Tschingis Aitmatow, Jurten und der Issyk-Kul stehen für Kirgisistan. Wer mehr über die Traditionen und Geschichte der Kirgisen erfahren möchte, sollte einen Abstecher nach Ruch Ordo am Nordufer des zweitgrößten Bergsees der Welt machen.

Es ist Sommer: Zeit für Urlaub und Ferien. Für viele Reisende in Zentralasien ist der See Issyk-Kul zu einem beliebten Erholungsort geworden. Aufgrund seiner Schönheit wird der See auch die „Perle Kirgisistans“ genannt. In der Region rund um den Issyk-Kul kann man nicht nur sonnenbaden, schwimmen und die schneeweißen Bergrücken bewundern, sondern auch interessante Orte besuchen. Ein solcher Ort ist das Kulturzentrum „Tschingis Aitmatow“ in Ruch Ordo.

Ein Gott für alle

Ruch Ordo ist ein Ort, wo eine Person spirituell und kulturell bereichert werden kann, wo sie Denkanstöße erhält. In Ruch Ordo wird sich jeder Mensch zu Hause fühlen, denn hier trafen sich einst die Kulturen der Welt. Die Einzigartigkeit des Kulturzentrums liegt darin, dass dort fünf Konfessionen je eine Kapelle haben: Buddhismus, Judentum, orthodoxes Christentum, Katholizismus und Islam. Alle Kapellen sehen ähnlich aus, was  zeigen soll, dass im Grunde alle Religionen einander ähneln, und dass es einen Gott für alle gibt. Jede Kapelle hat ihre eigene Atmosphäre, sobald man sie betritt.

Ruch Ordo
Kultur und Religion an einem Ort: Ruch Ordo. | Foto: Kulturzentrum

Früher führte ein Teil der antiken Seidenstraße durch das Territorium des heutigen Kirgisistan. Die Karawanen brachten nicht nur Waren aus China und Europa, sondern auch heilige Bücher der Völker Eurasiens, wie das Tripitaka, die Tora, die Bibel und den Koran. Die Kirgisen kennen diese Religionen seit jeher. Und es ist sehr symbolisch, dass die Kapellen dieser Konfessionen am Ufer des Hochgebirgssees Issyk-Kul errichtet worden sind.

 

Obwohl sich 80 Prozent der Kirgisen heute zum Islam bekennen, haben sie nicht aufgehört, den Traditionen des Tengrismus zu folgen. Tengrismus bezeichnet die ursprüngliche Religion aller mongolischen und Turkvölker Zentralasiens. Die Kirgisen erinnern sich daran, dass die Harmonie zwischen Mensch und Natur das Wichtigste sein sollte. Deshalb gibt es im Kulturzentrum auch einen Tempel des Tengrismus, der an den alten Glauben der Kirgisen erinnert.

Ein begnadeter kirgisischer Schriftsteller

Tschingis Aitmatow 2007. | Foto: Elke Wetzig/Wikimedia Commons

Rund um den Issyk-Kul erinnern viele Denkmäler und Gedenktafeln an den großen kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow (1928-2008). Auch das Kulturzentrum in Ruch Ordo trägt seinen Namen. Er hatte seine eigene Weltanschauung und seine eigene unverkennbare künstlerische Handschrift. Selbst als Kritik am sowjetischen System nicht nur unüblich, sondern auch gefährlich war, schrieb Aitmatow über gesellschaftliche Probleme. Seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Insgesamt gibt es mehr als 80 Millionen Exemplare seiner Bücher.

In Ruch Ordo werden Skulpturen präsentiert, die den Werken des Schriftstellers gewidmet sind. Die Skulpturen scheinen fast lebendig zu sein, so als ob sie jeden Moment mit einem reden könnten. Ein einziger Blick genügt, um die Tiefe der Gedanken des Schriftstellers zu verstehen. Die Skulpturen wurden von wahren Meistern ihres Handwerks gemacht, welche die Energie von Aitmatows Werken vermitteln. Außerdem sind Bilder zu sehen, die Filmszenen zeigen, die auf den Werken von Aitmatow basieren. Einige der Filme wurden in die Liste der besten Filme der Sowjetunion aufgenommen.

Die tausendjährige Geschichte des kirgisischen Volks

Bei einem Besuch in Ruch Ordo wird jeder die (Nomaden-)Kultur, Geschichte, Bräuche und Traditionen der Kirgisen kennenlernen. Das Zentrum zeigt alle Epochen der kirgisischen Geschichte – von der ersten Erwähnung in chinesischen Schriften 201 v. Chr. bis hin zur modernen Kirgisischen Republik. Es werden alle herausragenden Herrscher des kirgisischen Volkes gezeigt. Ein Teil des Museums heißt „Kirgisisches Dorf“, wo Jurten – die traditionelle Behausung der Nomaden – stehen. Auf Kirgisisch heißen sie „Bos üj“.

Im „Kirgisischen Dorf“ hat jeder Gast die Möglichkeit, die Traditionen und nationalen Besonderheiten der Kirgisen kennenzulernen. Doch Ruch Ordo selbst ist mehr: Es ist ein geistiges Zentrum, das einen anzieht und in das man immer wieder gern zurückkommen will.

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