Mit dem Steigen der Preise für die wichtigsten Exportprodukte Kasachstans – vor allem der Erdölpreise – macht sich auch wieder grenzenloser Optimismus hinsichtlich der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung Kasachstans bemerkbar. Als wichtigste Leistungsgröße gilt das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Im Jahr 2010 betrug diese Größe hierzulande pro Kopf der Bevölkerung etwa 9.000 US-Dollar, bis 2015 sollen 15.000 US-Dollar erreicht werden, was absolut 250 Milliarden US-Dollar gegenüber den 146 Milliarden US-Dollar in 2010 bedeuten würde. Das Ziel scheint realistisch zu sein, wobei die Methoden, wie man diese erreichen will, eher unklar bleiben, beziehungsweise es dazu widersprüchliche Aussagen gibt.


Ein Teil der Politiker beschwört die Notwendigkeit, endlich den verarbeitenden Sektor so aufzupäppeln, dass er einen wesentlichen Beitrag leisten kann, andere verlangen eine Aufhebung des in 2008 ausgesprochenen Moratoriums über die Vergabe neuer Bohrrechte für den Ölsektor. Letztere setzen also auf den für Kasachstan klassischen Weg – die Ölförderung in Hoffnung auf weiter hohe Weltmarktpreise für das schwarze Gold. Weiter wird einerseits auf die Notwendigkeit der Inflationsbekämpfung hingewiesen, andere bekennen, dass mit dem Wirksamwerden der Zollunion zwischen Russland, Weißrussland und Kasachstan, die Preise in vielen Bereichen unvermeidlich steigen werden.

Schaut man sich erst einmal die Entwicklungszahlen der letzten Jahre an, so gibt es – wie immer – Licht und Schatten. Die Ölförderung hat in 2010 79.715 Millionen Tonnen erreicht und sich damit zum Jahr 2000 (35.317 Millionen Tonnen) mehr als verdoppelt. Die lange Zeit kritische Finanzkennziffer der Außenschuld des Landes, gemessen in Prozent vom BIP, ist von seinem Gipfel in 2009 mit 105,1 Prozent des BIP nach den Rettungs- und Restrukturierungsmaßnahmen im Bankensektor bis Ende 2010 auf 81,7 Prozent gesunken. Damit liegt die Größe zwar immer noch über dem international üblichen Alarmpegel ROT, aber der Pfeil der Entwicklung zeigt nach unten. Allerdings geht diese relative Entspannung einher mit einem Ansteigen der absoluten Außenschulden. Diese haben sich von 2009 zu 2010 um sechs Milliarden auf gesamt 119,2 Milliarden US-Dollar erhöht. Der Anteil der Schulden des Staates ist dabei vernachlässigbar gering.

Doch zurück zum angestrebten Ziel der Steigerung des BIP. Selbige Kennziffer wird überall in der Welt vergöttert, weil sie relativ einfach das Gesamtvolumen der wirtschaftlichen Aktivitäten darstellt. Allerdings ist das BIP keinesfalls das, was die Menschen dann in der Tasche als Einkommen haben. Im BIP eingeschlossen ist zum Beispiel der Produktionsverbrauch, der meist etwa die Hälfte des Gesamtwertes ausmacht. Zudem gibt es einen Unterschied zwischen den im Inland produzierten und dem im Inland verfügbaren BIP. Je größer der Exportüberschuss, umso mehr im Inland geschaffenes BIP geht ins Ausland und wird dort verbraucht.

Kasachstan hat nun ein deutlich positives Ausenhandelssaldo, sprich, es exportiert wesentlich mehr, als es importiert. Ein Gutteil der Produktion geht also ins Ausland und wird dort verbraucht. Finanziell können so Devisenreserven angehäuft werden, materiell kann es aber zu relativem Warenmangel im eigenen Land kommen. Rechnet man alle diese Dinge zusammen, bleiben von den etwa 9.000 Dollar BIP pro Kopf etwas über 3.000 Dollar in den Taschen der Bewohner Kasachstans und das natürlich auch nur im Durchschnitt. Wie viel nun von den angestrebten 15.000 Dollar in 2015 bei den Menschen bleibt, sagt bisher keine Berechnung.

Es gibt weiterhin das große Ziel, bis 2015 die Beschäftigung von derzeit 8,1 Millionen auf 8,5 Millionen auszuweiten, insbesondere in den ländlichen Gegenden. Statistisch klingt das gut. Es gibt jedoch noch keine Antwort darauf, wie das vor sich gehen soll. Im Moment sind alle in ländlichen Gegenden mit ihrer eigenen und einzigen Kuh oder dem Anbau von 50 Gurken auf einer freien Fläche Tätigen als selbständig Beschäftigte erfasst. Jedoch können diese Produzenten von ihren Einkünften kaum existieren. Es handelt sich dabei um etwa zwei Millionen formell zwar Beschäftigte, real aber Unterbeschäftigte. Zudem soll die Anzahl der Märkte im Land deutlich verringert werden, was zusätzliche Arbeitslose auf den Arbeitsmarkt bringen wird.

Anspruchsvolle Pläne sind durchaus richtig, allerdings sollten sie die hinter den großartigen allgemeinen Zielen liegenden Probleme der Menschen auch lösen.

Bodo Lochmann

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