Über 2,5 Millionen ethnische Deutsche sind in den 90er Jahren nach Deutschland ausgesiedelt, darunter über eine Million Menschen aus Kasachstan. Dr. Reinhard Brandl, mit 32 Jahren eines der jüngsten Mitglieder des Deutschen Bundestages, kennt viele Russlanddeutsche aus seinem Wahlkreis in Ingolstadt. Mitte April besuchte er das Deutsche Haus in Almaty, um sich über die Heimat und kulturelle Herkunft der Deutschen aus Russland besser zu informieren. „Die vielfältigen Aktivitäten haben mich begeistert. Ich finde es absolut toll und unterstützenswert, was hier läuft.“ Dr. Reinhard Brandl über seine Erfahrungen mit der Integration der Deutschen aus Russland, den Arbeitstag eines CSU-Abgeordneten und seinen Traumjob Politiker.

/Bild: privat. ‚Dr. Reinhard Brandl im Deutschen Haus.’/

Herr Dr. Brandl, welche Eindrücke haben Sie von Kasachstan?

Ich bin das erste Mal in Kasachstan und besuche privat einen Freund, der für zwei Jahre hier arbeiten wird. Von der Gastfreundschaft der Kasachstaner konnte ich mich schon in Berlin bei einem Botschaftsempfang überzeugen. Als Abgeordneter bekommt man viele Einladungen, aber dieser Empfang war mit 300 Personen eine der größten Veranstaltungen und zeigt, wie groß das Interesse an Kasachstan ist. Grüner Basar, russische Kathedrale, Medeo, Fernsehturm – in Almaty habe ich mir alle Sehenswürdigkeiten angeschaut. Besonders beeindruckt hat mich bei zwei Ausflügen in die Steppe und den Scharyn-Canyon die Weite des Landes.

Sie wurden September letzten Jahres in den Bundestag gewählt und vertreten die konservative Partei CSU, die zusammen mit der CDU und FDP die Regierung stellt. Was gibt es Aktuelles aus dem Deutschen Bundestag in Zusammenhang mit den Deutschen aus Russland?

Im Moment gibt es kein aktuelles Gesetzgebungsverfahren, aber ganz allgemein ist die deutsche Politik pro Integration. Die Deutschen aus Russland sollen sich möglichst gut in Deutschland und in den deutschen Arbeitsmarkt integrieren.

Welche Erfahrungen mit der Integration der Deutschen aus Russland haben Sie in ihrem Wahlkreis in Ingolstadt gemacht?

Ich kann Ihnen ein Beispiel für eine gelungene Integration nennen. Herr Dr. Johannes Hörner, Deutscher aus Russland, ist heute erfolgreicher Frauenarzt in Ingolstadt und sitzt auch im Stadtrat, wo er die Anliegen der Deutschen aus Russland direkt vorbringen kann. Dieses Beispiel macht Mut, dass eine erfolgreiche Integration möglich ist. Wichtig ist, dass man die Folgekette mangelnde Sprachkenntnisse, kein Schulabschluss, schlechte Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt rechtzeitig durchbricht. Sprachkenntnisse und Kontakte zu Einheimischen sind wichtige Voraussetzungen einer Integration.

Wie fördern Sie die Integration in Ingolstadt?

Die stabile wirtschaftliche Situation in Ingolstadt zieht viele Aussiedler an, bei uns leben nicht nur Deutsche aus Russland, sondern auch Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben etc. Wir versuchen, mit allen Gruppen Kontakt aufnehmen und sie in das kulturelle Leben der Stadt zu integrieren. Ein Türöffner kann z.B. der Sport sein, wir haben gute Erfahrungen mit der Organisation von Fußballturnieren gemacht.

Auch die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland ist bei uns sehr aktiv und bietet eine Brücke zwischen der Politik und dem Land und der Stadt. Jugendliche ermutigen wir, sich auch in deutschen Vereinen zu engagieren und Kontakt zu deutschen Jugendlichen aufzunehmen.

Für welche Themen setzen Sie sich als Politiker besonders ein?

