Mit Erlebnispädagogik auf Mittelmeer- und Südseeinseln hatten deutsche Jugendämter und Träger von Jugendarbeit in den letzten Jahren Aufsehen erregt. Im zentralasiatischen Kirgisistan werden 14 deutsche Problemkinder, die oft Erfahrungen mit Drogen und Gewalt haben, in einheimischen Familien untergebracht.

Fast eine ganz normale Familie könnten die Kolpakows im kirgisischen Bischkek sein. Mit ihren Kindern und dem Hund wohnen sie in einem der Außenbezirke der Hauptstadt des zentralasiatischen Landes. Das Plumpsklo ist über den Hof, und zum Kaffee gibt es Piroschki, die russischen Teigtaschen. Doch der 13-jährige Martin*, der seit letzten Dezember bei der Familie lebt, kommt aus einem kleinen sächsischen Ort in der Nähe von Leipzig. Er ist eines von 14 deutschen Kindern, die hier in Zentralasien, 5.000 Kilometer weit weg von zu Hause, im Jugendhilfeprojekt „Pilger“ sozialpädagogisch betreut werden.

„Ich kauf mir Zigaretten“
Martins Russisch ist noch stockend: „Da – Ja“, sagt Martin, als seine Gastmutter ihn auf Deutsch bittet, den Tisch abzuräumen. „Wenn ich von hier weg bin, kauf´ ich mir erstmal Zigaretten“, sagt der Jugendliche. Rauchen darf er wegen seines Alters hier nicht. Wie viele der „Pilger-Kinder“ kommt er aus schwierigen familiären Verhältnissen.
Etwa die Hälfte der mehr als 600 Jugendämter in Deutschland unterstützt intensiv-pädagogische Maßnahmen im Ausland. Kirgisistan ist das einzige Land in Zentralasien, dass deutsche Kinder aufnimmt, in Europa würden Jugendliche in Polen, Portugal, Ungarn und Spanien therapiert, sagt Marc Kinert vom deutschen Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Es gibt aber auch kritische Stimmen: Vom Jugendamt Dresden werden seit 2004 keine Kinder mehr ins Ausland verschickt: „Jugendhilfe sollte nicht in einem anderen Land angeboten werden“, glaubt Claus Lippmann, Amtsleiter im Jugendamt Dresden. „Die Ziele einer solchen Maßnahme sind nicht nachvollziehbar, ein Erfolg nicht belegbar und Konflikte im Falle eines Scheiterns ein internationales Problem“, so der Leiter des städtischen Jugendamtes.
Bevor die Gastfamilien in Kirgisistan ein deutsches Kind aufnehmen können, bekommen sie ein Training von „Pilger e. V.“ „Martin ist hier, um russische Spezialitäten kochen zu lernen“, scherzt Gastmutter Olga Toktosunowa. Die praktische Psychologin ist Deutschlehrerin an einer Bischkeker Universität und hat mit ihrem Mann Sascha Kolpakow und den zwei Söhnen schon zum zweiten Mal ein deutsches Kind bei sich aufgenommen. Auch die Kolpakows sind auf ihr deutsches Kind vorbereitet worden. „Uns hat es geholfen, unser Familienleben zu strukturieren. Früher hatten wir eine eher traditionell zentralasiatische Arbeitsteilung in der Familie, und ich habe im Haushalt fast alles allein gemacht“, schmunzelt Gastmutter Olga, „jetzt hilft jeder mit!“

