Ein Besuch der St. Nikolaus-Kathedrale bietet ein beeindruckendes Gesamtbild sakraler Kunst und russischer Orthodoxie in Zentralasien – und regt zu einer zweiten Visite an.

Ein Besuch der St. Nikolaus-Kathedrale bietet ein beeindruckendes Gesamtbild sakraler Kunst und russischer Orthodoxie in Zentralasien – und regt zu einer zweiten Visite an.

Das sakrale architektonische Meisterwerk Almatys steht im Zentrum des schön gestalteten Panfilow-Parks. Die vor 98 Jahren erbaute, farbenfrohe heilige Auferstehungskirche – ehemals die Sofienkathedrale von Turkestan – ist Wahrzeichen und Ausflugsziel zugleich. Es gibt Popkorn zu kaufen, man kann sich mit Sofortentwicklung verewigen lassen oder einfach nur Ponyreiten. Gerne wird das Bauwerk mit der Moskauer Basilius-Kathedrale verglichen. Das berühmte Holzbauwerk, eines der höchsten seiner Art weltweit, ist nicht die einzige Hinterlassenschaft der Zarenzeit und des Einflusses der Orthodoxie auf die Städte Zentralasiens und eben auch Almaty. Westlich des Zentrums steht die ebenso in der Zarenzeit erbaute, ganz in helltürkis getünchte St. Nikolaus-Kathedrale. Die goldenen Zwiebeltürme des 1909 errichteten Sakralbaus sind wieder strahlend poliert und dürfen im Sonnenlicht vor dem Hintergrund des blauen Sommersonntagshimmels glänzen.

Glauben damals und heute

Zu Ende der Zarenherrschaft waren über die Hälfte der Almatyer russisch-orthodoxen Glaubens und die Gotteshäuser gut besucht. Auferstehungs- und St. Nikolaus-Kathedrale überdauerten die Tage der Sowjet- und Stalinzeit und ihrer repressiven Religionspolitik, die offiziell weder Gemeindeleben noch theologische Ausbildung kannte. Gerüchten zufolge musste das Gotteshaus in Türkis gar als Stallung für Kavallarieeinheiten der Revolutionsarmee herhalten, bevor es in den 1980ern wieder Kathedrale werden durfte – auch wenn in diesem Fall, wie im Russischen gebräuchlich, recht großzügig mit dem Begriff Kathedrale umgegangen wird. Heute ist der russischstämmige Bevölkerungsanteil Almatys deutlich geschrumpft. Vor allem der, der sich als gläubig bezeichnet und aktiv am Leben der 14 russisch-orthodoxen Gemeinden teilnimmt. Almaty zählt mittlerweile mehr sunnitisch-muslimische als christlich-orthodoxe Gemeinden. Genauso ist die Situation landesweit. Den knapp über 200 orthodoxe Gemeinden stehen etwa 2000 muslimische gegenüber. Dennoch oder gerade deshalb: Das säkulare Kasachstan steht der Orthodoxie – als stabilisierendes Gegengewicht zum wachsenden islamischen Einfluss – durchaus aufgeschlossen gegenüber, legt ihr wenig Steine in den Weg und bezeichnet sie als traditionell vor Ort verwurzelte Glaubensrichtung. Das Verhältnis zwischen kasachstanischem Präsidenten und Patriarchat für „Moskau und die ganze Rus“ ist durchaus wohlwollend.

Trotzdem ist ein Besuch der St. Nikolaus-Kathedrale immer noch Spiegelbild der schwierigen Vergangenheit. An einem Sommerwochenende der Augustmitte ist die Kirche zwar nicht ausgestorben, aber das Gros der Kirchgänger ist schon im Herbst des Lebens angekommen – nur ein junger Messdiener ist zu sehen. Auf den ersten Blick ist auch die Umgebung der St. Nikolaus-Kathedrale schon eine andere, als die des Ausflugsziels Auferstehungskathedrale. Das türkise Bauwerk ist eingezwängt zwischen einem grauen Sowjetblock, einer Einkaufszeile mit Lagerhaus und kasachifizierender Fassadenornamentik sowie einem Prunkbau des modernen Kasachstans.

Vor dem Straßeneingang sitzen ältere Frauen, die sich über ein paar Tenge freuen – keine auf Geschäft bedachten Verkäufer. Neben der Kathedrale nur ein schlichter Kiosk mit allerlei Religiösem im Angebot. Hier kann man für 30, 40 oder 50 Tenge – alles Eurocentbeträge – die fast obligatorischen dünnen und schlichten Kerzen kaufen. Der Eingang zur Kathedrale ist mit farbenfrohen Wandgemälden geschmückt – am Eingangsportal zur rechten und linken Hand zwei Holzkollekten. Sie bitten in lateinischen Lettern in deutscher und englischer Sprache um Spenden für die Kathedrale. Eine Mehrsprachigkeit, wie man sie nicht mal vom Nationalmuseum kennt.

