Wann immer es geht, begleitet Petra Angerer ihre Tochter zum Fußball – sei es ein Bundesligaspiel in Frankfurt oder die Weltmeisterschaft in China. In Kasachstan zeigt sich die Mutter der Nationaltorhüterin Nadine Angerer beeindruckt von der Schönheit der Frauen. Ein entsprechendes Kompliment an eine Braut brachte ihr gleich eine Einladung zur Hochzeitsfeier.

Viel von Kasachstan gesehen hat Nadine Angerer nicht. Am Abend des 13. September twittert die Torhüterin der deutschen Fußball-Nationalmannschaft noch schnell ein Bild der Speisekarte auf dem Flug, der die DFB-Frauen zum Länderspiel nach Karaganda bringt. Zum Frühstück im Flieger gibt es Omelette natur mit kleinen Rösti-Ecken und Tomaten-Ragout, gedünstetem Blattspinat und Fetakäse. In Karaganda angekommen, folgen Training und Spiel, das die Deutschen gegen Kasachstan 7:0 für sich entscheiden. Einmal wird es auch im deutschen Strafraum brenzlig, doch Nadine Angerer behält den Überblick und rettet. Am 16. September um 3:47 Uhr morgens dann der nächste Eintrag bei Twitter: „Nach einem 6h Flug sind wir gerade in Düsseldorf gelandet. Gleich gehts ins Training, um die Müdigkeit aus den Beinen zu bekommen…“

Petra Angerer hat mehr Zeit mitgebracht. Sie ist ihrer Tochter vorgeflogen nach Astana, die neuerrichtete Hauptstadt Kasachstans, von dessen Flair sie sich beeindruckt zeigt, hat die kasachische Schweiz im Norden des Landes gesehen, der sie gewisse Ähnlichkeiten zur Fränkischen oder auch Sächsischen Schweiz in der Heimat bescheinigt. In Karaganda fieberte sie dann mit dem deutschen Team, dessen 7:0 Erfolg zwar nie gefährdet war, aber auch nicht an das 17:0 im Hinspiel herankam. „Man freut sich mit, man leidet mit“, beschreibt Petra Angerer das Wechselbad der Gefühle bei einer Mutter, die ihre Tochter quer durch Deutschland und rund um die Welt zum Fußball begleitet.

Torschützenkönigin unter lauter Jungs

Angefangen hat alles mit einer Sackgasse in Unterfranken, in der Familie Angerer wohnte. „Die Nachbarskinder waren nur Jungen, die sich in der Sackgasse zum Fußballspielen getroffen haben“, erzählt Petra Angerer. „Nadine hat mit den Jungs mitgespielt und ist dann auch mit ihnen zusammen in den Verein gegangen.“ Sogar Torschützenkönigin wurde die heutige Torfrau, die ihre Karriere als Stürmerin begann – in einer reinen Jungenmannschaft. Mit zehn Jahren wechselte sie in ein Mädchenteam und landete dort aus Zufall auf der Torhüterposition – sowohl die erste Torfrau als auch ihre Vertreterin waren ausgefallen.
Ein gewisses sportliches Talent bekam Nadine von ihren Eltern offenbar in die Wiege gelegt. Ihr Vater war in seiner Jugend ebenfalls Torhüter, Mutter Petra trat im Triathlon bei fränkischen und bayerischen Meisterschaften an. Und noch eins verbindet die drei Angerers: „Ich sage immer, wir sind eine Zigeunerfamilie“, schmunzelt Petra Angerer. Denn auch ihr Ehemann, der als Techniker bei einem großen deutschen Unternehmen arbeitet, ist beruflich rund um die Welt unterwegs. Umso mehr gibt es dann zu erzählen, wenn sich Familie Angerer wieder einmal am heimischen Küchentisch zusammenfindet.

Ein Kompliment und seine Folgen

Die Fußball-Reisen zu den Spielen von Tochter Nadine haben Petra Angerer schon bis nach China geführt, wo 2007 die WM im Frauenfußball stattfand. Die vielen Reisen haben Petra Angerer auch gelehrt, in jedem Land stets das Positive zu sehen. Kein schlechtes Wort verliert sie über Kasachstan, auf das sie nicht zuletzt wegen vieler kasachstanstämmiger Einwohner in ihrem Heimatort gespannt war.

Ganz besonders beeindruckt zeigt Angerer sich von den hübschen kasachischen Frauen: „Die sind einfach alle supertoll angezogen.“ Auch das Essen – „Schaschlik, Gulasch und Blätterteigtaschen“ sind Angerer als landestypisch aufgefallen – hat ihr überall geschmeckt.
Einer der Höhepunkte der Reise war aber die spontane Einladung zu einer kasachischen Hochzeit am Abend nach dem Spiel in Karaganda: „Ich habe die Braut einfach angesprochen und ihr gesagt, dass sie toll aussieht. Einige Hochzeitsgäste konnten sogar etwas Deutsch. Bis ein Uhr nachts haben wir getanzt und Spaß gehabt.“

In der gesellschaftlichen Akzeptanz des Frauenfußballs sieht Petra Angerer allerdings Kasachstan auf dem Stand, auf dem sich Deutschland vor über 20 Jahren befand, als ihre Tochter mit dem Spielen begann: „Damals war das noch grenzwertig, Frauenfußball wurde noch belächelt.“ Doch seitdem habe sich viel geändert: „Viele von denen, die damals über Frauenfußball gelächelt haben, nehmen jetzt alles zurück und gucken selbst die Spiele. Manche sagen inzwischen sogar, sie gucken lieber Frauen- als Männerfußball.“

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Petra Angerer sei Biathletin gewesen. Petra Angerer war Triathletin. Der Fehler wurde korrigiert.

Von Robert Kalimullin

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