Ich finde das in Ordnung, dass ich Dienstreisen unternehme, aber ich finde es auf gar keinen Fall toll.

Die meisten Dienstreisen brocke ich mir selbst ein, weil ich mich gerne mit anderen Fachleuten treffe. Und weil die nicht alle in Köln hocken, setze ich mich eben in den Zug und fahre hin, wo immer die Fachleute sind. Und wenn es zu spät wird, um am selben Tag zurückzureisen oder ich das mit anderen Terminen verbinden kann, dann übernachte ich eben in einem Hotel und reise am nächsten Tag weiter oder zurück. Mir scheint, mein Umfeld hält das Unterwegssein an sich für einen Selbstwert, etwas ganz tolles, aber um das mal richtigzustellen: Es fängt damit an, dass ich bei mehrtägigen Dienstreisen meinen Haushalt nicht geregelt bekomme. Ich muss vorher so dosiert einkaufen und die Lebensmittel verwerten, dass nichts im Kühlschrank verschimmelt. Ich kann an den Entsorgungstagen nicht meine Mülltonne rausstellen, und wenn ich an einem Donnerstag nicht da bin, kann ich meine Wochenzeitung nicht reinholen und sowieso quillt jedes Mal der Postkasten über. Ich muss all meine Kommunikationsgeräte mit Abwesenheitsnotizen versorgen und rechtzeitig Wäsche waschen; Kofferpacken war noch nie meine Leidenschaft und Bügeln sowieso nicht.
Dann warte ich mit zu viel oder zu wenig Gepäck auf kalten Bahnsteigen, um zu lange in verspäteten zu lauten und zu kalten Zügen auf zu unbequemen Sitzen durch die Lande zu düsen. Dabei trinke ich zu viel Kaffee und esse zu viele Bratwürste. Dann muss ich mich ständig orientieren und die Treffpunkte finden, wo ich zu früh oder zu spät ankomme. Die Termine sind fast immer super. Die Abende sind fast immer doof. Entweder ich gebe in Lokalen zu viel Geld aus und bleibe dort zu lange hocken, so dass ich am nächsten Tag müde bin. Oder ich verplempere den Abend auf meinem Hotelzimmer mit Fernsehen, Pizza, Süßigkeiten und Bier. Ich komme dann erschöpft, erkältet, verkantet und pleite zurück, um erst mal zum Physiotherapeuten zu watscheln, sehe mich mit einem viel zu leeren Kühlschrank und einem viel zu vollen Schreibtisch konfrontiert; brauche mehrere Tage, um mich zu erholen und daheim einzufinden, aber ach, da steht ja schon wieder die nächste Dienstreise an. Immerhin gelingt es mir inzwischen, die kleinen Zeitfenster zwischen Termin A und Termin B für Besorgungen zu nutzen, einen Friseur, Optiker oder Hörakustiker aufzusuchen und so was.

Nein, ich möchte nicht jammern, es ist in Ordnung, ich nehme es tapfer in Kauf. Aber es ist auch nicht schön, in keinem Fall besser als daheim zu sein. „Aber“, so lautete zuletzt der hartnäckige Einflüsterungsversuch, um die Illusion der herrlichen Dienstreise aufrechtzuerhalten, „sei es immerhin besser, als nichts zu tun zu haben“. Ja schon, aber (hier zeigt die Heldin der Geschichte eine Gestik der Verzweiflung) wieso um Himmelswillen muss man unbedingt etwas Positives in eine Dienstreise hineininterpretieren? Eine Dienstreise ist eine Dienstreise und bleibt eine Dienstreise. Nicht mehr und nicht weniger. Ich möchte einfach nur als Sachinformation feststellen, dass ich unterwegs bin, um mitzuteilen, dass ich nicht daheim bin. Und Punkt. Um das Gespräch, warum Dienstreisen nämlich nicht so toll sind, wie das Stubenhocker denken, nicht mehr führen zu müssen, werde ich künftig allen, die mehr Austauschbedarf dazu haben, diesen Text vorlegen.

Julia Siebert

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