Maria Gliem aus Frauenwaldau, dem heutigen Bukowice in Polen, hat einen Teil ihrer Kindheit als Vertriebene verbracht. Ihre Flucht führte sie nach Hessen, wo vor 70 Jahren die ersten Heimatvertriebenen ankamen. In ihrer heutigen Heimat trägt Gliem dazu bei, dass ihre Erinnerungen an die Zeit in Polen und die Flucht nicht in Vergessenheit geraten. Aus diesem Grund hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben. Die DAZ veröffentlicht mit ihrer Erlaubnis Auszüge aus ihrer Niederschrift.

Wir suchten uns ein Haus, in dem wir genug Platz hatten, denn Frau Fenzel mit ihrem Vater und drei Töchtern war noch bei uns, wir waren also zwölf Personen mit zwei Handwagen. Opa war ganz verzweifelt, es war der 6. September 1945, es war sein Geburtstag und wir waren immer noch nicht daheim. Schon in der zweiten Nacht in diesem Haus hatten wir russischen Besuch und eine Heidenangst. Sie blieben aber die ganze Nacht in der angrenzenden Scheune, tranken viel, aber sie ließen uns in Ruhe. Gleich am ersten Sonntag musste Tante Agnes mit den Russen aufs Feld Kartoffeln auflesen. Frau Frenzel musste auch mit, unsere Mutter hielt sich versteckt, so glaubten die Russen es wären nur zwei Frauen im Haus.

Am 7. Oktober kam eine polnische Familie, besah sich das Haus und sagte, sie kommen am nächsten Tag mit ihren Sachen wieder. Bis dahin müssten wie raus sein, sonst riefen sie die Miliz. Sie waren aber dann doch so nett und ließen uns bis zum 11. Oktober da wohnen, damit wir uns erst etwas anderes suchen und herrichten konnten.

Unser Haus, das wir uns ausgesucht hatten, war ein Zweifamilienhaus mit je vier Zimmern in jeder Etage. Die untere Wohnung haben wir mit Scheunentoren verbarrikadiert, dass man von der unteren Wohnung nicht in den Flur und zur Treppe kam, die Haustür haben wir ebenfalls mit einem Tor von innen verstellt und verkeilt, und so fühlten wir uns einigermaßen sicher. Wir hatten eine Küche und ein Schlafzimmer, Frenzels ebenfalls. Jetzt hatten wir viel zu tun, es musste für Brandmaterial gesorgt werden und Kartoffeln mussten wir auch noch stoppeln, der Winter stand ja vor der Tür. Ein paar Karotten fanden wir auch noch. Am
13. Oktober wurde unser Opa krank, er legte sich hin und es wurde immer schlechter mit ihm. Eine Woche später kam der Herr Pfarrer und gab ihm die Sterbesakramente. Kurz darauf brachen nachts zwei Russen bei uns ein. Das schmale Flurfenster hatten wir nicht richtig verbarrikadiert, sondern nur vernagelt. Wir haben nie Licht angemacht. Es gab ja keinen Strom und Kerzen hatten wir ja auch nicht, aber sie hatten bemerkt, dass dieses Haus bewohnt ist. Mutter hat sich zwischen uns Kindern im Bett versteckt, Tante Agnes bei Opa im Bett. Sie nahmen unsere gesamte Kleidung mit und bei Frenzels war es genau so. Zum Glück taten sie den Frauen nichts. Jetzt mussten wir auch noch in leer stehenden Häusern nach Kleidern suchen. Am 30. Oktober, am Geburtstag von Tante Maria, gingen Tante Agnes und ich nach Haynau zur Kirche, am Tag darauf ging Mutter mit Susi und Bärbel zum Grab von Hansel.

Vier Wochen später kamen wieder zwei Russen, diesmal bei Tage. Sie fanden bei uns nichts mehr, aber bei Frenzels nahmen sie die letzten 3000 Mark mit, die sie noch hatten. Anfang Dezember erhielten wir die erste Post. Mit der Post, das war so eine Sache für sich. Der Pfarrer schickte unsere Post ab, da wir ja keine Zlotis für Briefmarken hatten. Die Post kam auch wieder ans Pfarramt, denn in Hermsdorf kam keine Post an.

Maria Gliem

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