In Tadschikistan hat eine Reihe von Selbstmorden junger Frauen das Land schockiert. Doch trotzdem werden Frauen zu Jungfräulichkeitstests gezwungen, leben in arrangierten Ehen und dürfen nicht frei entscheiden, ob sie schwanger werden möchten oder nicht. Ein Gespräch über die Lebenssituation von Mädchen und Frauen in Tadschikistan.

Charos Kozokova

In der traditionellen tadschikischen Gesellschaft werden Frauen, wenn sie das Erwachsenenalter erreichen, von den Eltern nicht mehr als Tochter, sondern als „Eigentum der Anderen“ angesehen. Die eigenen Wünsche zählen kaum etwas. Der Schulabschluss bedeutet gleichzeitig den Abschied von der Kindheit und den Beginn des Daseins als Ehefrau und Mutter, oft in von den Eltern arrangierten Ehen. Nicht wenige Frauen sehen ihren einzigen Ausweg darin, sich selbst umzubringen. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2016 begingen 3,3 von 100.000 Personen in Tadschikistan Selbstmord. 70 Prozent davon waren im Alter zwischen 15 und 49. Dabei kommt auf jeden dritten Mann, der Selbstmord begeht, eine Frau. In Kasachstan und Kirgisistan ist das Verhältnis geringer und beträgt vier beziehungsweise fünf zu eins.

Lailo (Name gändert), 26 Jahre alt, hat in Duschanbe Journalismus studiert und sollte bald ihr Masterstudium in Kanada anfangen. Doch anstatt im Ausland zu studieren, wurde sie verheiratet und sitzt nun in Tadschikistan fest. In ihren Artikeln konzentriert sie sich hauptsächlich auf die Probleme sexueller Minderheiten und Frauen in der tadschikischen Gesellschaft.

Welchen familiären Hintergrund hast du?

Wir sind vier Kinder in der Familie. Ich bin die Älteste und habe drei jüngere Brüder. Mein ältester Bruder arbeitet und studiert in Deutschland. Der zweite Bruder studiert an der Medizinischen Universität in Tadschikistan. Der Dritte geht noch zur Schule.

Wie war deine Kindheit?

Das hört sich jetzt vielleicht seltsam an, aber seit meiner Kindheit hat mein Vater mich und meinen ältesten Bruder immer gelehrt, für uns selbst einzustehen. Ich lernte von ihm, dass ich den Jungs, wenn sie mich beleidigten, mit einem Stein in meiner Hand drohen sollte. Wenn kein Stein vorhanden war, sollte ich die Hände zu Fäusten ballen. Nach dem Bürgerkrieg haben wir Kinder im Hof uns oft geprügelt. Doch wenn klar wurde, dass wir den Gegner nicht besiegen konnten, sind wir weggelaufen.

Ich wollte immer wie mein Bruder sein: Als ihm die Haare kurzgeschoren wurden, wollte ich auch kurze Haare. Das war cool. Wir hatten auch die gleiche Kleidung an und sahen praktisch wie Brüder aus – nicht wie Bruder und Schwester. Meine Kindheit war lustig, aber auf eine Art beängstigend, da unsere Nachbarn Kämpfer aus dem Bürgerkrieg waren, und man sich alle möglichen Geschichten über sie erzählte, um uns Kinder zu erschrecken.

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Wann hast du festgestellt, dass die Gesellschaft Mädchen und Jungen unterschiedlich behandelt?

Können sie über ihr Leben selbst bestimmen? Eine Gruppe zentralasiatischer Frauen. | Foto: Autor

Vor meiner Einschulung 1998. Alle Mädchen in der Nachbarschaft trugen T-Shirts und Shorts mit Prinzessinnen von Disney darauf, die damals sehr beliebt waren. Die älteren Mädchen sprachen über Kosmetika. Doch wenn sie sich mit den Jungen aus dem Nachbarhof unterhielten, wurden sie von ihnen an den Haaren gezogen. Damals fragte ich meine Mutter zum ersten Mal: „Warum kann ich mit Jungs sprechen, aber nicht die älteren Mädchen?“ Sie beantwortete die Frage nicht.

