„Eine Qualifikationsoffensive ist das Gebot der Stunde“

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Dr. Tilo Klinner ist seit August Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Kasachstan. Der promovierte Jurist ist seit 1988 im Auswärtigen Dienst tätig, mit Stationen in Russland, Trinidad und Tobago, China und Pakistan. Wir haben mit ihm über die deutsch-kasachischen Beziehungen und die Bedeutung der deutschen Minderheit vor Ort gesprochen.

Herr Dr. Klinner, Sie sind nun seit einem knappen halben Jahr in Kasachstan. Welchen Eindruck haben Sie bisher vom Land bekommen?

Kasachstan ist ein faszinierendes Land. Seine außerordentliche geografische Ausdehnung erstreckt sich über höchst unterschiedliche Klima- und Vegetationszonen. Hierin liegt der Grund für die beeindruckende Biodiversität des Landes, die schon im 19. Jahrhundert deutsche Forscher wie Alfred Brehm und Alexander v. Humboldt in seinen Bann gezogen hat.

Ich habe spontan mit der reichen Naturlandschaft Kasachstans begonnen. Am meisten fasziniert mich jedoch, dass Kasachstan ein Land mit einer Vision ist. Der Wille, technisch, wissenschaftlich, wirtschaftlich, aber auch gesellschaftlich vorne mitzuspielen, ist mit Händen zu greifen. Besonders gilt dies für die Hauptstadt Astana, die eine beeindruckende Zukunftsprojektion verkörpert.

Eine Reihe von deutschen Außenpolitikern hat Zentralasien in den vergangenen Wochen besucht. Wächst das Interesse an der Region?

Ja, das deutsche Interesse an Kasachstan und Zentralasien wächst. Das belegt ein regelmäßiger Besucherstrom in den vergangenen Jahren. Im politischen Diskurs in Europa wird deutlich, welche bedeutende Rolle das „Herz Asiens“ auch für uns Europäer spielen kann. In Deutschland war uns dies schon immer stärker bewusst als vielleicht anderswo. Deutschland war – wenn man so möchte – der Pate der ersten Zentralasienstrategie der Europäischen Union und ist auch heute eine der treibenden Kräfte hinter der geplanten Neuauflage dieser Strategie.

Politische Machtprojektion zählt nicht zu Deutschlands Interessen.

Gleichzeitig wächst das Verständnis für Fragen der Konnektivität. Die eurasische Landverbindung gewinnt zunehmend an Bedeutung, und dabei führen zwar nicht alle, aber doch viele Wege durch Kasachstan. Die chinesische Seidenstraßeninitiative – heute BRI genannt (Belt and Road Initiative, Anm. d. Red.) – hat unseren Blick für diese Entwicklung geschärft. Der Ausdruck „Seidenstraße“ stammt übrigens von dem deutschen Asienforscher und Geografen Ferdinand von Richthofen.

Als Flächenland zwischen Russland und China hat Kasachstan keine einfache Position. Einerseits versucht es sich als Nationalstaat zu behaupten, andererseits wächst die Abhängigkeit von Russland und China. Welche Rolle kann Deutschland hier noch einnehmen?
Deutschland und Kasachstan haben heute ein gemeinsames Ziel. Wir wollen die Konnektivität auf dem eurasischen Großkontinent stärken. Wir wollen aber auch, dass unsere Interessen und Vorstellungen Eingang in die eurasischen Konnektivitätskonzepte finden. Es kann nicht sein, dass entlang der großen Ost-West-Achsen nur die chinesische Perspektive zum Tragen kommt. Wir müssen deshalb unsere Interessen genauer definieren. Kasachstan hat dies mit dem Nurly-Zhol-Programm in bemerkenswerter Deutlichkeit getan.

Die EU hat im vergangenen Herbst ihre Konnektivitätsstrategie vorgestellt. Deutschland kann für Kasachstan ein zentraler Innovationspartner bei der Bewältigung der vielfältigen technischen, logistischen und infrastrukturellen Herausforderungen sein. Deutschland und Kasachstan sollten hier mutig sein, und beherzt die Aufgaben angehen, die sich beim Ausbau eines transkontinentalen Landverbindungsnetzes stellen. Um diese Chancen auszuloten, führen wir mit der Regierung Kasachstans einen intensiven Dialog, den wir in Zukunft noch weiter verstärken sollten.

Die enge Zusammenarbeit ist auch für Kasachstan attraktiv: Als Nachbar zweier Großmächte hat Kasachstan ein starkes Interesse, auch nichtregionale Akteure zu involvieren. Zwar haben auch wir Deutsche Interessen, diese sind jedoch im Wesentlichen wirtschaftlicher Natur. Politische Machtprojektion zählt jedenfalls nicht dazu.

In der Landwirtschaft wird eine große Zukunft für die Beziehungen zwischen Deutschland und Kasachstan gesehen. Welche Bedeutung messen Sie der Landwirtschaft bei?

Wenn Kasachstan – was ich für richtig halte – seine Volkswirtschaft diversifizieren und unabhängiger vom Öl- und Gassektor machen möchte, wird die Landwirtschaft sicherlich eine wichtige Rolle spielen. Die großen Agrarflächen des Landes bieten beachtliche wirtschaftliche Chancen.

