Das Leben des Kasachstandeutschen Wladimir Wirz ist geprägt von harter Arbeit. Eine Auswanderung nach Deutschland kam dem 60jährigen nie in den Sinn.

Als der heute 60jährige Wladimir Wirz seine Lebensgeschichte erzählt, lässt er diese schon vor seiner Geburt beginnen. Denn zu jener Zeit lebten seine Eltern im Norden Russlands, der heutigen Stadt Inta. Als seine Mutter Elsa mit ihm schwanger war, kam der Befehl, dass die Deutschen in dieser Region nach Kasachstan umgesiedelt werden sollten. Für das junge Paar bedeutete dies, dass sie auseinandergerissen wurden: während die werdende Mutter in die „neue Heimat“ in Ostkasachstan umzog (in ein Dorf namens Sewakino), musste ihr Mann in der „alten Heimat“ bleiben, da er hier zum Bau von Gefangenenlagern eingeteilt war. Erst nach einen halben Jahr, es war 1952, durfte er zu seiner Frau nach Kasachstan nachreisen, die mittlerweile den kleinen Wladimir zur Welt gebracht hatte. Wladimir erzählt, dass die Lebensbedingungen in diesem kargen Teil der Sowjetunion sehr hart waren. So musste er von klein auf viel in der Landwirtschaft der Eltern mitarbeiten. An Spielen, wie es die heutigen Kinder tun können, war nicht zu denken. Nach der vierten Klasse war die Schulzeit auch schon vorbei. Weiter ging es mit der Arbeit; im Sommer bei der Ernte und im Winter in der Holzverarbeitung.

Ein Leben für die Landwirtschaft

Da Wladimir bei seiner Arbeit ein auffallend fleißiger Mann war, bekam er im jungen Mannesalter eine leitende Stellung in einer der örtlichen Kolchosen. Auch sein weiteres Leben sollte er ganz der Landwirtschaft widmen. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Reiches betrieb er seine eigene Landwirtschaft. Selbst in seiner Freizeit lässt ihn diese nicht in Ruhe, da er sich dann um seinen Gemüsegarten kümmert. In den Wintermonaten, wenn die Arbeit auf dem Hof etwas weniger ist, dann freut er sich, dass er etwas Zeit zum Lesen bekommt.

Was waren die glücklichsten Momente in solch einem arbeitsreichen Leben? Diese seien mit der Geburt seines einzigen Sohnes und seiner zweier Enkel verbunden gewesen, sagt er. Auch wenn er Freude an seinem bisherigen Leben hatte, würde er niemals noch einmal in die Jugend zurückkehren wollen, denn diese Zeit war wirklich sehr hart und entbehrungsreich. Er wirkt geradezu wie ein Philosoph, wenn er lachend hinzufügt: „Es kommt eh alles so, wie es kommt.“

Rasante Änderung zum Besseren

Wladimir besuchte einige Male seine Schwester in Deutschland. Doch warum ist Wladimir selber eigentlich nie nach Deutschland umgesiedelt, da doch nach der großen Wende 1989 so viele Deutschstämmige in seiner Region diese Möglichkeit nutzten? Obwohl er das Deutsche als Umgangssprache beherrscht, kam er irgendwie gar nicht auf solch eine Idee. Er bereut es auch gar nicht, denn wenn er das heutige Kasachstan mit dem sowjetischen vergleicht, fällt ihm auf, dass sich Kasachstan rasant und positiv verändert hat. Mittlerweile wurden viele neue Straßen gebaut, und die Fabriken des Landes nutzen modernste Technologien. Durch seine Besuche schätzt er aber auch Deutschland. An diesem Land gefallen ihm die Sauberkeit und wirtschaftliche Stabilität, ebenso auch, dass Erwachsene von den Jungendlichen geachtet werden.

Apropos Jugendliche. Was hält er von der heutigen Jugend? Er meint, dass die jungen Leute von heute im Gegensatz zu denen aus seiner Zeit viel mehr Möglichkeiten hätten, ihr Wissen zu erweitern und ihre Pläne zu realisieren. Und einen Ratschlag will er ihnen geben: „Man muss seine Ziele verfolgen. Und zwar fleißig. Fleißige Leute sind immer geachtet, egal in welcher Zeit sie leben. Ebenso wichtig ist, ehrlich zu sein.“

Die kasachische Autorin Laura Kustaubayeva ist erst 15 Jahre alt und lernt Deutsch am 12. Gymnasium sowie am Sprachlernzentrum von Ust-Kamenogorsk.

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Projektbeschreibung 

Wie verlief eine Kindheit in Zeiten des leidvollen deutsch-sowjetischen Krieges in Russland? Wie verlebte man dort die Jugend in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit? Wie entwickelte sich dann das Leben in der aufblühenden großen Sowjetunion weiter? Und was für Erkenntnisse und Weisheiten hat ein alter Mensch erlangt, der nun auf sein Leben zurückblickt?

Solche und ähnliche Fragen stellten junge Kursteilnehmerinnen des Sprachlernzentrums in ihrer Stadt Öskemen (russisch: Ust-Kamenogorsk; Hauptstadt des Bezirks Ostkasachstan) an altes deutschstämmige Menschen. Sie trafen sich mit diesen Leuten bei einer Tasse Tee und sprachen über deren Leben. Darauf hielten sie ihre Eindrücke in Aufsätzen fest. Diese Aufsätze sollen nun mit den DAZ-Lesern in einer Serie geteilt werden.

Es fiel auf, dass die befragten Menschen in den ohnehin schwierigen Zeiten des Weltkrieges und der Nachkriegszeit aufgrund ihrer deutschen Herkunft zusätzliche Schwierigkeiten erleiden mussten. Da ist zum Beispiel die heute 85-jährige Nelly Melnikowa. Sie wollte ihre große Leidenschaft Literatur studieren. Da aber Deutschen ein Studium im Bereich der Politik und der Gesellschaftswissenschaft zunächst verwehrt war, musste sie von diesem Traum Abstand nehmen. Oder Emma Waschkau, die als neunjähriges Mädchen ihre Eltern zeitweise verlor, weil diese in die Trudarmee eingezogen wurden. Ein ganz anderer Gesprächspartner ist Anatoli. Dieser ist zwar Russe, aber dennoch hat er einen ganz besonderen und interessanten Bezug zur deutschen Kultur: als 72-jähriger Rentner lernt er noch immer aktiv Deutsch und teilte mit uns auch seine Ansichten über Deutschland und das Lernen im Alter.

Daniel Gallmann (35) ist Sprachassistent des Goethe-Instituts am Sprachlernzentrum Öskemen

Von Laura Kustaubajewa

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