Die Antwort erhielt ich selbst im Alter von 14 Jahren. Damals begannen unsere Klassenkameraden, Mädchen zu einem Spaziergang einzuladen oder ihnen Süßigkeiten zu schenken. Eines Tages erzählte mein Bruder unserer Mutter, dass er seiner Schulfreundin zum 8. März ein Geschenk machen möchte und sich in sie verliebt habe. Aus Dummheit oder Naivität ging ich auch zu meiner Mutter und gab zu, dass ich einen Jungen mag. Ihre Reaktion war schrecklich: Sie schlug mir ins Gesicht. Ich erzählte meinem Vater davon, als er abends von der Arbeit nach Hause kam. Wir hatten ein langes Gespräch. Er sagte zu mir: ‚Das Mädchen ist die Ehre der Familie. Sie darf niemanden mögen.‘ Ehre heißt: Reinheit und Unschuld im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie ist der Umgang in eurer Familie? Haben deine Brüder besondere Privilegien, die du als Mädchen nicht hast?

Als ich die Schule mit 18 abschloss, fand meine Mutter einen Ehemann für mich. Damals wollte sie sich hauptsächlich um die Zukunft meiner Brüder kümmern und mich loswerden. Während meiner Ausbildung erhielt ich nur Unterstützung von meinem Vater. Meine Mutter bestand darauf, dass mich ein Verwandter heiratet. ‚Die Söhne sollen eine Ausbildung machen, arbeiten, ausgehen und dann heiraten. Du bist ein Mädchen, du musst sofort eine Familie gründen. Je früher, desto besser!‘, erklärte sie mir. Ich habe nicht mit ihr gestritten. Wenn ich ein Problem hatte, sprach ich mit meinem Vater. Im Grunde gab er mir Recht und sagte, dass es für mich noch zu früh sei, dass ich noch ein Kind und nicht bereit sei, eine solche Last zu tragen – vor allem mit jemanden, den ich nicht liebe.

In fast jeder Familie dürfen Mädchen keine pornographischen, erotischen oder vulgären Filme schauen. Die Jungs dürfen das, sie sollen schließlich Männer werden. Ein Mädchen, das in die Pubertät kommt, darf nicht mehr mit Jungs kommunizieren, geschweige denn sie zu Besuch einladen. Meine Brüder aber dürfen alle, sowohl Mädchen als auch Jungs, einladen. Mädchen sollen keine Beziehungen eingehen und dürfen natürlich auch keinen Sex haben. Die Jungs können Alkohol trinken, den Mädchen ist es aus religiösen Gründen verboten. Die Mädchen dürfen nicht ihre Meinung äußern, aber meine Brüder sprechen mit unseren Eltern sogar über Sex. Mädchen sollen nicht über Glauben und Religion reden. Für meine Familie war es ein Schock, als ich sagte, dass ich nicht an Gott glaube und keiner Religion angehöre. Dies sind die Prinzipien meiner Familie. Ich habe in den 26 Jahren meines Lebens eine Liste mit Themen und Wörtern, die ich nicht erwähnen darf, gesammelt.

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Wann haben deine Eltern angefangen, dich unter Druck zu setzen, dass du heiraten sollst?

Frauen Tadschikistan
Eine Braut vor dem Bild des tadschikischen Präsidenten und dessen Mutter. | Foto: Autorin

Nach meinem 26. Geburtstag. Natürlich haben meine Eltern auch vorher schon gesagt, dass sie wollen, dass ich heirate und ich gerne meinen Freund mit nach Hause bringen könne. Doch für mich schien eine Ehe eine Last zu sein. Ich liebe meine Freiheit. Vielleicht habe ich aus diesem Grund auch nie eine dauerhafte Beziehung gehabt.

