Während „Borat“, der falsche Kasache auf Amerikareise, weltweit die Kinosäle stürmt, entdeckt ein deutscher Regisseur das wirkliche Kasachstan. Volker Schlöndorff hat zwischen Kaspischem Meer und Tienschan gerade seinen neuesten Film abgedreht – „Ulschan“, die Geschichte eines lebensmüden Franzosen, der Kasachstan zu Fuß und zu Pferd durchquert, und, während er das Land entdeckt, ins Leben zurückfindet. Im Interview mit Edda Schlager erzählt Schlöndorff von seinem neuen Projekt und den Eindrücken, die er von Kasachstan und der kasachischen Filmindustrie erhielt.

Eine Frage vorweg, kennen Sie „Borat“?

Nein, leider nicht! Derzeit fragen mich alle danach. Ich weiß nicht einmal, wer das ist. Ist das nicht dieser Schauspieler, der auch Mr. Bean gespielt hat?

Wovon handelt ihr neuer Film?

Ein junger Franzose kommt nach Kasachstan auf der Flucht vor einer Familientragödie. Er sucht den Berg Khan Tengri, wo früher die Schamanen zum Sterben hinzogen, mit der Absicht, sich dort das Leben zu nehmen. Sein Auto geht jedoch unterwegs kaputt und er muss zu Fuß weiter, Tausende von Kilometern. Schließlich kauft er ein Pferd. Die Besitzerin des Pferdes, eine junge Nomadin und Lehrerin, schließt sich ihm an, nicht zuletzt, weil sie besorgt ist, dass ihr Pferd eventuell in schlechte Hände gerät. Diese Frau spielt eine besondere Rolle, sie wird sozusagen der unfreiwillige Schutzengel des Helden. Er schickt sie immer wieder weg, sie kommt aber trotzdem zurück und rettet ihn aus verzwickten Situationen. Letztlich führen die Erfahrungen, die der Held des Films während der Wanderschaft macht, dazu, dass er ins Leben zurückfindet.

Wer spielt die Hauptrollen?

Den Franzosen spielt Philippe Torreton. Er ist sehr bodenständig und eliminiert den schwülstigen New-Age-Überbau der Handlung. Die Frau, die ihm folgt, ist Ajanat Jesmagambetowa, eine junge Kasachin mit einer unheimlichen Präsenz. Im Film ist sie in gewissem Sinne auch eine Projektionsfläche für uns Menschen aus dem Westen – eine Nomadin, eine orientalische Schönheit wie Gong Li. Außerdem gibt es einen Vagabunden, einen Ausgestoßenen, der etwas an Dennis Hopper erinnert: David Bennent, der Hauptdarsteller aus der „Blechtrommel“. Er spielt den Sohn eines Schamanen und einer Deutschen. Im Film verkörpert er einen Charakter, der durch alle Raster gefallen ist. Er war Dissident zur Zeit der Sowjets, und auch den Anschluss an den Turbokapitalismus hat er nicht geschafft.

Woher kommt der Titel „Ulschan“?

Ulschan war der Name der Mutter von Abai, dem kasachischen Nationaldichter. Er wird hier sehr verehrt, aber kaum einer hat ihn gelesen, vermutlich, weil er sich sehr kritisch über seine Heimat geäußert hat. Und genau dieser Abai, beziehungsweise seine Gedichte, begleiten den Helden des Films auf seinem Weg.

Wie ist das Drehbuch zustande gekommen?

Jean-Claude Carriere, der mit mir auch schon „Die Blechtrommel“ und den Swann-Film nach Proust gemacht hat, kam vor zwei Jahren zum Eurasia-Filmfestival nach Almaty. Er begann, sich für das Land zu interessieren, hat hier ein paar Wochen verbracht und mir dann eine Vorlage gezeigt. Vor einem Jahr bin ich selbst hergekommen und herumgereist. Ich habe ein paar markante Punkte herausgesucht, mit Jean-Claude Carriere darüber gesprochen und so hat sich in der Zusammenarbeit das Drehbuch entwickelt.

Wieso haben Sie ausgerechnet Kasachstan als Drehort gewählt?


