie mit Selbstbewusstsein und loyaler Arbeit ihre Stellung zum Nutzen des multiethnischen Kasachstans behaupten können, und dass sie auch in Entschädigung für das häufig schwere familiäre Schicksal nun auch wieder einmal einen Vorteil aus der Vertrautheit mit beiden Kulturen ziehen können.

Interview: Tatjana Zhandildina

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