Violetta macht gerade ein Praktikum in der Programmabteilung des Goethe-Instituts. Sie ist nicht zum ersten Mal in Kasachstan. Mit dem zentralasiatischen Land verbindet sie viele Erinnerungen.

Ist dies Dein erster Besuch in Kasachstan?

Nein, das ist mein zweiter Besuch, nachdem wir umgezogen sind. Ich war 14 Jahre alt, als ich das erste Mal wieder in Kasachstan war. Aber hier, in Almaty, bin ich das erste Mal.

Ich bin positiv überrascht von Almaty. Ich erinnere mich vor allem an viele Ferien bei Oma und Opa auf dem Dorf in Kasachstan, und irgendwie habe ich entsprechend andere Vorstellungen vom Leben hier gehabt. Mir gefällt es, dass das Wetter bisher gut war, die Menschen scheinen auch sehr nett zu sein. Und natürlich macht mir auch mein Praktikum sehr viel Spaß. Doch ich verliere mich immer in den Straßen. Für die meisten scheint das einfach zu sein, aber ich verlaufe mich ständig.

Was sind gerade Deine Aufgaben im Goethe-Institut?

Ich arbeite in der Programmabteilung des Goethe-Instituts. Das ist sehr spannend, weil dort gerade ein Projekt mit dem Theaterregisseur Kay Wuschek läuft. Ich habe auch schon zuhause bei verschiedenen Theaterprojekten mitgemacht.

Was verbindet dich mit Kasachstan?

Ich bin hier geboren und komme aus dem Gebiet Kustanai. Aber seit 19 Jahren lebe ich schon in Deutschland. Mich verbindet noch viel mit Kasachstan, weil ich zum einen hier geboren bin und auch noch ein paar Verwandte hier habe.

Mein Vater ist ethnischer Deutscher, doch er hat erst angefangen, Deutsch zu lernen, als wir nach Deutschland gezogen sind. Meine Mutter ist Russin, und ein Teil ihrer Vorfahren kommt aus der Ukraine.

Wie alt warst Du, als Du nach Deutschland gezogen bist?

Ich war fünf Jahre alt.

Verstehe, deswegen hattest Du wahrscheinlich keine Integrationsprobleme oder?

Ja, das stimmt. Ich hatte kaum Schwierigkeiten. Was allerdings interessant ist: Wenn ich spreche, habe ich keinen deutschen Akzent. Aber wenn ich russisch spreche, dann hört man einen Akzent.

Du lebst schon eine lange Zeit in Deutschland. Wie würdest Du deine Identität beschreiben – als Deutsche oder als Russlanddeutsche?

Ich würde sagen keins von beiden. Wenn mich jemand nach meiner Herkunft fragt, antworte ich immer, dass ich international bin. Ich habe zwar die meiste Zeit meines Lebens in Deutschland verbracht, aber es ist für mich trotzdem schwer zu sagen, dass nur Deutschland meine Heimat ist. Ich bin auch genauso wenig Kasachin oder Russin. Das hat auch Vorteile, weil ich mich im Prinzip überall beheimatet fühlen kann und es im Prinzip überall einfach ist, mich zu integrieren.

Kennst Du die Geschichte Deiner Familie? Gerade viele Russlanddeutsche sind während des Zweiten Weltkrieges nach Kasachstan deportiert worden. Gibt es aus dieser Zeit Erzählungen in deiner Familie?

Ich weiß nur, dass mein Urgroßvater väterlicherseits aus Deutschland kam und während des Krieges in Kasachstan gelandet ist. Bei uns in der Familie erinnert sich niemand an ihn. Ich weiß nur, dass er vier Kinder hatte, damals schon früh nach Deutschland zurückgekehrt ist, und ich nehme an, dass er dort wieder geheiratet hat. Keiner von uns spricht über ihn, und daher ist nichts über ihn bekannt.

Was machst Du in Deutschland? Warum bist Du nach Kasachstan gegangen?

Ich studiere Ethnologie in Heidelberg. Eigentlich hatte ich keinen besonderen Grund, außer dass ich ein Praktikum machen muss und ich mein Russisch wieder anwenden wollte. Kasachstan ist auf jeden Fall ein spannendes Land, und ich bin sehr froh, hier zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch

Interview: Olesja Klimenko

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