Eugenia Steinbach ließ 1990 das ferne Kasachstan hinter sich. Mit ihren Eltern kam sie als Dreijährige nach Deutschland. Dort versuchte sie sich anzupassen, ihre Identität als Russlanddeutsche so gut wie möglich geheimhaltend. Heute hat sie sich damit versöhnt und sagt sogar mit Stolz: „Ich komme aus Astana.“

Ich blicke auf zu einem grün gestrichenen Gartenzaun mit Gänseblümchenmotiv, der in der Sonne hoch vor mir aufragt. Eine kurze Schwarz-Weiß-Szene in der Küche, in der mein Vater und ich am Tisch sitzen, während meine Uroma geschäftig am Herd steht. Der Moment, in dem ich von einer lächelnden Stewardess während unseres lebensverändernden Fluges von Moskau nach Frankfurt ein kleines Spielzeug aus Holz überreicht bekomme. Das waren die einzigen Erinnerungen an mein Geburtsland Kasachstan, die ich 1990 mit im Gepäck hatte, als ich mit fast vier Jahren nach Deutschland kam. Ich war ein unbeschriebenes Blatt und meiner Herkunft noch gänzlich unbewusst. Ich wusste noch nichts von Nationen und Nationalitäten. Ein Kind eben.

Dass meine Familie anders war als die hiesigen Deutschen, merkte ich schnell. „Das Kind darf kein Russisch mehr sprechen“, sagte man in meinem Beisein zu meinen Eltern. Mein Vater erinnert sich noch heute an den Tag, an dem ich beschloss, das R nicht mehr zu rollen. In meinem Kinderkopf begann sich, unbemerkt von allen, eine simple Gleichung zu bilden, die da lautete: Deutsch sein gleich gut, Russisch sein gleich böse. Diese falsche Annahme wurde genährt durch negative Erfahrungen im Kindergarten und in der Grundschule, die ich automatisch auf meine Herkunft schob. Obwohl diese vielen kaum bekannt war. Ich suchte einen Sündenbock für das fehlerhafte Verhalten anderer und fand ihn in mir. Ich wusste es nicht besser.

„Mein Vater erinnert sich noch heute an den Tag, an dem ich beschloss, das R nicht mehr zu rollen.“

Mit Bedauern erinnere ich mich heute an die Versuche, mich als jemand auszugeben, der ich nicht war. Ich schwelgte in Träumereien von anderen Vornamen für mich. Cindy oder Kim klangen doch viel cooler als Eugenia! Ein Name, der auch heute noch Anlass zu Fragen bezüglich meiner Wurzeln gibt. Ich mochte ihn nicht. Ganz im Gegensatz zu meinem Nachnamen. Ein solider deutscher Nachname und somit: unverdächtig. Und sowieso, warum wurde ich nicht wenigstens in Russland geboren? Wo liegt denn dieses Kasachstan überhaupt? Ich sehe nicht aus wie eine Kasachin, ich spreche deren Sprache nicht. Ich weiß nichts über ihre Mentalität. Sie gehören sogar einer anderen Religion an. Die einzige Verbindung, die ich zu diesem Land hatte, war auf meinem Ausweis zu finden. Einige Zeit war ich darüber wütend und sehr verunsichert. So verunsichert, dass ich die Daten auf den Rückseiten von Familienfotos aus unserer Zeit in Kasachstan heimlich mit „Stuttgart – 1987“ beschriftete. Oder, dass ich mich für den russischen Akzent meiner Eltern schämte. Die Liste ließe sich noch fortsetzen.

Wohl gemerkt, ich kann mich bis heute nicht an eine einzige Situation erinnern, in der jemand mit meiner Herkunft ein Problem hatte. Das Problem hatte ich selbst erschaffen, es hatte sich verselbstständigt und existierte nur in meinem Kopf. Erst in meinen frühen Zwanzigern wurden diese Glaubenssätze, die mich bis dahin durch mein Leben navigiert hatten, schlagartig aufgelöst. Ich erlebte eine Situation, in der mich jemand um meinen exotischen Hintergrund beneidete. Was für einen abenteuerlichen Background ich doch hätte: Eine Deutsche, die im heutigen Kasachstan geboren wurde, deren Vorfahren im 18. bzw. 19. Jahrhundert nach Russland ausgewandert waren! Darüber hatte man im deutschen Geschichtsunterricht nie etwas erfahren.

„In jedem Russen stecken noch mindestens sieben Stück“, pflegt meine Oma zu sagen. Eine Anspielung auf den russischen Nationalstolz. Ich finde, daran ist erstmal nichts verkehrt. Sobald wir geboren werden, bekommen wir einen Namen, eine Religion und eine Nationalität zugewiesen. Niemand fragt uns davor, ob wir damit einverstanden sind. Es ist eine zufällige Identität, die wir annehmen. Wir können unser Leben damit verbringen, diese zu verleugnen, zu rechtfertigen und es allen beweisen zu wollen. Oder wir können lernen sie zu akzeptieren, sich mit ihr auseinandersetzen und vielleicht sogar glücklich und dankbar darüber zu sein.

„Meine Vorfahren sprachen noch Deutsch und wurden aufgrunddessen diskriminiert, verfolgt und zu manchen Zeiten sogar zwangsdeportiert und umgebracht.“

Vorbei sind die Zeiten, in denen ich mich aufgrund meiner Herkunft versteckt habe. Ich habe das Gefühl, ich bin es meinen Vorfahren schuldig, weil es ihnen ähnlich ergangen ist. Als Minderheit lebten sie in Russland oft in deutschen Siedlungen, sprachen größtenteils noch Deutsch und wurden aufgrunddessen diskriminiert, verfolgt und zu manchen Zeiten sogar zwangsdeportiert und umgebracht.

Heute habe ich mit den Gespenstern meiner Vergangenheit Frieden geschlossen. Das Übergepäck an Scham, das ich in meiner Kindheit und Jugend mit mir herumgeschleppt habe, bin ich längst losgeworden. Ich behaupte nicht ohne Stolz, dass ich in einer Hauptstadt geboren wurde: Astana. Eine Stadt, die von manchen gerne als das zweite Dubai bezeichnet wird. Im Sommer 2017 war ich dort. Es war für meine Eltern und mich das erste Mal nach 27 Jahren.

Meinen Vornamen, der aus dem Altgriechischen kommt, liebe ich heute über alles. Erst im Erwachsenenalter bin ich auf seine wahre Bedeutung gestoßen. Er bedeutet: „die edel Geborene“, „die von guter Abstammung“.

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