Nach Auskunft des deutschen Bundesamtes für Strahlenschutz (BfA) sei im Gebiet Semipalatinsk heute keine erhöhte Strahlenbelastung mehr feststellbar, ausgenommen in einigen Bereichen des ehemaligen Testgeländes selbst. Die Spuren hunderter Atomtests in den Lebensläufen der Einheimischen lassen sich aber mit dem Geigerzähler nicht messen.

/Bild: Ulrich Steffen Eck. ‚Farisa*: „Ich selbst würde mich als starke Frau bezeichnen“.’/

Ich lerne Farisa* beim sogenannten Deutschen Stammtisch kennen, einer lockeren und für alle an Deutsch oder Deutschland Interessierte offenen Runde, die jeden Donnerstag im Almatyer Restaurant „La Terazza“ stattfindet. Ich spreche sie auf ein kleines Büchlein mit kasachischem Titel an, das sie vor sich auf den Tisch gelegt hat. Das seien Gedichte ihrer Mutter, die diese in den letzten Jahren vor ihrem Krebstod geschrieben habe.

Mütterlicherseits seien alle Frauen in Farisas Familie an verschiedenen Arten von Krebs gestorben, die Großmutter mit 61, die Schwester der Mutter um die 50, die Mutter im Jahre 2000 mit 61. Die Mutter habe vorher jahrelang vergeblich versucht, staatliche Unterstützung zu bekommen. „Der kasachische Staat gewährt eine Entschädigung für Leute, die dort geboren sind“, erklärt Farisa. Diese Wiedergutmachung sei allerdings sehr klein und sehr schwer zu bekommen. Man müsse alles urkundlich nachweisen. In den neunziger Jahren habe es für kurze Zeit eine Frührentenregelung gegeben.

Farisas Familie stammt aus dem Gebiet Semipalatinsk. Farisa selbst wurde 1964 in der Gebietshauptstadt Semipalatinsk – heute kasachisch Semej – geboren. Ihre Eltern waren zu diesem Zeitpunkt noch Studenten. Später arbeiteten sie als Lehrer.

1966 wurde Farisas Bruder geboren, der allerdings wuchs bei den Großeltern auf: Farisa erklärt mir, es gäbe in Kasachstan die Tradition, dass die Großeltern den ältesten Sohn zu sich nehmen und ihn erziehen würden. Das hätte unter anderem den Vorteil, dass er ihnen bei schwereren Arbeiten zur Hand gehen könne.

Aushängeschild Frau

Farisas Kindheit spielte sich rund um das Dorf Terentiwka im Gebiet Semipalatinsk ab; wie sie sagt, in der Sorglosigkeit der sozialistischen Sicherheit. Man hätte sich auf das Private konzentriert. Die Mutter sei sehr talentiert gewesen, sie hätte gesungen, geschauspielert, geschrieben, worauf der Vater sehr stolz gewesen sei. Für ihn sei eine solche Frau wie eine Visitenkarte gewesen. Sporadisch seien sogar Gedichte in der Lokalzeitung veröffentlicht worden. „Die der letzten Jahre habe ich gesammelt“, sagt Farisa.

Die Atombombe? „Die sei nie Thema gewesen. In den Zeitungen – Prawda und Komsomolskaja Prawda seien Pflichtlektüre gewesen – habe darüber nichts gestanden. „Die Leute wurden nie informiert“, meint Farisa, „sie merkten, dass Tiere starben. Dann hieß es: „Passt besser auf!“ Irgendwo hat sie gelesen, dass das Gebiet Semipalatinsk in den 80-er Jahren die höchste Selbstmord-rate in der Sowjetunion hatte.

Sie weiß auch von Experimenten mit Menschen: Man habe ihnen hundert Gramm Wodka gegeben und ihnen gesagt, dass sie sich dann und dann da und dort aufhalten sollten. Man habe sie also bewusst der Strahlung bei Atomtests ausgesetzt, um an ihnen die Wirkungen studieren zu können. Die Mutter habe später erzählt, dass die Explosionen wie Erdbeben spürbar gewesen seien. „Mein Onkel war Arzt, er hatte in seinem Gebiet eine hohe Anzahl psychisch Kranker.“

1998 kam der Film „Aksuat“ von Serik Aprimow in die Kinos. Aprimow stammt selbst aus Aksuat, einem kleinen Ort in dem Gebiet, aus dem auch Farisas Mutter stammte. In dem Film spielen nur zwei professionelle Schauspieler, die restlichen Rollen sind mit Leuten aus Aksuat besetzt. Farisa erzählt, dass die Einwohner des Ortes, als sie den Film sahen, beleidigt gewesen seien. Sie hätten nicht gewusst, wie sie aussehen würden.

Ich möchte mehr wissen über den Alltag einer Heranwachsenden im Gebiet Semipalatinsk. Wie sah denn das tägliche Leben aus? Farisa zuckt mit den Schultern: „Ich habe sehr viel gelesen. Im Dorf gab es nicht viel – ein Kino zwar, aber wir hatten kein Geld. Ich habe von einem Tonbandgerät und einem Fahrrad geträumt.“

Freiheit und Zerfall

Als sie elf war, ließen sich Farisas Eltern, wie sie sagt – endgültig – scheiden. Streit habe es ohnehin schon immer gegeben. Die Mutter litt da gerade an Tuberkulose und durfte ein Jahr nicht arbeiten. Während dieser Zeit bekam sie dreißig Rubel Invalidenrente.

