Rolf Mafael ist seit Juli 2016 der deutsche Botschafter in Kasachstan. Nach dem Jubiläumsjahr 2017 stehen für die kommenden Jahre neue Aufgaben an, um die deutsch-kasachischen Beziehungen weiter auszubauen. Im Interview spricht er über die künftige Zusammenarbeit, Kasachstans Rolle in der Sicherheitspolitik und die Bedeutung der deutschen Minderheit.

Wir haben gerade ein Jubiläumsjahr hinter uns: 25 Jahre deutsch-kasachische Beziehungen. Wie sieht Ihr Resümee aus?

Ich bin sehr glücklich darüber, wie gut die Veranstaltungen anlässlich des 25-jährigen Jubiläums gelaufen sind. Durch die Verbindung mit der EXPO in Astana war mit dem Besuch von Bundespräsident Steinmeier eine hochrangige deutsche Präsenz hier in Kasachstan zur „deutschen Woche“ Mitte Juli möglich. Mit insgesamt 100 Personen war es bisher die größte Delegation, die aus Deutschland zu Gast in Kasachstan war. Es sind viele Impulse von dieser Deutschlandwoche ausgegangen, vor allem im Wirtschaftsbereich.

Davon abgesehen haben die Botschaft, das Generalkonsulat und die deutschen Institutionen hier viele Jubiläumsveranstaltungen durchgeführt. Diese wurden wirklich glänzend aufgenommen – das große Konzert der Botschaft in Astana im Januar 2017 ebenso wie die Konzerte, die wir in Kökschetau, Kostanai, Karaganda und Pawlodar durchgeführt haben. Daran haben wir gesehen, welch großes Interesse an deutscher Kultur in Kasachstan besteht. Auch die Ausstellung zu Leben und Werk der Brüder-Grimm im Nationalmuseum von Astana ist sehr gut besucht. Insgesamt hat es sich sehr gelohnt, in Kasachstan die deutsche Kultur in diesem Jahr breit darzustellen.

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Welche Schwerpunkte legt Deutschland in der Zusammenarbeit mit Kasachstan für die kommenden Jahre?

Wir haben hier eine große deutsche Präsenz, die auch in Zukunft aufrechterhalten werden wird. Dazu gehören die politischen Stiftungen, das Goethe-Institut, die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA), das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), der DAAD und die GIZ.

Im Bereich Politik wird ein Schwerpunkt auf der regionalen Zusammenarbeit in Zentralasien liegen. Kasachstan ist da bereits sehr aktiv und durch die Öffnung Usbekistans haben sich neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit ergeben und somit auch neue Chancen für eine regionale Kooperation, wie wir sie uns wünschen und wie sie der damalige Außenminister Steinmeier schon vor elf Jahren mit der Initiierung der EU-Zentralasienstrategie zu einem Ziel der deutschen und der europäischen Politik gemacht hat. Gerade für Deutschland wird die Förderung des Rechtsstaats und der Justizreformen ein wichtiger Schwerpunkt der Zusammenarbeit bleiben.

Weitere wichtige Themen sind die Entwicklung der chinesischen Seidenstraßeninitiative, bei der Kasachstan eine wichtige Rolle spielt, sowie die Entwicklung der eurasischen Wirtschaftsunion und deren Konsequenzen für die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland. Im Bereich der Wirtschaft wurden im Rahmen des Besuchs des Bundespräsidenten zahlreiche Projekte unterzeichnet und Initiativen angeschoben. Es geht es darum, die verbesserten Rahmenbedingungen für ausländische Investoren auch für die deutsche Wirtschaft nutzbar zu machen. Das Rohstoffabkommen, das 2012 unterzeichnet wurde, sollte sehr viel breiter genutzt werden; auch hier muss ein neuer Anlauf erfolgen.

Große Chancen ergeben sich in den Bereichen der Logistik, der sogenannten 4. Industriellen Revolution und der Landwirtschaft. Insbesondere auf die Landwirtschaft wollen wir als Botschaft ein besonderes Augenmerk legen. Kasachstan verfolgt sehr ehrgeizige Ziele im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion und der Steigerung des Exports. Diese Ambitionen sind durchaus realistisch, ihre Umsetzung bedarf aber großer Anstrengungen. Deutschland verfügt hier über sehr viel Kompetenz und Know-how, viele deutsche Firmen sind in Kasachstan vertreten und auch bereit, ihr Engagement auszubauen. Dank der beachtlichen Anzahl erfolgreicher kasachstandeutscher Landwirte im Land haben wir auch hier vor Ort sehr gute Partner für eine Förderung und Intensivierung der Zusammenarbeit.

