Olga Martens: „Minderheitenzeitungen sind keine Werbeheftchen“

V.l.n.r.: Hartmut Koschyk, Loránt Vincze und Olga Martens.
V.l.n.r.: Hartmut Koschyk, Loránt Vincze und Olga Martens. | Bild: FUEN

Über die Entwicklung von Minderheitenmedien und ihre Bedeutung für die nationale Politik und Gesellschaft eines Landes diskutierten Anfang Februar Politiker, Journalisten und Minderheitenvertreter auf dem Mediaforum der Föderalistischen Union der Europäischen Nationalitäten (FUEN) in Berlin. Olga Martens ist Vizepräsidentin der FUEN und Vizepräsidentin der Internationalen Vereinigung der deutschen Kultur und somit auch Herausgeberin der Moskauer Deutschen Zeitung. Wir haben mit ihr am Rande des Forums über die Aufgaben von Minderheitenmedien und ihrer Wettbewerbsfähigkeit gegenüber kommerziellen Medien gesprochen.

Auf dem Forum wurde darüber diskutiert, worüber Minderheitenmedien berichten sollten. Einige Teilnehmer meinten, dass es mehr um sozialpolitischen Themen gehen sollte und nicht nur um die Minderheit, die für eine breite Öffentlichkeit uninteressant ist. Hartmut Koschyk sagte in seiner Rede, man müsse von Folklore wegkommen. Welche Aufgabe haben Minderheitenmedien ihrer Meinung nach heutzutage?

Ich denke, dass es zuallererst die Aufgabe der Redaktion und der jeweiligen Minderheit ist, die Themen und Richtung eines Mediums zu bestimmen. Das wichtigste ist es, ein Gleichgewicht zwischen den Anforderungen und Interessen der Minderheit und denen einer ganzen zu Gesellschaft finden. Die traditionellen Dinge, wie Folklore und Geschichte, gehören eher in Magazine und Bücher. Die sozio-politischen Zeitungen der Minderheiten sollten hingegen eine Brücke zu den anderen Medien in einem Land bauen, da hier die Berichterstattung über die Belange der Minderheiten oft zu kurz kommt.

Aber es ist ein schmaler Grat, da Minderheitenmedien oft nicht so ernst genommen werden. In Russland schämen sich große, landesweite Medien manchmal dafür, etwas aus den nationalen Minderheiten zu veröffentlichen. Wenn es uns gelingt, Themen, die alle in einer Gesellschaft interessieren, auf die Seiten unseren Zeitungen zu bringen, dringen wir in ihre Nische ein. Als Verlegerin verstehe ich, dass uns niemand vorschreiben kann, was wir schreiben. Jedoch wollen nur wenige über Folklore schreiben, sondern lieber über aktuelle Themen.

Dennoch gibt es viele Erfolge, bei denen es Vertretern einer nationalen Minderheit gelungen ist, die Aufmerksamkeit der Massenmedien auf sich ziehen zu können. In der Regel haben wir den großen Vorteil, dass wir uns gleichzeitig zwischen verschiedenen Kulturen bewegen und in der Lage sind, erfolgreiche Interaktionen zu kreieren.

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Welche Themen, außer den ethnischen, sind interessant für die Leser von Minderheitenmedien?

Wenn ich mir unsere Länder und unsere deutschen Zeitungen anschaue, dann bieten Themen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit eine gute Perspektive. Zum Beispiel, in den Grenzregionen der Russischen Föderation gibt es eine kasachische Diaspora, und umgekehrt leben in Kasachstan noch viele Deutsche. Berichte über ihre Aktivitäten, Perspektiven und Initiativen werden auf lebendiges Interesse stoßen, denke ich.

Nimmt man Folklore, ist es wichtig, sie nicht zu eng zu betrachten. Es geht nicht nur, um die Erhaltung der Kultur in dieser oder jener Gesellschaft, sondern auch darum, sie weiterzuentwickeln, zu ändern. Man kann Traditionen nicht als etwas Starres ansehen. Wir sind vor dreihundert Jahren aus Deutschland hergekommen. Heißt das, wir müssen noch immer dieselben Traditionen befolgen? Nein, wir können Sie modernisieren und spannende Momente herausgreifen, die unser Leben in dieser langen Zeit bereichert haben.

Folklore auf moderne Art und Weise zu vermitteln – das ist die Aufgabe der Journalisten von Minderheitenmedien. Das beste Beispiel sind die Buranowskije Babuschki (eine russisch-udmurtische Gesangsgruppe, die beim Eurovision Song Contest 2012 in Baku den zweiten Platz belegte; Anm. d. Red.). Wer hätte in Europa etwas über die Udmurten erfahren, wenn die Buranowskije Babuschki nicht gewesen wären? Sie haben versucht, ihre Kultur in einer modernen Art und Weise zu präsentieren. Auf diese Art und Weise ist Folklore nicht langweilig und wird von vielen wahrgenommen.

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Auf dem Mediaforum wurde darauf hingewiesen, dass Minderheitenmedien nur schwer mit anderen Massenmedien konkurrieren können und eine Existenz ohne finanzielle Unterstützung seitens des Staates oder eines Fonds ist fast unmöglich ist. Glauben Sie an den kommerziellen Erfolg von Minderheitenmedien?

Ich denke, dass dies sogar in hochentwickelten Ländern unmöglich ist – das haben wir heute erfahren. Ethnische Medien erhalten in fast allen Ländern finanzielle Unterstützung, auch die mit Tausenden Abonnenten. Als ich heute gehört habe, dass die deutsche Minderheit in Dänemark 400.000 Euro im Jahr für ihre Minderheitenmedien erhält, wollte ich sofort eine Deutsche in diesem reichen Land sein. Das ist natürlich ein Witz, aber ich bin stolz, dass wir solche Kollegen haben und es einen Staat gibt, der die Medien der nationalen Minderheit so fördert. Ich sehe keine Möglichkeit für unsere Medien völlig autark zu sein. Das ist eine Illusion. Ich sage immer und nicht nur zu ethnischen Medien: Ihr seid keine Werbeheftchen!

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Olesja Klimenko.