Innerer und zur Schau getragener Glanz

Das Innere des Kirchenbaus ist ein beeindruckender Ort orthodoxer Kunst, athmosphärischer Frömmigkeit und der Nähe Kasachstans zu Russland und seinen Traditionen. Das Auge ist sich zuerst nicht sicher, wohin es wandern soll. Neben dem glänzenden Altar füllen zahlreiche vergoldete Heiligenbilder, Ikonen und benähte rote sakrale Stoffe den reich geschmückten Innenraum. Wände und Kuppel sind kunstvoll und bunt bemalt.

Neben Glanz, Ästhetik und Hell-Dunkel der Kirchenfenster erfüllt das Gotteshaus eine sinnlich tiefe Frömmigkeit und besondere Ruhe zugleich. Die Kirchgänger bekreuzigen sich mehrfach, Heiligenbilder erfahren mit Aufrichtigkeit sanfte Küsse oder werden mit zittrigen Händen angefasst; ob aus Alter oder Ehrfurcht. Den weniger frommen Besucher, langsam und respektvoll durch den Raum schreitend, die Hände nicht gedankenlos irgendwo in den Hosentaschen sondern hinter dem Rücken, spricht eine ältere Dame direkt an. Ein wenig gereizt, mit heiserer, leicht scheltender Stimme und doch rührendem Ernst gibt sie zu verstehen, dass sie die Hände lieber vor dem Körper und zum Beten gefaltet sähe. Der Besucher zündet seine Kerze an, verweilt einen Augenblick und schreitet langsam von dannen – beeindruckt von seinem Rundgang und der würdevollen Frömmigkeit.

Helles Türkis und vergoldete Zwiebeltürme der Vorderseite laden auf einen Gang um den Kirchenbau und einen Blick hinter die Fassade ein. Die Hinterseite mit großem Heiligenbild  wirkt ebenso wie die ganze Kathedrale gut in Schuß. Ein großes Heiligenbild blickt auf den Hinterhof, auf dem zwei große japanische Edellimousinen mit verdunkelten Scheiben stehen. Der Rundgänger verweilt noch auf dem Hof, als eine weitere Limousine im Staatskarossenformat und made in Germany vorfährt – so eine wie sie auch im Fuhrpark des Bundeskanzlers steht. Der Wagen hält an. Ein Mann mit weißem Bart und geistlichem Gewand steigt aus und betritt das Pfarrhaus im Hinterhof. Der Besucher verlässt den Hof und schreitet mit gemischten Gefühlen zwischen Geistlichkeit und Weltlichkeit von dannen. Zurück am Eingangstor wirft er ein paar Tenge in die Almosenkollekte einer der alten Frauen. Sie zeigt ihr Schuhwerk und erklärt für den dringend notwendigen Schusterbesuch zu sammeln – der Besucher wird mit einer Bekreuzigung gesegnet.

Las Vegas ist nebenan

Am Morgen des vorletzten Tages im August, der 30. ist Tag der Landesverfassung von 1995 und kirchlicher Sonntag, bietet die St.Nikolaus-Kathedrale eine besondere Athmosphäre. Die auf eine milde Gabe bedachten Alten vor der Kirche sind wie immer da. Auf dem Gelände tummeln sich diesmal aber Jung und Alt. Viele elegant gekleidet. Die Kirche ist heute Treffpunkt. Zur heiligen Messe – auch wenn sich die Blicke der männlichen Jugend vor allem auf das andere Geschlecht im kuzen Sommerrock richten.

Nach beeindruckender Lithurgie und gut besuchter Messe, Zeichen der Revitalisierung der Religiösität auch bei der Jugend, findet eine kleine Prozession statt. Menschenmenge und sakrale Gesänge verleihen dem Areal an diesem Tage eine ganz besondere Stimmung der Frömmigkeit – wenn auch an einem wenig traditionsreichen religiösen Datum. Geistliche im Prozessionsritus schreiten durch die Menge der Gläubigen, die ihnen folgt. Beindruckend die Frömmigkeit, mit der die Gläubigen den Geistlichen begegnen, sich segnen lassen oder einfach nur einen Handkuss entgegen nehmen. Der wiedergekehrte Besucher versucht den Geistlichen  auszumachen, der ihm mit Staatskarosse begegnete. Ein zu schwieriges Unterfangen. Ohne sich ein Urteil zu bilden, verlässt der Besucher den Ort. Kaum das Kirchenareal abermals verlassen, noch Gedanken an den Ausspruch über „Religion als Opium des Volkes“ im Kopf, erinnert ihn das Schild eines Kasinos daran: Las Vegas, Ort der Glücksritter und sagenumwobenen Reichtums, sei nicht nur 15.000 Kilometer entfernt, sondern ebenso zehn Meter.

16/09/05

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