Im Kulturbereich wird der Schwerpunkt weiterhin darauf liegen, die Rolle der deutschen Sprache im Schulunterricht hier in Kasachstan sicherzustellen, den Austausch im universitären Bereich zu verbreitern und im Bereich der Forschung erste Akzente zu setzen.

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Stichwort Kultur: Es gibt das deutsch-kasachische Kulturabkommen und im November fanden erneut Kulturkonsultationen statt. Erfahrungsgemäß hakt es da noch an einigen Stellen. Wie bewerten Sie die Umsetzung des Abkommens?

Rolf Mafael bei der Eröffnung der Grimm-Ausstellung
Rolf Mafael bei der Eröffnung der Grimm-Ausstellung. Foto: Deutsche Botschaft.

Es gibt Licht und Schatten. Ich würde mir einen noch sehr viel stärkeren Austausch im klassischen Kulturbereich, also Film, Theater, Kunstausstellungen wünschen. Mit der Grimmausstellung haben wir ein Zeichen gesetzt. Ab 14. März wird diese bis Ende April auch im Kastejew-Museum in Almaty gezeigt werden. Gleichzeitig zeigt auch das Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit dem ifa dort eine Fotoausstellung. Sowohl vom Nationalmuseum in Astana, als auch vom Kastejew-Museum gibt es Interesse, Ausstellungen in Deutschland durchzuführen. Daher erhoffe ich mir hier eine zusätzliche Dynamik.

Wenn ich von Schattenseiten spreche, so meine ich vor allem die Entwicklung des Deutschunterrichts an Schulen in den vergangenen Jahren. Wir haben zusammen mit ZfA, GI, DAAD und der Wiedergeburt sehr intensiv daran gearbeitet, die Folgen der hier eingeführten Dreisprachigkeit für den Deutschunterricht zu mildern. Ich bin sehr froh, dass es jetzt von kasachischer Seite deutliche Signale dafür gibt, zumindest in den von Deutschland geförderten PASCH-Schulen den Deutschunterricht in einem für die Prüfungen zum Deutschen Sprachdiplom und somit für ein Studium in Deutschland erforderlichen Umfang sicherzustellen. Gleichzeitig zeigen jüngst auch die Nazarbayev Intellectual Schools überall im Land großes Interesse am Deutschunterricht.

Sie haben die Zentralasienstrategie der EU angesprochen. Gibt es schon Neuigkeiten hinsichtlich der Überarbeitung?

Man erörtert derzeit, welche Schwerpunkte man zukünftig setzen möchte. Wahrscheinlich wird der Bereich Wirtschaft einen größeren Stellenwert erhalten, aber auch Fragen wie die Bekämpfung von Terrorismus und Extremismus könnten in Zukunft höhere Bedeutung erhalten. Insgesamt ist die Überarbeitung noch im Fluss und das ist auch gut so: Durch die dynamische Entwicklung in der Region sollte man offen für neue Chancen bleiben.

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Wie beurteilen Sie den kasachischen Vorsitz im UN-Sicherheitsrat?

Kasachstans Auftreten im Sicherheitsrat während der vergangenen 13 Monate ist sehr positiv und konstruktiv. Kasachstan hat sich sehr gut auf seine Mitgliedschaft vorbereitet, klare Ziele und Prioritäten gesetzt. Dies wurde jetzt im Januar, dem Monat des Vorsitzes, sehr deutlich. Präsident Nasarbajew selbst hat während der offenen Debatte im Sicherheitsrat zur Verhinderung der weiteren Verbreitung von Massenvernichtungswaffen gesprochen. Dann gab es eine sehr gute Debatte zur Frage der regionalen Sicherheit in Afghanistan und Zentralasien. Es wurde der Konnex zwischen Entwicklung und Sicherheit deutlich, und dass die Staaten der Region bereit sind, Schritte für die Zukunft zu unternehmen, die ein Mehr an Sicherheit bedeuten und stabilisierend wirken können.

