In den kirgisischen Bergen überdauert eine Baptistengemeinde die Auswanderungswelle. Ein Besuch in der Vergangenheit.

Rotfront. Die Zeitreise beginnt 63 Kilometer nordöstlich von Bischkek. Am Horizont erheben sich viertausend Meter hohe Berge. Dahinter liegt China. Das Taxi wird auf der holprigen Straße durchgeschaukelt. Zu den Seiten kleine Höfe mit eingeschossigen Häusern und windschiefen Viehställen, umzäunt von Staketenzäunen. In den Gärten wuchert das Grün, Hühner scharren am Straßenrand und unter der Baumallee dösen Kühe. Auf den Straßen schieben vier junge Frauen gemächlich ihre Kinderwagen. Trotz der unerträglichen Hitze tragen sie knöchellange Röcke, ihre blonden Haare haben sie zu dicken Zöpfen geflochten. Eindrücke, die seltsam vertraut erscheinen. So oder ähnlich sahen früher wohl auch die Dörfer in Deutschland aus. Am Tor eines der gepflegten Häuser mit großen Fensterläden grüßen Peter Schmidt und sein Großvater Johannes. Schmidt junior ist 20 Jahre alt, strenggläubiger Baptist und studiert an der kirgisisch-amerikanischen Universität in Bischkek Germanistik. In den Semesterferien lebt er bei seinen Eltern. Wie so viele Jugendliche in diesem Land trägt er eine dunkle Jogginghose, ein weißes T-Shirt und Badelatschen. Nur die scheinbar obligatorischen Goldketten an Hals und Armgelenk fehlen.

„Während der Studienzeit habe ich wenig Zeit. Dann arbeite ich nebenbei als Dolmetscher für deutsche Geschäftsleute”, sagt Peter Schmidt. So könne er sich einen geräumigen Audi leisten, ein Modell der frühen neunziger Jahre, das aber noch gut in Schuss ist. Der Großvater entstammt einer anderen Zeit, nicht nur vom Alter her. Er ist ärmlich gekleidet mit einem ausgeblichenen Hemd und einer am Knie zerrissenen Hose. Das lange Arbeitsleben hat viele Spuren hinterlassen.

Hartes Leben in Kirgistan

Vom rechten Daumen ist nur ein Stumpf geblieben. Trotz seiner Gebrechen packt Johannes Schmidt noch mit an, darauf deuten seine Hände hin, denen die Stallarbeit am Vormittag
anzusehen ist.  Johannes Schmidt spricht von den „Kieh”, sagt, dass er früher auf dem Feld „Riben” gesteckt und bis 1958 „keen Brrot nicht” gekannt habe. „Keen Brrot nicht zu haben ist das Schlimmste”, sagt er und streicht sich langsam über sein wettergegerbtes und zerfurchtes Gesicht. Der Hunger der ungemein langen Nachkriegszeit hat ihn geprägt. Der Dialekt, den diese Deutschen über Jahrhunderte gesprochen hatten, und die für sie so typische doppelte Verneinung überdauerten am Fuße des Tianschan-Gebirges alle Wirren der Sowjetzeit. Im Gegensatz zu all den Russlanddeutschen in Zentralasien und Sibirien sind die Deutschstämmigen aus Rotfront geblieben, zumindest die Hälfte von ihnen, etwa 500 Menschen. Damit bilden sie das letzte Dorf in Zentralasien, in dem noch eine nennenswerte geschlossene deutsche Bevölkerung lebt. Seit Anfang der neunziger Jahre steht der Gemeinde ein Deutschlehrer aus der Bundesrepublik zur Verfügung, damit die Jüngeren die Sprache der Vorväter in ihrer heutigen Form erlernen. Auch gibt es regelmäßige Kleider- und Sachspenden aus dem Westen, die im Bedarfsfall die Not lindern. Die örtliche landwirtschaftliche Genossenschaft gehörte in den neunziger Jahren zu den vielen russlanddeutschen Betrieben, die vom Bundesinnenministerium finanziell unterstützt wurden. Knapp eine Million Euro soll von Berlin nach Rotfront geflossen sein. Heute liegt der Betrieb teilweise am Boden, Gerüchte über Geld aus Berlin, das Ende der neunziger Jahre zweckentfremdet wurde, machen die Runde. Ein Gerichtsverfahren soll die Vorwürfe jetzt klären. Trotz dieses Streits stehen die meisten Russlanddeutschen des Dorfes wieder in Lohn und Brot oder arbeiten als Selbstständige. Obwohl es schwierig ist, sagt Schmidt, geht es den Menschen im Vergleich zu den Kirgisen nicht allzu schlecht. Vielleicht liege das auch daran, dass die Rotfrontler während des Zweiten Weltkrieges nicht zu den Deportierten gehörten. Als Opfer fühlen sie sich nicht. Ihre Vorfahren stammen ursprünglich aus Friesland. Vor 150 Jahren wanderten sie aus Preußen ins Wolgagebiet aus, um dem Militärdienst zu entgehen. Ende des 19. Jahrhunderts zogen sie freiwillig weiter nach Zentralasien, weil das freie Bauernland entlang der Wolga und auf der Krim knapp geworden war – trotz der russischen Weite.