Täglich Frühsport
„Mir macht es Spaß, obwohl es viele unserer Freunde komisch finden, dass wir uns mit schwierigen deutschen Kindern befassen. Und dass wir dafür Geld bekommen, ist kein Geheimnis“, erzählt sie. Viel Wert würden sie auf die Gesundheit ihres Schützlings legen, jeden morgen stehen Jogging und Morgengymnastik mit dem Ziehvater und ausgebildeten Sportlehrer Sascha auf dem Programm.
An der Wand auf einem Plan im Haus der Kolpakows hängen rote und grüne Männchen. „So kennzeichnen wir gutes und schlechtes Verhalten“, erklärt Oleg Ladygin, der stellvertretende Projektleiter von „Pilger“. Er besucht die Betreuungsfamilie regelmäßig und berät sie bei der Erziehung von Martin. „Viele stark verhaltensauffällige Kinder haben in Deutschland nur die Wahl zwischen Knast, Psychiatrie und dem Auslandsprojekt. Für uns ist es wichtig, dass sie sich freiwillig dafür entscheiden, zu uns zu kommen“, erzählt Oleg Ladygin.
Seit 1995 betreibt Wladimir Ziegler das Projekt „Pilger“. Der 47-Jährige ist Deutschstämmiger aus Sibirien, in Kirgisistan aufgewachsen und hat eine Ausbildung zum Musiklehrer und Bergsteiger-Trainer gemacht. 1993 ist er als Spätaussiedler nach Deutschland gegangen. Alle 35 Mitarbeiter von „Pilger“ haben eine psychologische Ausbildung. Zwölf bis 21 Jahre alt sind die Heranwachsenden aus Deutschland, die im fernen Kirgisistan ihr neues Zuhause auf  Zeit finden.
Im Büro der Organisation in Bischkek gibt es klare Regeln: „Wyklutschaitje swet – das Licht ausschalten“ steht auf Deutsch und Russisch an der Toilettentür. „Wir betreuen Kinder, die in Deutschland nicht die Möglichkeit hatten, in der eigenen Familie mit Unterstützung und Förderung aufzuwachsen“, erzählt der Psychologe und Berater des Projektes, Alexander Jeremejew. „Sie kennen keine Grenzen und sind es gewöhnt, zu machen, was sie wollen. Wir wollen ihnen beibringen, andere Menschen zu respektieren.“

Distanz zum Herkunftsmilieu
„Ziel der im Ausland initiierten Projekte ist, den Jugendlichen zunächst eine räumliche Distanz zum gefährdenden und gleichzeitig reizvollen Herkunftsmilieu zu bieten“, sagt Marc Kinert vom Familienministerium in Berlin. Ziel sei es, neue Lernprozesse zu ermöglichen und so eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu bewirken. Die räumliche und kulturelle Distanz durch den Auslandsaufenthalt sei dabei wichtig. „Doch intensiv pädagogische Projekte im Ausland können nur Teil des Hilfeprozesses für die Jugendlichen sein“, so Kinert.
Haben Kind, Eltern und das deutsche Jugendamt sich für die pädagogische Betreuung im Ausland entschieden, fliegen Ziegler oder Ladygin mit ihrem kleinen Kirgisen auf Zeit von Deutschland ins Gastland. Hier erwartet die Heranwachsenden ein ganz anderes Leben: Mehr als alle anderen Staaten der Region hatte Kirgisien seit dem Zerfall der Sowjetunion mit Regierungsumstürzen und wirtschaftlicher Unsicherheit zu kämpfen. Das Durchschnittseinkommen in der ehemaligen Kirgisischen Sowjetrepublik liegt nach offiziellen Angaben immer noch nur bei 80 Euro im Monat. Dieser drastische Umgebungswechsel würde viele der Kinder, die Erfahrungen mit Kriminalität, Drogen und Gewalt haben, erst zur Besinnung bringen.
Für einige der deutschen Problemkinder beginnt der Aufenthalt in Zentralasien mit einer mehrwöchigen Krisenintervention in den kirgisischen Ausläufern des Tienschan-Gebirges. „Die meisten sind psychisch instabil, sie kommen hier in den Bergen erst einmal zur Ruhe und lernen, sich auf die wesentlichen Dinge des täglichen Lebens zu konzentrieren: Das sind Essenkochen, Wäschewaschen, die Kommunikation mit dem Betreuer und Co-Betreuer“, erzählt Ziegler. „In den Bergen haben sie keine Wahl, sie müssen sich anpassen.“ Dass manche der Betreuer fast kein Deutsch sprechen, sei da der Situation zuträglich. „Erste Priorität sind Essen und Unterkunft, das Vertrauen für Kommunikation ist sowieso noch nicht da und kommt erst später“, so Ziegler.
Drei Monate bis ein Jahr und länger verbringen die Jugendlichen in Kirgisien, manche schließen sogar eine berufliche Ausbildung ab. Es gibt einen Judomeister, ein anderer hat das Schlagzeugspielen gelernt, einer ist Elektriker geworden. Obwohl die kirgisische Ausbildung in Deutschland nur nach einer weiteren Prüfung anerkannt wird, soll das Lernen im Ausland die sozialen Kompetenzen der Schüler erweitern.
„Bei uns haben viele zum ersten Mal in ihrem Leben Erfolgserlebnisse und positive Erfahrungen gemacht“, erzählt Ladygin. Das stärke das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen bei der Rückkehr in Deutschland. „Von Versagern zu Menschen mit Hoffnung“ sollen sich die Jugendlichen in Kirgisistan entwickeln, hoffen Ziegler und Ladygin.

* Name von der Redaktion geändert

12/10/07

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