Die letzte Stadt vorm Himmel: In Baikonur dreht sich die Erde langsamer

Gagarin ist in Baikonur überall, hier an der Wand eines Cafés. | Bild: Tino Künzel

Baikonur ist der russische Weltraumbahnhof in Kasachstan, von dem aus einst Gagarin zu seiner Erdumrundung aufbrach und heute die ISS mit Nachschub versorgt wird. In der benachbarten Stadt gleichen Namens bereiten sich die Besatzungen auf ihre Flüge vor, doch ansonsten scheint dort die Zeit stehengeblieben zu sein. Russland zieht sich auf Raten aus Baikonur zurück, viele sitzen auf gepackten Koffern. Die Moskauer Deutsche Zeitung hat das Lebensgefühl in diesem traditionsreichen Ort einzufangen versucht, unter anderem im Gespräch mit Jugendlichen. Wir übernehmen den Text mit freundlicher Erlaubnis der Redaktion.

Wenn der Weltraum Baikonur einmal nicht mehr ernähren sollte, dann könnte die Stadt eine neue Karriere als Kulisse für historische Filme starten. Vermutlich nirgendwo sonst ist die Sowjetunion so gut erhalten geblieben. Kein einziges neues Gebäude wurde seit deren Zusammenbruch errichtet. Und eine Betonmauer rund um die geschlossene Stadt sorgt auch sonst dafür, dass wenig frischer Wind weht. Es ist freilich eine leicht renovierte Sowjetunion: mit Mobiltelefonen, Computern und Internet. Doch auf einen Besucher von draußen wirkt Baikonur trotzdem seltsam vorkapitalistisch: Die mittlerweile sogar für russische Kleinstädte völlig selbstverständlichen Einkaufszentren und Lebensmittelketten etwa fehlen hier gänzlich.

Der Kosmos für den Haushalt: Satellitenschüsseln lassen auch die kleinen Leute dran teilhaben, irgendwie. | Bild: Tino Künzel

Nun ist Baikonur allerdings auch nicht Russland. 800 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, befindet es sich seit 1991 auf kasachischem Boden. 1994 wurde ein Pachtvertrag unterzeichnet, der es Russland erlaubt, das riesige Gelände des Weltraumbahnhofs wie auch die benachbarte Stadt gleichen Namens für 115 Millionen Dollar im Jahr bis 2050 zu nutzen. Im Alltag funktioniert das reibungslos, wenn auch auf eigenartige Art und Weise. Es gibt eine russische und eine kasachische Polizei, zwei Gerichte, zwei Standesämter. In acht Schulen wird nach russischen Lehrplänen unterrichtet, in fünf nach kasachischen. Bezeichnendes Detail: Die kasachischen Kinder sprechen Russisch, weil sie es in der Schule als Fremdsprache lernen, die russischen aber kein Kasachisch: Sie lernen Englisch oder Deutsch.

Baikonur entstand Mitte der 50er Jahre parallel zum Bau des Weltraumbahnhofs, von dem 1957 der erste Satellit und 1961 mit Juri Gagarin der erste Mensch ins Weltall flogen. Zunächst hieß die Siedlung Sarja, dann Leninski, ab 1966 dann, zu einer Stadt herangewachsen, Leninsk. Namensgeber Lenin thront nach russischer Manier auch heute noch auf einem Sockel im Zentrum der Stadt, die 1995 in Baikonur umbenannt wurde, während er überall sonst in Kasachstan von nationalen Helden abgelöst wurde.

Von den 76.500 Einwohnern sind inzwischen die meisten – 59 Prozent – Staatsbürger Kasachstans. Das liegt nicht zuletzt daran, dass vor allem Russen in den letzten Jahrzehnten massiv abgewandert sind. Die abgelegene Lage mitten in der Steppe, das Klima mit eisigen Wintern und heißen Sommern, der kollabierte Arbeitsmarkt und der vergleichsweise bescheidene Lebensstandard – das die häufigsten Gründe.

Irgendwann nach 2050, vielleicht aber auch schon früher, will Russland seine Raumflüge vom neuen Kosmodrom Wostotschny in Ostsibirien abwickeln. Der Abschied aus Baikonur ist also vorprogrammiert, mental hat er schon längst begonnen. Praktisch sieht das so aus, dass Russland zwar für den Unterhalt der Stadt sorgt, aber offenbar keine größeren Investitionen mehr tätigen will, während sich Kasachstan ebenfalls zurückhält. Selbst im Vergleich zu den nächstgelegenen Provinzstädten außerhalb der Mauer wirkt Baikonur geradezu museal.

Auf den Hinterhöfen von Baikonur geht es lebhaft zu: Überall wird Fußball gespielt. | Bild: Tino Künzel

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet jener Ort, der zu Sowjetzeiten wie kaum ein anderer für Fortschritt stand, zu einer Anti-Moderne geworden ist. Nicht, dass es keine Visionen gäbe: Bis 2035 soll sogar das gegenüberliegende Ufer des Syrdarja, der heute die Stadt im Osten und Süden flankiert, bebaut werden, so sieht es der offizielle Bebauungsplan vor. Doch die Investoren stehen, gelinde gesagt, nicht Schlange.

