Kinderheime in Internatsform sollen durch Familienkinderheime und Pflegefamilien ersetzt werden. Teilnehmer und Initiatoren des Gesellschaftsforums „Das Kind muss in der Familie leben“ haben erzählt, warum das alte Internatssystem in Kasachstan umgewandelt werden muss.

„Alternative Varianten für das Leben von Heimkindern wie Betreuung und Vormundschaft müssen so schnell wie möglich zu den einzig angewandten werden. Warum haben wir das Recht jedes Kindes, in einer Familie zu leben noch nicht erfüllt? Es ist eine Folge der Mängel des kasachischen Sozialsystems“, sagte die Initiatorin des Forums Dariga Nasarbajewa. Die Abgeordnete und Vorsitzende im Ausschuss für sozial-kulturelle Entwicklung des Maschilis zählt einige Ursachen auf: Es gibt kein einheitliches System zum Schutz der Kinderrechte, die Zuständigkeiten sind auf mehrere staatliche Behörden aufgeteilt und haben eher einen formalen Charakter. Hier müsse man festlegen, welches Gremium die volle Verantwortung für Heimkinder trägt. Es wäre nach Ansicht Nasarbajewas logisch, wenn diese Funktion das Ministerium für Arbeit und sozialen Schutz übernehmen würde.

Probleme mit Korruption und mangelnder Organisation

Nach Angaben des Ausschusses für den Schutz der Kinderrechte gibt es in Kasachstan derzeit 36.800 Heimkinder. Der Staat finanziert das Leben eines Kindes im Heim mit einer Million Tenge pro Jahr. Obwohl dies eine sehr hohe Summe ist, kann sie doch den Kindern die Familien nicht ersetzen. Außerdem gibt es häufig Fälle von Korruption. So erreicht das vom Staat bereitgestellte Geld sein Ziel nicht. Nach Ansicht von Dariga Nasarbajewa können ehemalige Internatsbewohner nur in Einzelfällen ihr Leben erfolgreich organisieren, und das obwohl es bereits verschiedene Formen (Quoten, Stipendien, soziale Wohnungen) der Unterstützung von Waisenkindern gibt. „Das System funktioniert nicht oder arbeitet zum Nachteil des Staates. Das System der formellen Erziehung ist ein Äquivalent für die Gewalt und Kindermisshandlung. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir nicht mehr glauben können, dass das Leben der Kinder in Kinderheimen ein Verfahren zum Schutz der Kinderrechte sei“, so die Abgeordnete.

Arman Schurajew, Direktor des Fernsehkanals KTK sowie einer der Initiatoren, ergänzt: Elementare Unorganisiertheit führt dazu, dass viele Kinder ohne Eltern bleiben, und potentielle Eltern ihrerseits keine Kinder finden können. Vor sechs Monaten hat man mit aktiven Untersuchungen begonnen, um zu verstehen, wie sich die Sache mit Kinderheimen in Kasachstan verhält. Im Laufe der Untersuchungen wurden die negativen Tendenzen in der Gesellschaft und den Kinderheimen aufgedeckt: Mangel an Information, Korruption sowie Gleichgültigkeit. Nach der Meinung der Analyseautoren sind Kinder, die in Heimen groß geworden sind, in der Regel weniger gebildet und/oder haben einen Entwicklungsrückstand. Dabei ist das Risiko der Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit bei diesen Kindern bedeutend höher.

Geringe Chancen der Resozialisierung für ehemalige Heimkinder

„Das sind Kinder, die nicht gesellschaftlich integriert sind. Spender bringen ihnen Kleidung. Der Staat finanziert sie. Deshalb denken diese Kinder im Vergleich mit unseren Kindern nicht daran, was man für ein selbstständiges Leben tun muss“, sagt eine Kinderheim-Erzieherin. Nachdem sie mit 18 Jahren plötzlich auf sich allein gestellt sind, wird dann nur ein Gesetz für sie existieren: Nur der Stärkere überlebt. Nach den Angaben von UNICEF gehen 60 Prozent der ehemaligen Heiminsassinnen auf den Strich. Daneben rutschen 70 Prozent der jungen Männer in die Kriminalität ab, neun Prozent begehen Selbstmord. Das Hauptproblem besteht darin, dass Kinder in Kinderheimen unter künstlichen Bedingungen leben. In vielen Fällen wird ihnen von niemandem beigebracht, wie man über eigene Finanzen und persönliche Zeit verfügt. Auf dieser Grundlage entstehen dann viele Schwierigkeiten in einem selbständigen Leben. Kinder, die in den Familien leben, können diese Fertigkeiten bei den Eltern erlernen.

Aruschan Sain, Direktorin der Gesellschaft „Barmherzigkeit“ empört sich: „Es ist eine Schande, wenn heute jemand aus dem Ausland zu uns kommt, um ein Kind zu adoptieren. In ihrem Land bleiben sie acht Jahre auf einer Warteliste, um eine solche Möglichkeit zu bekommen. Bei uns kann man das alles schneller machen“. Aruschan träumt von einem idealen Land, in dem es keine traditionellen Kinderheime gibt, weil die Waisenkinder sich in den Patronatsfamilien und Familienheimen befinden, wo etwa 20 Kinder mit den Eltern in den natürlichen Lebensbedingungen glücklich zusammenleben.

Von Xenia Sutula

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