Ich bin derzeit bemüht, Dingen, die ich bislang rigoros abgelehnt habe, noch mal eine Chance zu geben. Wer weiß, vielleicht erhalte ich ja Anlass, meine Meinung zu ändern, bevor sie sich im Altersstarrsinn verfestigt. Zuletzt waren es die Literaturkritiker. Die haben es nicht geschafft. Diesmal waren es die Gospelkonzerte. Die haben es auch nicht geschafft.

 

Heute habe ich ein Gospelkonzert besucht. Ich hatte einer Freundin zum Geburtstag eine Einladung in ein Konzert geschenkt. Und sie hat sich ausgerechnet Gospel gewünscht. Nun gut. Geschenkt ist geschenkt. Gospels sind was Religiöses, gehören in die Kirche und sollen zum Mitmachen anregen. Insofern erscheint es mir seltsam, Gospels als Konzert aufzuführen. Nun denn.
Da saßen wir also brav und steif auf unseren Sitzen, während der Gospelchor gleich zu den ersten Takten brav und steif mitschunkelte, jeder in seinem eigenen Rhythmus, während die beiden jamaikanischen Chorleiter den Urswing erkennen ließen. So, wie man sich das vorstellt. So, wie das eben sein muss. Weit weg von Köln und Deutschland. Die Chorleiter waren natürlich gar nicht zufrieden mit den lethargischen Zuhörern und animierten dazu aufzustehen, im Takt mitzuklatschen und mitzusingen. Das Publikum war willig und folgte brav, blieb aber steif und unbeholfen.
Ein kraftloses Klatschen, ein leises Wispern, ein hüftkrankes Wiegen. Ich fühlte mich zwischen den Stühlen und blieb vorsichtshalber sitzen. Musik und Gesang waren ohne Zweifel schön, aber Musik hören kann ich besser als in einem steifen Publikum. Soll ich ausgelassen mittun, brauche ich primitives Rumbatätärä? Wie im Karneval. Hier ging es aber ausschließlich um Gott und Glaube. Da mir der Glaube abgeht, entsprang auch dem Text kein Funke. Schön war aber anzusehen, wie ergriffen die Gospelsänger waren. Freudestrahlende Gesichter rühren so oder so. Ich machte es mir also zum Vergnügen, wenn ich schon nicht ganz eintauchen konnte, so doch die Sänger zu mustern.
Im Fazit bleibt: Dass das Gospelsingen Menschen Freude bereitet, war offensichtlich. Als Konzertform hat es mich nicht überzeugt. Gott hat es mir nicht nähergebracht. Ich schlage vor, wir einigen uns auf einen Kompromiss: Die anderen singen weiterhin Gospels und ich bleibe allein daheim ohne Glaube und Gesang.

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