Ich habe oft argumentiert, dass ich nicht heiraten möchte, weil ich keinen Gastarbeiter als Ehemann will, weil ich nicht zu Tode geprügelt werden will, weil er ein Verwandter sei. In Tadschikistan wird eine Ehe oft arrangiert, und die Partner kennen sich überhaupt nicht. Meine Eltern hielten dagegen: ‚Du willst nicht gebären. Du bist keine Jungfrau mehr. Du bist keine ordentliche Frau. Nach deiner Hochzeit wirst du an Gott glauben, auch wenn du es jetzt nicht tust.‘

Hier in Tadschikistan ist eine Ehe nichts Schönes. Man wird mit 18 verheiratet, doch nach einigen Monaten zerfällt die Ehe. Dann steht die Tochter wieder vor der Tür ihrer Eltern: Oft halbtot geprügelt und schwanger. Es gab auch Fälle, in denen junge Frauen Selbstmord begingen, weil sie nun keine Jungfrau mehr waren. Frauen, die mehrere Kinder zur Welt gebracht haben, wissen nicht, wohin sie nach einer Scheidung gehen und was sie tun können. Es gab Fälle, in denen sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder umgebracht haben. Das erschreckt die Menschen hier zwar, aber sie wollen nichts am System ändern.

Hatten auch deine Eltern eine arrangierte Ehe?

Ja, meine Eltern wurden gegen ihren Willen verheiratet. Meine Mutter war damals 17, mein Vater 27. Mein Vater ist sehr patriarchalisch, aber auch sowjetisch geprägt und wollte, dass meine Mutter an der pädagogischen Universität studiert. Doch sie wollte das nicht, sondern lieber Hausfrau sein. Sie selbst meint, dass sie eine vorbildliche Frau sei. Ich sehe das anders.

Wie kam es, dass du an einer kanadischen Universität angenommen wurdest?

Im Januar schickte ich meine Unterlagen an eine Universität in Vancouver. Es war sehr schwierig für mich. Aber es war sehr wichtig, eine Zusage zu bekommen, da ich seit zwei Jahren versuche, Tadschikistan zu verlassen. Mein Ziel war es, ein Stipendium zu bekommen, da meine Eltern gegen ein Studium im Ausland waren. Ich habe mich gut vorbereitet und mich wahnsinnig gefreut, als die Studienplatzzusage kam.

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Was ist dann passiert?

Ich war auf Arbeit. Mein Vater rief an und bat um das Passwort meines E-Mail-Kontos, um einige Dokumente an seinen Kollegen zu schicken. Als ich nach Hause kam, konnte ich nicht mehr mein Konto zugreifen. Mein Cousin, der Englisch kann, saß mit meinen Eltern vor dem Computer. Ich habe gefragt, was passiert sei. Sie antworteten: ‚Wir wollen, dass du heiratest und haben deiner Universität einen Brief geschrieben, dass du aus familiären Gründen das Stipendium nicht annehmen kannst.‘ Dann nahmen sie mir mein Handy und meinen Laptop weg.

Ich war sehr wütend. Zwei Wochen lang durfte ich die Wohnung nicht verlassen. Als ich wieder raus durfte, habe ich der Universität geschrieben. Aber sie antworteten, dass mein Stipendium an einen anderen Studenten aus Malaysia vergeben wurde. Das war‘s.

Wie sehen deine weiteren Pläne aus?

Als die Zusage aus Kanada bekam, kündigte ich meinen Job. Nach den Geschehnissen wollte ich meine Geschichte veröffentlichen, aber die Kollegen lehnten das ab, weil der Ruf meiner Eltern dadurch beeinträchtigt würde. In einer kleinen Stadt wie der unseren kennen sich alle. Im Moment wohne ich bei meinen Eltern und warte auf die ersten Treffen mit Männern, die meine Eltern ausgesucht haben. Ich habe ein schlechtes Gewissen ihnen gegenüber und würde sogar einen der Männer heiraten – aber nur, um mich bald darauf wieder scheiden zu lassen. Denn eigentlich habe ich vor, wegzugehen. Meine Freunde versuchen, mir finanziell zu helfen.

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