Ich engagiere mich in den Ausschüssen Bildung und Forschung sowie Verteidigung. Die beiden Themen kann man teilweise auch gut verbinden, z.B. bei der Offiziersausbildung. Besonders am Herzen liegt mir die Reduzierung der Selektivität des Bildungssystems. Jeder soll eine Chance auf passende Bildung bekommen, und jeder soll entsprechend seinen Talenten gefördert werden. Investitionen in Bildung sind Investitionen in die Zukunft Deutschlands.

Wie sieht ihr Arbeitstag als Abgeordneter aus?

Den typischen Arbeitsalltag gibt es nicht, es gibt zwei typische Arbeitstage im Wahlkreis und in Berlin. In Berlin ist die Arbeit stark standardisiert, ab acht Uhr folgt eine Sitzung der anderen, und am Abend gibt es viele Veranstaltungen. Im Wahlkreis sieht die Arbeit ganz unterschiedlich aus, ich besuche verschiedene Firmen, Vereine, Behörden und führe viele Gespräche.

Haben Sie sich ihre Arbeit als Profi-Politiker so vorgestellt?

So ungefähr. Ich treffe jeden Tag viele Menschen, mache jeden Tag neue Erfahrungen und werde mit neuen Themen konfrontiert. Das ist sehr intensiv, mitunter auch stressig.

Was reizt Sie an der Arbeit für die CSU?

Die CSU steht für christliche Grundwerte, und das sind auch meine Grundwerte, auf deren Basis ich Politik machen möchte.

Nach 28 Jahren haben Sie Horst Seehofer, den heutigen bayerischen Ministerpräsidenten, in seinem Wahlkreis abgelöst. Wie kam es zu dem Generationenwechsel?

Meine Familie ist kommunalpolitisch aktiv, mein Vater und Großvater waren im Gemeinderat. Ich war immer vor Ort engagiert, um die Lebenssituation zu verbessern, habe z.B. für den Bau einer Umgehungsstraße gekämpft. Als das Mandat frei wurde, bin ich gefragt worden.

Ihr Wahlkreis Ingolstadt liegt nördlich von München in Bayern. Mit welchen Argumenten locken Sie einen Kasachstaner in Ihre Heimat?

Ingolstadt verbindet wirtschaftliche Stärke mit hoher Lebensqualität. Im Herzen von Bayern bieten wir ein sicheres Umfeld und eine gute soziale Versorgung. Für landschaftliche Schönheit steht das Altmühltal.

Was macht einen erfolgreichen Politiker aus?

Ein erfolgreicher Politiker verliert die Brücke zu seinen Wählern nicht und bleibt auf dem Boden. Er spricht zu den Menschen, nimmt ihre Probleme auf und setzt sie in Politik um. Dann wird man auch als junger Politiker ernst genommen.

Wie kann man in die Politik-Branche einsteigen?

Eine politische Karriere lässt sich nicht planen. Wichtig ist eine solide Ausbildung und dass man auch in der Wirtschaft besteht. Wenn sich ein Fenster öffnet, sollte man zugreifen und den Sprung ins kalte Wasser wagen. Politik ist kein Lehrberuf, ich selber habe eine Ausbildung als Wirtschaftsingenieur. Um in die Politik-Branche reinzuschnuppern, ist sicher ein Praktikum hilfreich.

Neben meinen zwei Sekretärinnen in Berlin und Ingolstadt und einem wissenschaftlichen Mitarbeiter beschäftige ich regelmäßig Praktikanten. Zu deren Aufgaben gehören je nach Sprachkenntnissen die Vorbereitung von Bürgeranfragen per Telefon oder E-Mail, unterstützende Bürotätigkeiten und die Internetrecherche für Reden oder Grußworte. Ich habe mich auch für das Internationale Parlaments-Stipendium des Deutschen Bundestages registriert, vielleicht bekomme ich ja schon bald einen Stipendiaten aus Kasachstan.

Das Gespräch führte Christine Karmann.

16/04/10

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