Eine bayerische Waldorfschule und das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Ust-Kamenogorsk arbeiten seit zwölf Monaten gemeinsam die Geschichte von Vertriebenen und Deportierten auf. Kürzlich waren die bayerischen Schüler im Norden Kasachstans zu Gast und interviewten von Stalin nach Kasachstan deportierte Deutsche.

/Bild: Stefan Woitsch. ‚Der deportierte Russlanddeutsche Arthur Stichling im Gespräch mit deutschen Schülern.’/

Entgegengefiebert hatten sie diesem Besuch – ihrem ersten in Kasachstan – schon lange. Schüler einer neunten Klasse der Waldorfschule Gröbenzell bei München waren im November zwei Wochen lang zu Gast an der 12. Schule Ust-Kamenogorsk – dem Alexander-von-Humboldt-Gymnasium. Schon seit 2001 pflegen beide Schulen enge Kontakte. Gegenseitige Schülerbesuche sind die Regel.

Doch dieses Mal war der Anlass des Besuchs ein besonderer. Seit zwölf Monaten arbeiten Schülergruppen der zwei Schulen an einem Projekt der deutschen Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Im Rahmen des Stiftungsprogramms „European for Peace. Looking back and moving forward“ beschäftigen sie sich mit dem historischen Thema „Deportierte und Vertriebene“.

Die Idee und das Arbeitsprogramm zu diesem Thema hatten Schüler und Lehrer gemeinsam konzipiert, vor einem Jahr bei der Stiftung eingereicht, und diese gewährte anerkennend für das Vorhaben eine finanzielle Beihilfe. So hat das gemeinsame Forschen der deutschen und kasachstanischen Schüler im Projekt – neben dem ganz normalen Schulalltag – auch die 14 Tage des Aufenthaltes bestimmt. Konkret bestand das Ziel darin, die persönlichen Schicksale heute noch lebender deutschstämmiger Mitbürger aufzuzeichnen. Deren Lebenswege waren durch die von Stalin veranlassten Deportationen und Vertreibungen aus ihren angestammten Wohnregionen in Gebiete der heutigen Republik Kasachstan oft in tragischen Bahnen verlaufen.

Zeitzeugen helfen mit

Die Mitarbeit am Projekt war für alle vielfältig. Interviews mit Deportierten, heute ausschließlich im Seniorenalter, wurden geführt, zahlreiche zur Verfügung gestellte persönliche Dokumente ausgewertet, ein Film gedreht und ein täglicher Blog im Internet auf den Seiten des Stiftungsprogramms geschrieben.

Große Hilfe bei der Auswahl der Zeitzeugen und bei der Projektorganisation erhielten die Schüler durch das deutsche Zentrum in Ust-Kamenogorsk, speziell durch Elvira Lalina, Nelly Melnikowa und Arthur Stichling, die selbst den stalinschen Repressionen ausgesetzt waren.
Ein vorläufiger Projekthöhepunkt war die Präsentation der Forschungsergebnisse in der Aula des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums, zu der auch Vertreter des deutschen Zentrums und alle Interviewpartner geladen waren. Die Schicksale der Deportierten wurden auf Postern dargestellt. Jedem Interviewpartner wurden die Projektergebnisse in einer deutsch-russischen Mappe zusammengestellt und von den Schülern persönlich übergeben. In ihren Dankesworten bekräftigten die Direktorin des Gymnasiums, Olga Kim, die Klassenlehrerinnen Eva Assmann und Saule Kabidollina sowie Schüler- und Seniorensprecher, dass durch die gemeinsame Arbeit neue Freundschaften nicht nur zwischen den kasachstanischen und deutschen Schülern, sondern auch zwischen den Schülern und den Senioren entstanden seien.

Die erarbeiteten Dokumente werden jetzt der Stiftung, speziell dem Programm „European for Peace“ zur Verfügung gestellt. Im März 2009 wird das Projekt in Gröbenzell fortgesetzt. Die kasachstanische Schülergruppe wird dort schon erwartet. Die Schüler wollen Schicksale deutschstämmiger aufzeichnen, die von Kasachstan nach Deutschland übergesiedelt sind.
Der Schülerblog ist auf www.europeans-for-peace.de/blogs/ unter dem Link: „Deportiert und Vertrieben“ zu finden.

Von Dr. Stefan Woitsch

05/12/08

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