Wo sind sie hin, all die Universalisten? Ausgestorben. Die Zeiten, als man in Deutschland noch mit Ruhm und Ehre möglichst viel wissen und können durfte, scheinen vorbei. Oder stellen Sie sich ein Bewerbungsgespräch mit Herrn Goethe vor. Kernkompetenzen: Dichter, Meteorologe, Geologe, Garten- und Landschaftsbauer und vieles andere mehr. Kein Unternehmen würde ihn einstellen. Wo ist da, bitteschön, die Spezialisierung? Kein roter Faden im Lebenslauf. Hier fehlen greifbares Fachwissen, Zielstrebigkeit und Orientierung. Oder denken Sie auch an Giovanni Battista Della Porta: Optiker, Astrologe, Naturphilosoph, Alchemist, Belletrist und Dramatiker. Das passt auf keine Visitenkarte. Talente und Interessen haben im Beruf nichts zu suchen, ab damit in die Volkshochschulen. Spezialisten braucht das Land. Und weil sich lückengenau bestimmen lässt, was fehlt, werden Experten aus anderen Ländern passgenau angeworben. Die kommen auch. Einige. Hin und wieder. Aber noch mehr kommen die Universalisten. Aus Russland zum Beispiel, wo es richtig und wichtig ist, verschiedene Berufe ausüben zu können, weil es sich anders kaum überleben lässt. Mit weitreichenden Kompetenzen kann man sich nicht nur autark versorgen, sondern auch eingreifen, wo gerade Bedarf entsteht – als Maschinist, Buchhalter oder Kapitän. Und im Notfall findet man immer irgendwas, das man handeln oder bewachen kann. Das Diplom auf Berufsfähigkeit erwirbt man in jungen Jahren, irgendeines, Fachrichtung egal, darauf lässt sich bauen, weitere Zertifikate braucht man selten. Wer Aufträge bekommt, bestimmt das Marktgesetz.
In dem durchlizensierten und überspezialisierten Deutschland funktioniert das nicht, hier finden Universalisten wenig Raum, allenfalls Nischen. Wer mit vielen Talenten jongliert, kann sich bestenfalls als Hausmeister verwirklichen.
Sicher, Expertenwissen hat seine Berechtigung, das wollen wir nicht komplett absprechen. Aber das Ganze hat ein wesentliches Problem: Es gibt für die Experten keine passenden Stellen und für unsere spezialisierten Arbeitsplätze nicht die passenden Experten. Manch ein Fachmann, der auf eine geeignete Stelle wartet, verliert mit den Jahren des geduldigen Wartens unterwegs sein Expertentum. Wissen veraltet. Keine Fachpraxis. Aus die Maus. Andere wollen runterstufen. Schlechte Aussichten. Überqualifiziert. Was geht noch? Umsatteln. Das Arbeitsamt macht aus allem, was sonst nirgendwo unterkommt, Netzwerkadministratoren oder Pseudobetriebswirte. Die will keiner, weil es ja „richtige“ IT-Fachleute und ausgebildete BWLer gibt.
Es heißt ja, nichts vergeht, und alles kommt irgendwann wieder. Hoffentlich gilt das auch für den Universalismus!

07/04/06

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