Und so ist Baikonur heute eine Stadt mit einer sehr freundlichen und friedlichen Grundstimmung. Aber auch die Erdanziehungskraft scheint in diesem Winkel der Galaxis größer zu sein als anderswo. Zukunft fühlt sich anders an.

„Hier bleibt keiner“

Sie treffen sich nach der Schule an der Rakete, die vor vielen Jahren am Koroljow-Prospekt in Baikonur aufgestellt wurde, und turnen auf dieser Kopie der Sojus-Weltraumriesen herum, dass einem angst und bange werden kann. Die MDZ hat Jugendliche im Alter von 13 bis 17 Jahren befragt, wofür sie ihre Stadt lieben – und wofür nicht.

Was glaubt ihr, worum euch Leute aus anderen Gegenden beneiden könnten?

S: Hier herrscht echte Völkerfreundschaft. So viele Nationalitäten es auch gibt – wir kommen alle gut miteinander aus.
B: Ja, schau: Ich bin Russe. Der da ist Kasache und der da auch.
T: Moment mal, ich bin kein Kasache, sondern Usbeke!
F: Von hier fliegen Raumschiffe in den Kosmos.
B: Unsere Stadt ist voller Denkmäler für Gagarin, Koroljow und andere. Auch Raketen und Flugzeuge stehen bei uns überall.

Und wie wirkt sich das auf euer Leben aus?

B: Gar nicht. Das ist eine Stadt wie andere auch. Nur dass hier absolut nichts los ist.
A: Vor ein paar Jahren ist direkt nach dem Start eine Proton-M-Rakete vom Himmel gefallen. Da sind wir fast abgekratzt. Aber sonst ist alles normal (lacht).
B: Im Fernsehen hieß es: Schließt die Fenster, bleibt zu Hause.
G: Die Straßen waren menschen¬leer.

Was gefällt euch an Baikonur überhaupt nicht?

B: Dass hier in Sachen Freizeitgestaltung tote Hose ist.
M: Dass die Stadt sich nicht entwickelt. Baikonur ist in den 80er Jahren steckengeblieben.
E: Weil weder Russland noch Kasachstan viel Geld ausgeben wollen.
B: Und so viel Geld auch bewilligt wurde: Hier hat sich nie etwas geändert. Und es wird sich auch nichts ändern. Nur die Preise steigen.

Woran fehlt es euch am meisten?

B: An Abwechslung, irgendwelchen Vergnügungen. Wir vergnügen uns selber, so gut es geht, klettern überall herum. Im Sommer gehen wir im Fluss baden.
S: So, wie wir mit Ihnen jetzt herumsitzen, so verlaufen auch unsere anderen Abende.
P: Jetzt hat man ein Kino gebaut (alle lachen).
B: Mit ganzen 60 Plätzen, in der Nähe vom Markt.
M: Da sehen Sie‘s wieder: Die Stadt wurde vor über 60 Jahren gegründet, und im Jahr 2017 bekommen wir ein Kino.
V: Wir haben noch einen Vergnügungspark, der ist wahrscheinlich so alt wie die Stadt selbst. Das Riesenrad funktioniert seit 30 Jahren nicht mehr.
D: Ja, mein Vater war zehn Jahre alt, als es kaputtgegangen ist.

Möchtet ihr später vielleicht etwas mit Raumfahrt machen?

F: Ich möchte Kosmonaut werden. Das könnte toll sein, die Erde aus dem All zu sehen.
D: Du willst doch nur Parcours in der Schwerelosigkeit betreiben (lacht).
F: Klar, und das schaffen, was hier unten nicht gelingt (alle lachen).
R: Ich habe ein Autogramm von einem Kosmonauten zu Hause. Meine Mutter hat auf dem Weltraumbahnhof gearbeitet und ganz viele von denen gesehen.

Was habt ihr sonst für Zukunftspläne?

P: Alle warten nur darauf, die Schule abzuschließen und dann abzuhauen. Hier bleibt keiner.
B: Kindheit und Jugend kann man in Baikonur verbringen. Aber dann muss man sein Glück woanders versuchen. Hier gibt es keine Perspektiven, keine Zukunft. Jetzt haben sie auch noch die medizinische Fachschule zugemacht, von Hochschulbildung ganz zu schweigen. Ich will nach Russland, habe Verwandte dort. Alle Russen hier wollen nach Russland.
W: Wenn Sie 16, 17 Jahre alt wären wie wir, würden Sie uns verstehen.

Der Text erschien zuerst am 24.09.2017 in der Moskauer Deutschen Zeitung:

Die letzte Stadt vorm Himmel: In Baikonur dreht sich die Erde langsamer