Kasachstan hat – und das ist sehr ungewöhnlich als Land, das zum ersten Mal im Sicherheitsrat Mitglied ist – den Vorsitz in den Sanktionskomitees zu den Taliban, Al-Quaida und ISIS. Es leistet hier hervorragende Arbeit. Die klare Fokussierung auf die Prioritäten Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen, Bekämpfung von Terrorismus und Extremismus sowie Zentralasien/Afghanistan macht den kasachischen Vorsitz besonders wertvoll.

Sie besuchen immer wieder die regionalen Gesellschaften der Deutschen „Wiedergeburt“ im Land. Welchen Eindruck haben Sie von der deutschen Minderheit?

Rolf Mafael zu Besuch bei der Deutschen Minderheit in Astana.
Der Botschafter zu Besuch bei der Deutschen Minderheit in Astana. Foto: Deutsche Botschaft.

Seit Beginn meiner Tätigkeit habe ich – wann immer ich eine neue Region besuchte – auch die dortige Wiedergeburt besucht und bin überall mit offenen Armen empfangen worden. Natürlich sind die Gruppen sehr unterschiedlich. Im Norden gibt es noch eine sehr große Anzahl an Deutschen und somit auch sehr viele Mitglieder. Man hat wirklich das Gefühl, die Mitglieder der Wiedergeburt sind eine große dynamische Familie.

In anderen Gegenden ist die Zahl der Deutschen stark zurückgegangen. Aber insgesamt machen die Wiedergeburten eine gute und wichtige Arbeit, sowohl im Sozial– und Kulturbereich als auch in der Jugendarbeit und Sprachförderung. Von daher hatte ich mit großer Sorge gesehen, dass aufgrund der Spannungen innerhalb der Organisation in den vergangenen Jahren das Risiko einer Spaltung gestiegen und die Förderung von deutscher Seite gefährdet war.

Insofern bin ich sehr froh darüber, dass es im letzten Herbst bei dem „Kongress der Deutschen“ in Astana gelungen ist, Fraktionen wieder zusammenzuführen und wir wieder eine schlagkräftige Organisation haben, die für die Zukunft der Deutschen in Kasachstan arbeitet. Und ich bin sehr froh, dass sich mit Herrn Dr. Rau eine prominente Persönlichkeit dazu bereit erklärt hat, den Vorsitz zu übernehmen. Ich wünsche ihm für diese Tätigkeit alles Gute.

Die Botschaft hat in der Vergangenheit sehr eng mit der Minderheit zusammengearbeitet. Wir haben im März 2017 die Bildungskonferenz erfolgreich zusammen organisiert. Wir haben zahlreiche Konzerte mit den Wiedergeburten durchgeführt, ohne die solche Veranstaltungen außerhalb Astanas gar nicht möglich wären.

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Ich werde von Deutschen in Kasachstan häufig gefragt, warum mit deutschen Steuermitteln die hiesige Minderheit unterstützt wird. Was würden Sie denjenigen antworten?

Mit der Förderung deutscher Minderheiten im Osten Europas und den ehemaligen Staaten der Sowjetunion wird Deutschland seiner Verantwortung gerecht, die daraus resultiert, dass sehr viele dieser Menschen als Folge des von Deutschland ausgelösten 2. Weltkrieges Deportationen, Vertreibungen, Zwangsassimilationen zu erdulden hatten. Diese Verantwortung besteht auch weiterhin.

Wir haben darüber hinaus ein aktives Interesse daran, dass die Deutschen in diesen Regionen ihre kulturelle Identität bewahren können. Ich wünsche mir dazu vor allem, dass es gelingt, den Austausch der kasachs-tandeutschen Jugend mit Deutschland so zu fördern, dass die jungen Angehörigen der Minderheit hier während ihrer Ausbildung nach Deutschland kommen. Dann könnte die Tatsache, dass sie zwei Kulturen kennen, für sie zu einem Wettbewerbsvorteil in Kasachstan werden. Im Bereich der Landwirtschaft prüfen wir im Moment die Möglichkeit durch Austauschprogramme unter Beteiligung der kasachstandeutschen Landwirte hier und in Deutschland den jungen Angehörigen der Minderheit neue Chancen zu eröffnen. Schließlich ist Landwirtschaft ein Berufsfeld mit Zukunft, gerade in ländlichen Regionen. Das setzt natürlich voraus, dass bei den jungen ethnisch Deutschen auch die Bereitschaft zum Erlernen der deutschen Sprache besteht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Othmara Glas.

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