Geschäftsleute, Diplomaten, Journalisten und NGO-Mitarbeiter reisten in einer Delegation der Deutschen Botschaft nach Pawlodar. Neben den Treffen mit den Akimen (Bürgermeister und Landrat) in der Stadtverwaltung und dem Landratsamt standen Besuche in Unternehmen der Deutschstämmigen und der „Wiedergeburt“ auf dem Programm.

„Die Grundtendenz unserer Arbeit ist, dass wir den „Wiedergeburten“ helfen wollen, sich selbst zu helfen“, erklärte Joachim von Marschall. Was der stellvertretende Botschafter in Pawlodar sagte, könnte auch das Motto der Veranstaltung gewesen sein: Denn die Pawlodarer „Wiedergeburtler“ ließen nichts unversucht, um die Delegationsteilnehmer der von der Deutschen Botschaft in Almaty organisierten Reise von ihrem Eifer zu überzeugen. Während der dreitägigen Tour in die nördliche Gebietshauptstadt besuchten die Almatyer Geschäftsleute, Diplomaten, NGO-Mitarbeiter, Journalisten und Sprachmittler unter anderem russlanddeutsche Unternehmen, das Rathaus, das Landratsamt, Bildungseinrichtungen und die Pawlodarer „Wiedergeburt“.

Russlanddeutsches Unternehmen Marktführer in der Wurstproduktion

Wjatscheslaw Ruf, Deutschstämmiger, Unternehmer und Vorsitzender der Pawlodarer „Wiedergeburt“, hatte mit seinen Mitarbeitern für die Gäste aus der Metropole ein vielseitiges Programm organisiert. Ein Besuch in seinem Unternehmen war da natürlich Pflicht: 400 Leute arbeiten im Fleischkombinat von Wjatscheslaw Ruf. Von der Aufzucht der Tiere bis zum Verkauf und der Verkostung der fertigen Wurst ist alles möglich in der Rubycom-Holding. „15.000 Schweine haben wir in unseren Ställen, 16.000 schlachten wir jedes Jahr“, erzählt Ruf. 1.300 Leute arbeiten für das Unternehmen. Neben der Fleischfabrik gehören unter anderem ein Milchkombinat, Fachgeschäfte und ein Supermarkt zum Ruf-Imperium. Mit 60 Prozent ist der deutschstämmige Wurstfabrikant Marktführer im Gebiet Pawlodar.
„Die Bundesregierung ist froh, dass es gelungen ist, die deutschstämmige Unternehmerschaft zu motivieren, selbst Verantwortung für die Wiedergeburtenarbeit zu unternehmen“, lobt der stellvertretende Botschafter Joachim von Marschall das Engagement der Unternehmer während des Besuchs in den Räumen der „Wiedergeburt“.

Seit 2005 ist Wjatscheslaw Ruf auch Vorsitzender der „Wiedergeburt“, der Assoziation der Russlanddeutschen des Gebiets. „Politisches Engagement in Kasachstan ist wichtig, Deutsche gibt es nicht so viele, da müssen wir uns einbringen“, sagt er. Dass dieses Engagement auch Schutz für sein Geschäft bedeutet, daraus macht er keinen Hehl: „Deutschsein ist ein gutes Argument fürs Lobbying, und wenn es Probleme gibt, kann ich mich auf meinen Status als Deutschstämmiger und Chef der „Wiedergeburt“ berufen“, sagt Ruf.

Der heute 36-Jährige hatte vor 12 Jahren angefangen zu investieren und eine kleine Firma gekauft, in der Motoren repariert wurden. Doch jetzt sind Cervelatwurst, Doktorskaja und Braunschweiger ganz oben auf der Agenda des studierten Mathematikers und Elektronikers. „Deutsche Wurstrezepte? Nein, die nutzen uns hier nichts, die Leute wollen einen ganz anderen Geschmack, wir produzieren nach russischen Rezepturen mit besonderen Gewürzen, alles andere verkauft sich hier nicht“, erzählt er und berichtet von den fünf Kilogramm Wurst, die er bei jedem Deutschlandbesuch im Gepäck hat. Doch die Maschinen in der Wurstfabrik sind deutsch und die „Wenskije“, die besonders in Deutschland beliebten Wiener Würstchen, werden auch in Pawlodar produziert.

Viele junge Leute in der „Wiedergeburt“

Mit auf Reisen war auch Waldemar Kaiser, Spätaussiedler und Repräsentant der Firma Takraf in Almaty. Er ist begeistert: „Ich fand die Reise sehr gut und war überrascht zu sehen, wie viele junge Leute es in der „Wiedergeburt“ gibt, die sich Mühe geben, das Deutschtum zu pflegen und daran interessiert sind. Das bewundere ich. Vor fünf Jahren gab es hier fast nur ältere Leute.“ Kaisers Firma Takraf aus dem sächsischen Leipzig verkauft Fördertechnik, die im nahegelegenen Tagebau Ekibastus zum Einsatz kommt. Im Gebietsakimat habe er unter anderem die Möglichkeit geschätzt, über sein Unternehmen sprechen zu können. „Für uns ist die Region Pawlodar die wichtigste in Kasachstan, hier gibt es noch für 200 Jahre Steinkohle, doch die Konkurrenz ist hart“, fügt der an der Wolga geborene 66-Jährige hinzu. Takraf hat fast 40-jährige Beziehungen in der kasachischen und früheren sowjetischen Braunkohleregion. Überraschend fand Kaiser auch die große Anzahl von Geschäftsleuten mit deutschen Vorfahren. „Ruf als erfolgreicher Unternehmer ist Chef der „Wiedergeburt“, das ist gut so, denn zwischen dem Akim und den Deutschen gab es immer gute Beziehungen.“

Von Cornelia Riedel

01/06/07

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