„Ein Gespenst geht um in Europa, …“ so beginnt das Kommunistische Manifest von Marx und Engels, geschrieben vor etwa 150 Jahren. Heute geht wieder ein Gespenst um, aber nicht mehr das des Kommunismus und auch nicht mehr nur in Europa, sondern weltweit.

Ich meine das Gespenst der Inflation, das von vielen schon für immer totgeglaubt war. Nachdem die 1970er Jahre, die als Krisenjahrzehnt in die Weltwirtschaftsgeschichte eingegangen sind, überstanden waren, schien es nun fast 30 Jahre lang, dass die Inflation kaum noch praktische Bedeutung habe. Auch damals stieg der Ölpreis drastisch – von etwa 2 Dollar pro Barrel in 1972 auf über 30 Dollar im Jahre 1980.

Fast schon sagenhaft niedrig waren die Inflationsraten vor allem in den letzten 15 bis 20 Jahren, in der Regel haben sie 2 Prozent pro Jahr nicht überschritten und lagen damit im Bereich der „natürlichen“, man kann auch sagen eigentlich erwünschten Höhe. Eine solch niedrige Inflation tut letztlich niemandem wirklich weh und sie erlaubt den Produzenten, sich kleinere Qualitäts- und Produktverbesserungen ohne großes Geschrei vom willigen Kunden bezahlen zu lassen.

Ein wesentlicher Faktor für das Entstehen der niedrigen Inflationsraten war die Globalisierung. Insbesondere die chinesischen Produzenten haben mit ihren billigen Waren viele Weltmärkte erobert und mit den Preisen eben auch die Inflation in Schach gehalten. Doch nun scheint die Globalisierung zurückzuschlagen. Die heftige Nachfrage nach vor allem chinesischen Waren bewirkt gestiegene Einkommen in den „Fabriken der Welt“ und damit eine Steigerung der Nachfrage nach allem, was man sich dort früher nicht leisten konnte. Steigende Nachfrage aber ist die elementarste Ursache für steigende Preise. Folglich wird auf die Frage nach den Ursachen für die weltweit anziehenden Verbraucherpreise vor allem auf die erhöhte Nachfrage nach Energieträgern, Nahrungsgütern etc. vor allem aus China und Indien verwiesen.

Doch schaut man etwas hinter die Kulissen, ist diese Erklärung gar zu einfach. Langfristig stimmt diese Erklärung natürlich, doch die Preissprünge, die wir vor allem beim Öl in den letzten Wochen gesehen haben, kann das kaum erklären. Wenn der Ölpreis innerhalb eines Tages absolut um 10 Dollar oder fast 8 Prozent steigt, müsste ja eine gewaltige kurzfristige Nachfragesteigerung gegeben sein. Mitten im Sommer und bei relativ ruhiger politischer Lage in den Hauptfördergebieten gibt es dafür aber keinen erklärbaren Anlass. Schaut man sich die Nachfrage- und die Angebotskurve von Öl in den letzten 6 Jahren an, so sieht man natürlich eine steigende Nachfrage. Im Jahr 2002 wurden weltweit etwa 70 Millionen Barrel pro Tag nachgefragt, heute sind es fast 85 Millionen Barrel. Spektakuläre Sprünge der Nachfrage innerhalb weniger Tage oder Wochen sind jedoch nicht auszumachen. Die sieht man nur beim Preis. Wichtiger aber ist, dass das Angebot an Öl etwa im gleichen Maße mit der Nachfrage gestiegen ist, manchmal dieser sogar vorausauseilte. Bei in etwa Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage kann es aber – bei sonst gleichbleibenden Bedingungen – keine Preissteigerung geben.

Warum also steigt der Ölpreis so unvernünftig schnell an? Einen Teil der Antwort gibt der Dollar. Um die durch seine drastische Abwertung entstehenden Verluste in Kaufkraft auszugleichen, erhöhen die Ölkonzerne die Preise entsprechend. Das mag zwar unmoralisch klingen, ist aber wirtschaftlich problemlos nachvollziehbar. Schließlich haben sie de facto ein Monopol auf die begrenzt vorhandene Naturressource und traditionell wird Öl in Dollar gehandelt. Doch auch die Ölkonzerne können und wollen nicht endlos an der Preisschraube drehen und den Rest der Welt gegen sich aufbringen. Und tatsächlich: die von den Ölförderern veröffentlichten Daten zu ihren Selbstkosten und ihre bei deren Steigen ausgelösten höheren Preisen erklären keinesfalls die hektischen Preissprünge von etwa 70 Dollar pro Barrel im August 2007 auf heute etwa 135 Dollar. Das ist ja eine glatte Verdopplung bei nicht gegebenem Mangel. Seltsam, nicht wahr?

Nun, die Erklärung für das Phänomen der im Verlauf der letzten Monate festgestellten heftigen Preissprünge für Öl, Rohstoffe aller Art und Lebensmittel ist so einfach, dass sie zugleich enorm ärgert:

Spekulation. Spekulanten also sind am Werk. Und zwar keine Gauner in halbdunklen Kneipen, sondern ehrenwerte, oft hochdekorierte Wertpapierspezialisten, die völlig legal auf den Börsen der Welt zocken. Nach der geplatzten Blase mit Internetwerten vor etwa 9 Jahren und den geplatzten Geschäften mit Suprimekrediten vor wenigen Monaten, ist ein neues Feld der Spekulation: Rohstoffe aller Art. „Schuld“ kann man den Herren kaum vorwerfen. Schließlich legen sie nur das Geld ihrer Kunden möglichst gewinnbringend an und Kunde könnten auch Sie lieber Leser sein. Das billige Geld in Form niedriger Kreditzinsen, das vor allem die amerikanische Notenbank nach dem 11. September 2001, aber auch in den letzten Monaten in die Märkte pumpte, wirkt nun – aber eher negativ. Aus dieser Sicht haben die Notenbanken schlecht funktioniert. Problematischer aber ist, dass einige Akteure auf den Finanzmärkten (vor allem die Hegdefonds) ziemlich unkontrolliert wirken können. Das muss sich ändern, denn den Spekulationsgewinnen für eine relativ kleine Minderheit stehen wachsende finanzielle Tagesprobleme – horrend steigende Benzin- und Lebensmittelpreise – der Mehrheit der Bewohner dieser Welt entgegen.

Vielleicht aber braucht niemand speziell einzugreifen, denn auch diese Blase wird von allein platzen, früher oder später.

Bodo Lochmann

20/06/08

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