Natürlich wurde erwartet, in einer Publikation mindestens eine Handvoll Gedichte den Errungenschaften des Sozialismus, der Geschichte des Sowjetstaates, kurz den Worten von Lenin und der Revolution zu widmen. Manch einer war so eingefleischt darauf, dass die Propaganda sogar einen Großteil des Heftes ausmacht, bei anderen diente diese Routine einfach dazu, sich beispielsweise eine Mitgliedschaft im Schriftstellerverband der UdSSR zu ergattern.

Der Verfasser des folgenden Zitates, Karl Welz, den Ergebnissen der Lektüre nach zu urteilen, ein glühender Mitläufer, bekennt sich offen zu seiner sowjetischen Heimat: „Daß du ein freier Bürger bist, / daß sich erfüllt dein Schaffensehnen, /daß du ein Sowjetdeutscher bist- / all das besagt: Mit dir ist Lenin!“ Das Gedicht, betitelt als „Mit dir ist Lenin“ kann als Leitmotiv dieses Autors gelten.

Davon zeugt auch das Werk „In unserem Klub war gestern Tanz“. Welz berichtet in diesem Poem von einer durchzechten Tanznacht, in der betagte Leute wieder jung zu werden scheinen und das Bein zum Walzer schwingen, wahrscheinlich nach getaner Schwerstarbeit: „Ringsumher, ringsumher / blühen lauter Rosen / blühet froh das Leben mein / blühen die Kolchosen.“ Im Eifer des Gefechts ruft ,,der alte Nickel‘‘ beim Tanz mit einer Frau: ,,Liebes Lieschen, Lisabeth! / Wenn ich meine achtzehn Jahr noch hätt‘ / ich flög‘ in den Himmel über Nacht / und pries‘ auch dort / die Sowjetmacht.“ Eine unpolitischere, aber gleichfalls unbeholfene Note trägt der folgende, Gefühlsschwankungen zwischen Lachen und Weinen hervorrufende, Auszug aus dem Gedicht. Als die Seniorenparty sich dem Ende zuneigt: ,,Kehraus! Kehraus! / Bringt die Großmamas nach Haus! / Siebzigjähriges Mädel, Pracht, / hab‘ mich ganz in dich verkracht! / Dudel, Dudel, Dudelsack! / Ich hab‘ noch einen Rubel im Sack! / Den will ich noch vertanzen, / ich schnür noch nicht den Ranzen!“

Die Tatsache, dass solche Verse gedruckt wurden, zeigt, wie sehr die deutschsprachige Literatur in diesen Zeiten als Mangelware gegolten haben muss. Einige der schreibenden Russlanddeutschen schienen nur von ihrer unmittelbarsten Umgebung beeinflusst zu werden. Die obige Darstellung eines Abends im „Klubhaus“ zeigt in der Gattung Lyrik auf, wie fern der Diaspora die literarischen Strömungen und Entwicklungen der damaligen BRD, aber auch der DDR waren. Das Meiste von dem, was in Alma-Ata bis 1990 erschien, wäre in jeder europäisch-deutschen Verlagsredaktion so kaum veröffentlicht worden.

Rein sprachlich und stilistisch macht sich die Abschottung vieler russlanddeutscher Schriftsteller also bemerkbar. Dass es lange, besonders unter der Herrschaft Stalins, an Möglichkeiten zur Pflege der Sprache mangelte, wird insbesondere in der Literatur ersichtlich. Keinesfalls sollten alle kasachstandeutschen Autoren über einen Kamm geschoren werden, aber die Auswertung des vorliegenden Materials verleitet zu der Feststellung, dass der überwiegende Teil sowohl in der Themenwahl als auch im Stil eher trivial ist. Besonders in der Formstrenge der Dichtkunst wird dies ersichtlich.

Neben der tonangebenden politischen Lyrik existieren noch zwei Hauptthemen, die in nahezu jedem der Bändchen abgehandelt werden: Natur und Liebe. Schlägt man ein Inhaltsverzeichnis auf, mutet es so an, als läse man eine Titelliste deutscher Schlager. Dabei begegnet man überaus gehäuft romantischer Topik, als wäre die Literatur, welche die deutschen Auswanderer Ende des 18. Jahrhunderts mit in ihre neue Heimat im Osten brachten, nie revidiert worden. Woher auch? Spätestens 1941, nach der Auflösung der Wolgadeutschen Republik, begann man damit, deutschsprachige Literatur zu vernichten und den zukünftigen Schriftstellern die Arbeitsgrundlage zu rauben. Ganze Bibliotheken in den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten gingen in Flammen auf.

Maßgeblich war demnach trotzdem Goethe, auf den man sich teilweise wörtlich beruft. Herbert Henke beschreibt im Vorwort zu seinem Sammelband „Die Pfirsiche“, durch wen er zur Dichtkunst fand: „Ich saß als Kind an einem schönen Lenzmorgen im blühenden Obstgarten und las Goethes Gedicht ,,Mailied‘‘ […] Die Harmonie der Umgebung mit den emotionellen Goetheschen Versen war so voll und überraschend, daß ich im Jubeltaumel sofort zum Bleistift griff. […] das war der Anfang.“ Die herausragende Stellung Goethes erscheint zunächst einmal nicht ungewöhnlich, wirkt aber in Publikationen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon sehr unzeitgemäß.

Fortsetzung folgt >>

Hinterlasse eine Antwort

Please enter your comment!
Please enter your name here