Im Agrarsektor gibt es zwischen unseren Ländern bereits eine etablierte Zusammenarbeit. Im Jahr 2011 hat das deutsch-kasachische Agrarzentrum in der Nähe von Kökschetau seine Arbeit aufgenommen. Die deutsch-kasachische Agrarkonferenz im Oktober war eine natürliche Fortsetzung dieses vielversprechenden Vektors unserer Zusammenarbeit. Dabei wurde das ganze Potential einer Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kasachstan deutlich.

Aus den vielen Facetten einer Zusammenarbeit im Agrarsektor erscheinen mir zwei Aspekte von besonderer Bedeutung. Zum einen der Aufbau einer leistungsstarken lebensmittelverarbeitenden Industrie, die auch exportfähige Produkte herstellt. Zum zweiten der Aufbau eines fortschrittlichen Berufsbildungssystems im Agrarsektor. In beiden Bereichen haben Deutschland und seine Unternehmen viel zu bieten.

Bevor Sie die Position des deutschen Botschafters in Kasachstan übernommen haben, waren Sie als Beauftragter für Außenwirtschaftsförderung und Technologie im Auswärtigen Amt in Berlin tätig. Können Sie uns einen Ausblick auf die Außenwirtschaftsförderung in Kasachstan und die weiteren wirtschaftlichen Beziehungen geben?

Deutschland verfügt über ein umfangreiches Instrumentarium der Außenwirtschaftsförderung. Dieses umfasst unter anderem Exportkredit- und Investitionsgarantien sowie ungebundene Finanzkredite. Diese kommen auch unseren Wirtschaftsbeziehungen mit Kasachstan zugute – allerdings noch nicht in dem Umfang, der möglich wäre. Hier gilt es, noch Altlasten aus der Bankenkrise zu beseitigen, um das gesamte Potential der deutschen Außenwirtschaftsförderung zur Entfaltung zu bringen. Ich bin zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird, und wir unsere Wirtschaftsbeziehungen zu neuen Höhen führen können.

Es leben noch etwa 180.000 Deutsche in Kasachstan – und es werden immer weniger. 2017 verließen 2.690 Spätaussiedler Kasachstan in Richtung Deutschland. Welche Perspektiven sehen Sie für die deutsche Minderheit in Kasachstan?

Für uns sind unsere Landsleute, die Kasachstandeutschen, eine außerordentlich wichtige Stütze bei der Ausgestaltung unserer Beziehungen zu Kasachstan. Sie kennen beide Kulturen und bilden eine verlässliche Brücke zwischen unseren beiden Ländern. Ich halte es für sehr wichtig, das gemeinsame historische Erbe, dieses Alleinstellungsmerkmal der deutsch-kasachischen Beziehungen, zu erhalten und für die zukünftige Ausgestaltung unserer Zusammenarbeit nutzbar zu machen. Das gilt für unsere kulturellen Kontakte, aber auch für unsere Wirtschaftsbeziehungen. Gerade in der Wirtschaft und Landwirtschaft können die Kenntnisse und Fähigkeiten der Kasachstandeutschen von unschätzbarem Wert sein.

Die Renaissance der deutschen Sprache im Land ist das Fundament für eine erfolgreiche Zukunft der Deutschen Kasachstans.

Auch wenn eine große Zahl der ethnischen Deutschen in den letzten Jahren Kasachstan verlassen hat und der Trend auf einem niedrigen Niveau fortbesteht, leben nach wie vor viele ethnische Deutsche in Kasachstan, die die deutsche Kultur und Sprache pflegen. Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass gerade solche Kasachstaner erfolgreich in Deutschland studieren oder bei deutschen Unternehmen in Kasachstan beziehungsweise Deutschland arbeiten.
Um diesen Wettbewerbsvorteil wissen hier viele: nach Englisch ist Deutsch die zweitbeliebteste Fremdsprache. Trotzdem sieht sich der Deutschunterricht in Kasachstan mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Dank den Bemühungen der Botschaft, der deutschen Kulturmittler und der „Wiedergeburt“ gab es an manchen Stellen bereits erfreuliche Momente, jedoch bleibt viel zu tun. Dabei liegt es mir am Herzen, zu betonen, dass die Renaissance der deutschen Sprache im Land das Fundament für eine erfolgreiche Zukunft der Deutschen Kasachstans ist. Wir verstehen uns besser und sind erfolgreicher, wenn wir eine gemeinsame Sprache sprechen.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit der Deutschen Botschaft in Kasachstan mit der Stiftung der Deutschen Kasachstans „Wiedergeburt“?

Die Stiftung „Wiedergeburt“ ist einer unserer wichtigsten Partner in Kasachstan. Die Neuorganisation der Stiftung, wird es uns erlauben, Hand in Hand mit der „Wiedergeburt“ noch effektiver zu werden. Vor allem die Projektarbeit soll intensiviert werden. Wir werden dabei den Blick nach vorn richten. Um die Zukunft zu meistern, ist es wichtig, in die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Deutschen in Kasachstan zu investieren. Deshalb wird es vor allem darum gehen, denjenigen, die dies wollen, sprachliche und berufliche Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen. Eine Qualifikationsoffensive zum Nutzen der deutsch-kasachischen Wirtschaftsbeziehungen ist das Gebot der Stunde. Gemeinsam können wir es schaffen, beispielsweise im Agrarsektor eine zeitgemäße, innovative Berufsbildung zu etablieren.

Das Interview führte Othmara Glas.

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