„In der Schule war ich brav bis zur fünften Klasse, danach konnte ich das einfach nicht mehr. Es war wie bei der Armee; wir durften auf dem Flur nur rechts laufen, mussten im Unterricht still sitzen. An den Feiertagen marschierten wir wie Soldaten.“

Mit 13 las sie „Erlebtes und Gedachtes“, die Autobiografie von Alexander Herzen, mit 15, nach Beendigung der 8. Klasse, ging es nach Almaty an die Kunstschule.
„Ich hatte nicht vor, Kunstlehrerin zu werden, aber ab der 8. Klasse gab es nur die Möglichkeit, die Berufsschule oder die Musik- und Kunstschulen zu besuchen.

Schön war es an der Kunstschule, alles war neu. Die Mitschüler kannten sogar solche Begriffe wie „Kolorit“. Wir haben viel getrunken und geraucht, es war ein Gefühl plötzlicher Freiheit.“ Es waren die Breshnew-Jahre, auch draußen in der Gesellschaft sei alles offener gewesen, und selbst die Künstler hätten sich zunehmend freier gefühlt. „Der Zerfall deutete sich damals schon an“, meint Farisa, still in sich hinein lächelnd und erzählt weiter: „Ich habe vier Jahre an der Kunstschule studiert. Meine Herkunft war dort kein Thema. Erst als ich mit 18 das erste Mal nach Moskau reiste, gab es Situationen, in denen Leute vor mir zurückwichen, als würde ich strahlen: „Oh – Semipalatinsk …“

Um nach Abschluss der Kunstschule im Jahr 1983 in Almaty arbeiten zu dürfen, fehlte Farisa eine Registrierung. Versuche, mit etwas Geld an den nötigen Stempel zu kommen, seien fehlgeschlagen. So habe sie sich ihn eben selbst gemalt.

„Ich lebte von Gelegenheitsarbeit und teilte mir mit einer Bekannten eine Wohnung am Rande der Stadt. Dort wurden wir eines Tages von zwei Männern überfallen, die uns vergewaltigen wollten. Wir haben uns gewehrt, aber sie waren natürlich stärker als wir. Erst als ich einen von ihnen mit einem Beil am Kopf verletzte, ließen sie von uns ab.“

Irgendwann sei das alles nicht mehr so weiter gegangen. Eine Bekannte von Farisa, die als Aktmodell arbeitete, habe mit ihren schönen Büchern über Künstler wie Vermeer in deutscher Sprache den Wunsch in Farisa geweckt, Deutsch zu lernen. Das habe ihr geholfen, als sie, um ihre Situation zu verbessern, begann, Deutsch zu studieren. Farisa schüttelt den Kopf: „Anfangs war es deprimierend. Die Studenten der Sprachinstitute sind auf eine beschränkte Art klug. Meine Kommilitoninnen kannten nur die Themen Männer, Klamotten und Sprache.“
Nach dem Abschluss habe sie für zwei Jahre als Deutschlehrerin in einem – wie sie sagt sehr deprimierenden – Dorf im Gebiet Semipalatinsk gearbeitet. Die Schüler seien sehr begabt, aber die Methodik umzusetzen unmöglich gewesen. „Alle wurden über einen Kamm geschert. Dazu kam, dass sie anfangs, in der fünften Klasse, noch jeden Tag Deutsch hatten und dann von Klasse zu Klasse immer weniger, bis sie schließlich in der zehnten alles wieder vergessen hatten.“ Farisa habe einfach nicht abschalten können, sei zu emotional.

Die Leute in diesem Dorf hätten keine Träume gehabt, hätten völlig abgelegen als Bauern gelebt, die nie ihr Dorf verließen. So „floh“ Farisa 1990 wieder zurück nach Almaty, wo sie bis heute mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt.

„Wir machen uns keinen Stress“

Ihr Bruder lebt immer noch im Dorf im Gebiet Semipalatinsk. Wenn sie ihn mit dem Zug besucht, ist sie etwa 20 Stunden unterwegs.

Die mögliche Verstrahlung des Gebietes sei ein abgeschlossenes Thema. „Mit Gedanken daran machen wir uns keinen Stress“, sagt Farisa mit einigem Nachdruck, „Schicksal! Die Deutschen verstehen das wahrscheinlich nicht. Sie wollen selbst immer länger leben, aber kein neues Leben zeugen. In Deutschland habe ich nie jemanden sagen hören, dass Kinder etwas Warmes, Schönes sind. Sie scheinen dieses Thema eiskalt und sachlich zu betrachten, woher stammen sonst Bezeichnungen wie ‚langjährige Investition’ oder ‚Rückversicherung’?“

In Kasachstan sei das anders: „Die Alten gehen zum Beispiel nicht ins Krankenhaus, wenn sie krank sind. Sie warten einfach, bis sie sterben. Die Kasachen, mit welchen Mängeln sie sonst auch behaftet sein mögen, lieben Kinder über alles. Auch deshalb lauten die ersten Fragen, die sie Fremden stellen oft: „Bist du verheiratet?“ „Hast du Kinder?“

Farisa hat mit 30 geheiratet, das gelte hier als sehr spät. Ihr Sohn ist jetzt 13, besucht das technische Lyzeum und spielt Klavier. Sein Lieblingsfach sei Mathematik. Ihr sei sehr wichtig, dass er sich selbst verwirklicht. „Bei uns arbeiten und verdienen die Frauen mehr als die Männer. Viele Männer sitzen zu Hause oder schlagen sich als Fahrer durch.“

Die Antwort auf die Frage nach ihren Träumen beantwortet Farisa erst nach einigem Nachdenken: Ihr falle auf, dass ihre Träume viel stärker mit ihrem Sohn als mit ihrem Mann verknüpft seien. Ach ja: Und eine Weltreise würde sie gern machen.

Farisa hat vor einigen Jahren auch Krebs gehabt. Der sei jetzt erst einmal geheilt.

* (Name von der Redaktion geändert)

Von Ulrich Steffen Eck

23/01/09

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