Kasachstan als Staatsgebilde war uns gar nicht so wichtig, eher Zentralasien. Es hätte auch Kirgisistan, Turkmenistan oder die Mongolei sein können. Irgendein Land, in dem man diese unendliche Weite findet, diese menschenleeren Flächen. Kasachstan ist aber vor allem deswegen interessant, weil es vielleicht der letzte weiße Fleck auf unserer mentalen Landkarte ist. Die wenigsten wissen, dass Kasachstan so groß ist wie Indien, aber nur 15 Millionen Einwohner hat. Kasachstan ist unheimlich reich an Bodenschätzen. Man sagt, es wird das nächste Dubai und ist deshalb so etwas wie ein Sinnbild für Globalisierung und dafür, wie plötzlich ein Land vom Rande des Bewusstseins ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerät. Und es gibt hier eben auch Platz und Raum, um sich zu verlaufen und um sich selbst zu finden. Der Film ist keine Reportage, die Landschaft spiegelt eigentlich nur das Innenleben des Helden wider, in der romantischen Tradition des 19. Jahrhunderts.

Der Film ist eine deutsch-französisch-kasachische Co-Produktion. Welche konkreten Erfahrungen haben Sie mit der kasachischen Filmindustrie gemacht?

Es ist wie in Babelsberg. Kazakhfilm hat eine große Vergangenheit, die liegt 60 Jahre zurück. Hier hat Eisenstein „Iwan der Schreckliche“ gedreht, als die Deutschen vor den Toren Moskaus standen. Von dieser Tradition ist heute nichts mehr zu spüren. Kazakhfilm ist ein toter Dinosaurier, eines von diesen staatlichen Filmstudios, die heute nicht mehr funktionieren können und die von ihren besten Mitarbeitern längst verlassen worden sind. Die Studios sind absolut ungeeignet für einen Film wie Ulschan und ein Team, das klein und flexibel sein muss. Kazakhfilm hat aber ungefähr ein Drittel der Kosten übernommen. Und die Schauspieler waren hervorragend, auch in den kleinen Rollen. Sie waren so unverdorben, so direkt. Und sie haben eine Kraft, eine Vitalität, die bei uns nicht mehr existiert, die abgeschliffen wurde.

Was halten Sie von kasachischen Filmen?

Das kann ich schwer beurteilen. Ich habe vielleicht ein Dutzend kasachische Filme gesehen, und da sind sehr schöne dabei, vor allem von jungen Filmemachern. Ich hoffe, die Kasachen werden sich schon bald besinnen und ihren Reichtum an Landschaften nutzen. Ich fände es schön, wenn die Kasachen mehr Filme selbst machen würden. Dazu braucht man kein Studio, dazu braucht man nur offene Augen und eine Kamera.

Würden Sie Ihren Film auch als einen Reise-Tipp betrachten?

Durchaus. Obwohl die Drehorte nicht unbedingt Orte sind, die ein normaler Tourist aufsucht. Der Filmheld beispielsweise übernachtet in einem verfallenen Gebäude, bis eine Reisebekanntschaft ihn aufklärt, dass sich an dem Ort früher ein Gulag befand. Er stolpert sozusagen über die Ruinen eines Imperiums, des Sowjetimperiums. Er kommt in riesige Kolchosen, wo Hunderte von Mähdreschern vor sich hinrosten, und in einer Szene bewegt er sich in der Gegend von Semipalatinsk, wo die Russen fast 500 Atombomben getestet haben, und er findet Zuflucht in frühchristlichen Höhlen am Kaspischen Meer. Das alles sind Orte, die immer wieder mit der Historie zu tun haben, und die Reise folgt einer gewissen geographischen Logik. Insofern zeigt der Film schon ein Stück von Kasachstan.

Haben Sie einen ähnlichen metaphysischen Erkenntnisgewinn während der Dreharbeiten durchgemacht wie Ihr Filmheld?

Lacht. Unser Erkenntnisweg ist eher der umgekehrte gewesen. Wir hatten sehr große Schwierigkeiten, den Film zu drehen. Ich habe ein komplettes Jahr an dem Sujet gearbeitet. Das hinterlässt natürlich Spuren. Wir sind jetzt am vorletzten Drehtag, da ist man erleichtert, dass die Probleme, die wir vor allem mit der Logistik hatten, vorbei sind. Andererseits fühlt man sich dem Land, in das man filmisch eingedrungen ist, auch verbunden.

Herr Schlöndorff, vielen Dank für das Gespräch!

(n-ost)

Von Edda Schlager

08/12/06

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