Meine ersten Tage in Almaty

Lisa Marie Lang
Von der Ruhe und Gelassenheit der Kasachstaner könnten sich die Österreicher eine Scheibe abschneiden. | Foto: Lisa Marie Lang

Lisa Marie Lang ist studierte Slawistin und stammt gebürtig aus Salzburg in Österreich. Sie wird die DAZ-Redaktion zwei Monate lang unterstützen. Hier beschreibt sie ihre ersten Eindrücke der Stadt, die sie an Omsk erinnert, das Verkehrschaos und warum Österreicher sich eine Scheibe von der Gelassenheit der Kasachstaner abschneiden sollten.

Ankunft in Almaty: ein erster Blick aus dem Flugzeug auf die Berge, die sogleich Heimatgefühle aufkommen lassen. Nachdem sich auffällig überschwängliche Taxifahrer erfolgreich abwimmeln ließen und ein seriöses Taxi mit annehmbarem Preis gefunden ist, geht es los in Richtung Innenstadt. Der erste Blick auf die Straßen erinnert mich unverzüglich an meine Zeit in Omsk – eine Millionenstadt in Russland, gleich nördlich von Kasachstan gelegen. Omsk war damals eine gewaltige Überraschung: Der Verkehr war chaotisch, die Architektur sowjetisch trostlos, wild wachsende Wiesen wucherten auf unbebauten Grundstücken, die Luft war zum Schneiden dick, und die Menschen fügten sich dem Alltag, als wäre alles genau so, wie es zu sein hatte. Natürlich ist Almaty nicht Omsk, doch genau dieses staunende Gefühl überkam mich nach der Taxifahrt zu meiner Unterkunft.

Chaotischer Verkehr und langsame Fußgänger

Während meines Aufenthalts wohne ich  mit einer Kasachin, Dinara, zusammen. Mein erster Abend in Kasachstan war zugleich der letzte meiner Vorgängerin Katrin, eine andere Österreicherin, die hier zuletzt drei Monate verbrachte. Zu ihrem Abschied gab es Schnitzel mit Bratkartoffeln, nebenbei lief die Fußball-WM mit kasachischen Kommentaren.

Lisa Marie Lang
Eine Frau pflanzt Bäume neben Almatys Bürgersteigen. | Foto: Lisa Marie Lang

In den folgenden Tagen hatte ich Gelegenheit, die Stadt etwas kennenzulernen. Den ersten Tag spazierte ich zur Arbeit, um das Treiben zu beobachten. Der Verkehr, für uns ordnungsliebende Mitteleuropäer ein heilloses Durcheinander von Gedrängel, Stress, und unklarem Gehupe, steht sehr im Kontrast zu den sonst eher gemächlich spazierenden Passanten. Immer versucht mich an die Einheimischen anzupassen, reduziere ich mein Gehtempo und merke, wie angenehm das ist. Auf der Hauptstraße, die zu meiner Arbeit führt, wechseln sich halb verfallene Häuser mit modernen Businesszentren ab. Auch einen McDonalds und Starbucks habe ich bereits gesichtet – ein nicht aufzuhaltender Modernisierungsprozess, der natürlich auch vor Kasachstan nicht Halt macht.

Abenteuer Busfahren

Am zweiten Tag nahm ich den Bus. Ein Abenteuer! Zuerst wusste ich nicht, wo ich mein Ticket kaufen kann. Bei dem Fahrer, werde ich aufgeklärt, nachdem ich eine Frau fragte. Sie fragte mich auch gleich, ob ich denn nicht die gelbe Karte „Onaj“ besitze, damit sei es viel günstiger. Nein, wo ich die kaufen könne, frage ich. An verschiedenen Kiosken oder in der Metro, meinte sie. Ich habe bereits zwei Metrostationen aufgesucht, wo es die Karte nicht gibt, und Kioske neben den Haltestellen habe ich bis jetzt noch nicht bemerkt. So werde ich mich wohl eines Tages zum „Servicezentrum“ von Onaj begeben, um dort die ominöse Karte zu erstehen und bis dahin bei den grimmigen Busfahrern bezahlen, die sich hinter einem orientalischen Teppich verstecken. Und wie in Russland ist besonders zur Rushhour Körperkontakt nicht wegzudenken.

Gutes Essen, schlechter Service

Lisa Marie Lang
Ein Mann beobachtet zwei Maler in Almaty. | Foto: Lisa Marie Lang

Restaurantbesuche sind ein eigenes Kapitel. In meinen Augen sind sie äußerst zwiespältig: die Küche scheint gut zu funktionieren, denn das Essen war bisher immer ausgezeichnet, auch für das Auge ästhetisch schön angerichtet, doch das Ambiente wirkt oft erzwungen und die Bedienung ist interessant. Manchmal wirken die Kellner, als würden sie eine Zwangsarbeit, ohne die Erlaubnis für ein Lächeln ausführen, manchmal wirken sie bemüht, aber trotzdem hilflos. Zeit scheint hierbei keine Rolle zu spielen. Lange Wartezeiten sind nichts Ungewöhnliches. Und dies scheint andere Restaurantbesucher auch nicht zu stören. Daher versuche auch ich mich wieder anzupassen, abzuwarten und verfolge staunend das Geschehen. Etwas von dieser Ruhe könnte uns in Österreich auch manchmal gut tun.

Ich bleibe staunend und irritiert zurück. Ich muss eingestehen, dass ich doch überrascht bin, wie sehr sich der Alltag in Almaty an Russland außerhalb der strahlenden Zentren Moskaus und Petersburgs erinnert. Das sowjetische Erbe macht sich überall bemerkbar: in den Gebäuden gleich wie im Verhalten der Menschen. Ich beobachte weiterhin und versuche nicht zu urteilen, inwiefern das alles gut oder schlecht ist.