Aber die Landwirtschaft sei nicht der einzige Grund gewesen, der sie in diese abgelegene Region ziehen ließ, erzählt Schmidt. Sie wollten gottesfürchtig leben, möglichst weit weg von der Moderne. Dass es die Menschen aus Rotfront in Kirgisien bis heute gehalten hat, liegt denn auch in erster Linie an ihrer Religion. Das schmucke Bethaus am Eingang der Ortschaft ist der ideelle Mittelpunkt der Gemeinschaft – bis heute. Auf russisch und deutsch werden dreimal pro Woche Gottesdienste gehalten, im Keller wird mit den Kindern regelmäßig in der Bibel gelesen.

Die Religion reicht tief in den Alltag hinein. So ist Alkohol strikt verboten. Damit hebt sich das Dorf sicherlich am stärksten von vielen anderen Ortschaften in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ab. Hier ergeben sich die Männer nicht dem Suff. Bei den Frauen fällt ins Auge, dass sie ausnahmslos langes Haar tragen. Ihnen ist das Haareschneiden ebenso untersagt wie das Schminken oder das Tragen von Schmuck. Einen Fernseher sucht man in dieser Gemeinde vergebens. Auch wird den jungen Leuten angeraten, keine Diskotheken zu besuchen oder ins Kino zu gehen. Viele Angebote der modernen Welt gelten als Versuchung und nicht als Chance. Nur in der Beurteilung des Internets ist sich die strenggläubige Gemeinde noch nicht ganz einig.

Das althergebrachte Rollenbild ist allgegenwärtig. Auch bei der Jugend. So steht für den 20-jährigen Schmidt fest, dass der Platz der Ehefrau im Haus ist. Sein Bruder, der in zwei Wochen heiratet, sehe das genauso. Dessen Braut bleibe nach der Hochzeit selbstverständlich an Heim und Herd. „Und in spätestens einem Jahr werden sie ihr erstes Kind haben”, prophezeit Schmidt. Sex vor der Ehe sei ein Tabu, ebenso wie Scheidungen. Das Leben liege nun einmal in Gottes Hand. Deutschland ist für Schmidt kein fremdes Land – und schon gar kein Paradies.

„Ich war schon viermal dort”, sagt Schmidt. Alle Mitglieder seiner Familie hätten den Westen schon mit eigenen Augen gesehen. Den Aufnahmebescheid für die Bundesrepublik habe hier jeder in der Tasche. Aber dieses Dokument sei nur eine Art Rückversicherung. Für den Fall, dass es schief geht in Kirgisien. Mit ihrem Arbeitsethos und ihrer zurückhaltenden Lebensweise seien sie aber in dem muslimischen Land stets hoch geachtet worden.

Religion als gesellschaftlicher Zusammenhalt

Nicht viel anders seien die Einschätzungen der Nachbarn. Alle hätten Verwandte oder Bekannte in der Heimat ihrer Vorfahren, vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Kontakte seien eng – aber kein Grund, auszuwandern. Rotfront, das 1927 als Bergtal gegründet wurde und in der Hochphase der Stalin-Ära den sowjetischen Namen erhielt, sei nun einmal der Platz, an den Gott sie gestellt hätte. Nach der jüngsten Wende in Bischkek seien die Menschen ohnehin optimistisch und würden auf einen politischen Neustart hoffen. Die einzige Ausnahme ist eine Deutsche, die zwei Häuser weiter lebt. Erna Emersleben ist 55 Jahre alt, stammt aus Berlin-Zehlendorf und kam vor fünf Jahren mit einem Jahresvertrag als Deutschlehrerin in die Baptistengemeinde. Nach dem Lehrerjahr blieb sie. Heute lebt Emersleben von einigen Kühen, Kälbern und der Hoffnung, später mit alternativer Medizin in Rotfront erfolgreich zu sein. Mit einem Lachen erzählt sie, wie sie mit viel Mühe das Melken erlernt habe. Auch an das Schleppen der Wassereimer habe sie sich gewöhnt, denn fließend Wasser gibt es in der Küche nicht. Und von den Wölfen, die im Winter in den Gärten herumstreifen, lasse sie sich nicht mehr schrecken. Auf den ersten Blick erinnert Emersleben an eine Aussteigerin, die im Einklang mit der Natur leben will. Später sagt sie deutlich, dass sie in ihrem Alter für sich in Deutschland keine Chance mehr sieht: „Ich habe mich selbst entsorgt.”

In Berlin habe sie schon vor Jahren ihren Job verloren, später sei sie mit dem Versuch, sich selbstständig zu machen, gescheitert. Ein Leben als Sozialhilfeempfängerin wolle sie sich aber nicht zumuten. Dagegen könne sie in Kirgisien wenigstens ein Haus, einen großen Garten, Viehzeug und einen Jeep sowjetischen Typs ihr Eigen nennen. Ob sie damit auf Dauer überleben kann, weiß sie nicht. In der jüngsten Zeit habe sie Pech gehabt, ihre Herde sei von 15 auf sechs ausgewachsene Kühe geschrumpft. „Aber sagen Sie, was hat sich in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren getan?”, fragt sie zum Abschied.

25/11/05

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