Jetzt sind sie vorbei, die Wahlen. Es war wieder mal auf allen Ebenen spannend. Fand ich. Was denn daran spannend sei, fragten andere, erstens stünde das Wahlergebnis eh schon fest, und zweitens würde sich danach ja sowieso nichts ändern. Das nennt man wohl Politikverdrossenheit. Dass ich das immer noch spannend finde, nennt man wohl Naivität. Der Unterschied ist, dass man bei der Politikverdrossenheit durchgehend frustriert ist mit geringen Schwankungen, während bei der Naivität die Frustration sehr plötzlich und heftig einsetzt.

Spannungsmoment Nr. 1 war, ob, wo und wie ich überhaupt an der Wahl teilnehmen dürfe. Ich hatte schon die Europawahl verpasst, weil ich nicht in der Lage war, den Fahrplan richtig zu lesen, und eine Stunde nach Schließung der Wahllokale nach Köln zurückkehrte, und auch an den Kommunalwahlen nahm ich nicht teil, weil ich aufgrund meines Wohnortwechsels nicht wusste, wo ich wählen müsse, bis ich schließlich nirgendwo mehr wählen durfte. So wollte ich die Bundestagswahl unter keinen Umständen verpassen.Allein, meine Wahlbenachrichtigung blieb aus. Nein, hier dürfe ich noch nicht wählen, so das Wahlamt meiner neuen Stadt. Ja, hier dürfe ich noch wählen, so das Wahlamt meiner alten Stadt. Ich solle mit der Nummer X beim Wahlbüro Y vorstellig werden, dann dürfe ich meine Kreuze machen. Das war also geklärt.

Spannungsmoment Nr. 2: Wen oder was soll ich eigentlich wählen? Mir fielen keine Probleme ein, die jemand für mich lösen solle. Ich fühle mich in meinem unternehmerischen Treiben und Aufschwung als Kleinunternehmerin nicht behindert. Da ich allein lebe und keine Kinder habe, tangiert mich auch die Familienpolitik wenig. Höchstens könnte ich darüber nachdenken, ob ich zu viel Steuern zahle. Aber da ich den Überblick, wie viel ich verdiene, komplett meiner Steuerberaterin übertragen habe und mir auch nach Abzug der Steuern leisten kann, was ich gar nicht zum Leben brauche, will ich mich hier nicht reinsteigern.
Schön, widme ich mich also den globalen Themen und den Problemen anderer. Atomenergie, Klimawandel und Umweltschutz, Gentechnologie und natürlich der Integration von Migranten. Familienpolitik, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Versorgung der älteren Menschen. Na also, da kommt ja eine ganze Palette zusammen, woran sich die Politik noch abarbeiten muss. Nach meinem Bauchgefühl zieht es mich zu den Grünen. Zwar hat das Bauchgefühl fast immer recht, aber in solch wichtigen Fragen möchte ich mich lieber quasi wissenschaftlich absichern, damit setze ich das Spannungsmoment Nr. 3 in Gang, den Wahl-O-Maten.

Wie bei der Europawahl habe ich schon wieder die größte Übereinstimmung mit den Linken. Das geht aber auf keinen Fall. Dicht darauf sind es die Grünen. Zur Bestätigung bediene ich noch den Grün-O-Maten, 90 Prozent Übereinstimmung, und als Letztes lasse ich meinen Blick über die Gesichter der Parteivertreter schweifen. Es kommen genügend Sympathiepunkte zusammen, das Ding wäre also geritzt.

Aber wie wählen? Taktisch oder aus Überzeugung? Will ich was verhindern oder meinen Protest ausdrücken, indem ich die Erststimme so und die Zweitstimme anders setze? Soll ich mich um die Überhangmandate kümmern? Nein, ich wähle gemäß meiner Überzeugung, beide Stimmen den Grünen, die Entscheidung ist getroffen. Auf dem Wahlamt tritt wieder das Spannungsmoment Nr. 1 in Kraft, weil man mich in der Liste nicht findet. Ich nenne brav meine Nummer, das hilft aber nix. Ich wäre hier falsch und müsse woanders hin. Nein, beteuere ich, ich hätte mich beim Wahlamt erkundigt, sei hierher geschickt worden, und nun würde ich auch hier bleiben und wählen, so!

Bei so viel Vehemenz wurde ich dann doch gefunden, ich sei wegen Umzugs gestrichen worden. Gestrichen?! Ich bin nicht gestorben, sondern nur 15 Minuten weit weg von Köln gezogen. Ich wähle trotzdem, bekundete ich. Ich wurde zur Kollegin geschickt, wo ich in die Fehlerliste eingetragen würde, ich solle das aber nicht persönlich nehmen, die Liste heiße eben so, aber wählen dürfe ich. Na, also! Ich bekam meinen riesengroßen Wahlschein ausgehändigt, die Kreuze waren schnell gesetzt. Allerdings war es nicht so feierlich, wie ich mir das vorgestellt hatte in dem ungemütlichen Klassenraum mit gelangweilten Wahlhelfern, alles grau in grau. Na egal, ab zu den Freunden, mit denen ich die Wahlergebnisse feiern und auswerten wollte.

Jetzt kam das Spannungsmoment Nr. 4: Wie haben alle anderen gewählt? Es war zu befürchten, ist nun aber doch enttäuschend: schwarz-gelb. Rot fährt große Verluste ein. Meine Partei hat Gewinne zu verzeichnen, aber der Tiefschlag der SPD trifft doch hart und überlagert alle Freude. Alle scheinen mitgenommen, das hat keine Partei verdient. Mein zweites Erschrecken gilt dem guten Wahlergebnis der Linken. Warum haben alle anderen nur dem Wahl-O-Maten vertraut und nicht ihrem Bauchgefühl?? Nun ja, das ist eben Demokratie. Das war also die Wahl.

Das Spannungsmoment Nr. 5: Wie geht es jetzt weiter? Wird sich was ändern? Wie werden die Posten besetzt? Aber so weit bin ich mental noch nicht, zunächst muss ich die Verluste der SPD wegstecken. Ich lese nur die Kommentare der naiven Journalisten, die zeilenweise ihren Schock verarbeiten, während sich die politikverdrossenen Bürger und Journalisten in anderen Artikeln schon wieder sachlich den Politikprogrammen widmen.

Julia Siebert

16/10/09

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