Die Art der Einschätzung von Ursachen und Dauer der Krise hat direkte Auswirkungen auf die Politik. Diese hat sich in den letzten Monaten sehr stark in die Wirtschaft eingemischt, auch einmischen müssen, um Schlimmeres zu verhindern. Die Krise ist trotz erster Anzeichen einer Erholung bei Weitem nicht zu Ende. Gerade deshalb tut sich im Moment ein Zeitfenster von vielleicht ein, zwei Jahren auf, in denen die Politik handeln muss.

Diesmal allerdings nicht mit Geld, sondern mit Ideen und Regelungen, die die Weichen wenigstens für ein paar Jahre, besser noch für ein paar Jahrzehnte in die Zukunft stellen. Das Zeitfenster zum Handeln ist gerade jetzt gegeben, weil zum einen mit ausreichender Sicherheit die Ursachen der Krise und die wesentlichen Effekte der umfassenden staatlichen Hilfe eingeschätzt werden können und weil – zum Zweiten – der Schrecken dieser Krise noch tief in den Knochen aller Beteiligten sitzt, was die Bereitschaft zum Um- und Neudenken befördert. Wird diese Chance des Umsteuerns jetzt nicht genutzt, wird bei Anziehen der Konjunktur die Reformbereitschaft aller Akteure stark nachlassen, was schneller als gedacht eine neue Krise provozieren kann.
Die tiefere Ursache der aktuellen Krise sind die drastischen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft. Diese haben sich in einem Zeitraum von 20 bis 30 Jahren aufgebaut. Lockere Geldpolitik und Innovationen in der Finanzbranche haben weltweit zu einem schnellen Wachstum von Krediten und der umlaufenden Geldmenge geführt und so die Spekulation angeheizt. Normalerweise hätte das von der Produktion losgelöste Geldmengenwachstum eine Inflation erzeugt, aber das wurde durch einen Anstieg der Produktivität im Zuge der Globalisierung verhindert. Die unvernünftig großen Geldmengen haben sich aber trotzdem ihren Ausweg gesucht und ihn auch gefunden: die Vermögenspreise, vor allem für Immobilien, sind enorm gestiegen, der Bankensektor hat schlechte Darlehen angesammelt, und entstanden in vielen Ländern sind unhaltbare, weil zu stark kreditbasierte Konsumgewohnheiten entstanden.
Die finanziellen Ungleichgewichte, die sich in der starken Verschuldung vor allem der USA und Osteuropas einerseits und dem Anhäufen gewaltiger finanzieller Überschüsse insbesondere in China manifestieren, finden ihr Spiegelbild in den Ungleichgewichten des Welthandels. Die gegebenen Disproportionen können keinesfalls in kurzer Zeit abgebaut werden. Der Finanzsektor ist immer noch stark verschuldet und hat nach wie vor hohen Abschreibungsbedarf aus der Vergangenheit, zu der sich zunehmende Kreditausfälle von heute und morgen gesellen. In vielen Ländern sind die privaten Haushalte nach wie vor stark verschuldet, auch hier ist eine kurzfristige Lösung nicht möglich.
Nun kommt als dritter Bereich der Verschuldung der Staatssektor hinzu, der die getätigten enormen Ausgaben zur Stützung der Wirtschaft natürlich nicht eingeplant hatte und auch nicht einplanen konnte. Ringsherum also Schulden, und hierin unterscheidet sich die aktuelle Krise auch von bisherigen Krisen. Zudem gibt es in vielen Ländern einen Überhang an erst kürzlich gekauften langlebigen Gütern wie Autos oder Häuser. Auch bei wieder steigender Beschäftigung und damit steigenden Einkommen dürfte diesmal die Nachfrage nur zögernd steigen, da die meisten Schuldner erst einmal für ihren in der Vergangenheit bereits getätigten Konsum bezahlen werden, statt neu Nachfrage zu generieren. Da die Banken diesmal selbst erhebliche Schuldenprobleme haben, werden sie trotz historisch niedrigster Zinsen nur sehr zurückhaltend neue Kredite vergeben und damit den Stimulator klassischer Krisenbewältigung nicht in Gang setzen können.
Doch auch auf der Angebotsseite sieht die Lage nicht rosig aus. Während des Booms der Jahre vor 2008 wurden unvernünftig viele Produktionskapazitäten aufgebaut, die nun schlecht oder gar nicht ausgelastet sind. Diese Kapazitäten müssen auf das Maß zurückschrumpfen, das nachfrageseitig wirklich da ist. Mit anderen Worten, eine ganze Reihe von Firmen muss komplett vom Markt verschwinden oder zumindest einen Teil seiner Kapazitäten stilllegen.
Die positiven Meldungen über gestiegene Aufträge werden momentan zu leichtfertig als „Ende der Krise“ interpretiert. Die Probleme sowohl auf der globalen Nachfrage- wie auf der globalen Angebotsseite sind nicht gelöst und werden bald wieder in den Vordergrund treten.

13/11/09

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