Verena Lammert

Vom Fenster meines Wohnzimmers aus blicke ich in Almaty auf den Park neben der Oper: ein offensichtlich beliebtes Fotomotiv für junge Frauen, die sich gerne in Szene setzen. Mal hilft der Ehemann oder Freund, mal die beste Freundin für das perfekte Foto. Die Temperaturen sind egal. Mäntel und Wechselkleidung landen häufig auf einer der Parkbänke. Sogar Accessoires wie ein großer schwarzer Hut oder ausgefallene Regenschirme werden mitgebracht. Die Outfits der jungen Frauen sind immer sehr körperbetont, mit Ausschnitt. Viel Make-up muss sein. Trotz Minusgraden kommt Posen im Wintermantel gar nicht vor. Das perfekte Foto zeigt, was Frau hat: lange Beine, ein Dekolleté und lange offene Haare.
Zu finden sind die Ergebnisse meist bei Instagram. Unter dem #Almaty findet man nicht nur Natur– und Schneefotos, sondern auch diese inszenierten Bilder sowie ganz viel Produktwerbung für Beautyprodukte und Schönheitssalons. Die sogenannten sozialen Medien haben auch in Kasachstan einen großen Einfluss. Selbst diejenigen, die über Karriere und starke Frauenrollen sprechen, inszenieren sich auf ihren Profilen eher als niedliche, sexy Mädchen.

Ein Besuch im Schönheitssalon

Der Salon „Nagel“ in Almaty. | Foto: Autorin

Hergerichtet werden sie in den vielen Beautystudios. Gefühlt verbirgt sich hinter jeder dritten Tür im Zentrum Almatys ein Schönheitssalon. Die Namen richten sich oft nach der vermeintlichen Besitzerin. „Salon Katja“, „Salon Irina“ oder „Salon Dina“ – wer klingt vertrauenswürdiger? Ich wage den Selbstversuch und entscheide mich für einen Laden mit großen Fensterfronten, auf denen kleine Schneeflocken aufgeklebt sind, und der simplen Überschrift „Nagel“ über der Eingangstür.

Die Besitzerin lehnt an der Eingangstür und zieht an einer Zigarette. Trotz Minusgraden steht sie dort im T-Shirt. Sie nickt mir kurz zu und öffnet die Tür. Drinnen erwartet mich eine Art Empfangstresen. Aus dem Raum zur rechten Seite erklingen Föngeräusche, und ich kann einen Blick auf zwei Frauen unter einer Trockenhaube erhaschen. Jeder Platz scheint besetzt zu sein. Es ist Freitagnachmittag, und sich kurz vor dem Wochenende nochmal aufhübschen zu lassen, ist wohl der Plan vieler Almatynerinnen.

Qual der Wahl

Die junge Frau am Empfangstresen trägt ein dunkelblaues, modisches Kopftuch mit goldenen Ornamenten, und ihre Augen sind mit blauem Lidschatten geschminkt. Die Augenbrauen sind mit einem Stift schwungvoll nachgezogen. Keine Ahnung habend, wie viele Arten von Maniküre es gibt, holt sie Zeitschriften und Nagelprototypen, um mir das Angebot zu erklären. „Nein, ich möchte keine Gelnägel und auch keine ‚Fantasy-Nails‘ mit Sternchen und bunten Verzierungen“, erkläre ich. Um sie nicht komplett zu enttäuschen, wähle ich eine Maniküre mit Farblack und als Extra eine vorherige Nagelbehandlung. Zwei Frauen, die auf einer alten, gelblichen Couch neben dem Empfangstresen sitzen und vermutlich auf ihren Termin warten, blicken von ihren Modezeitschriften auf und kichern.

Die junge Frau nimmt mir meinen Mantel ab und schickt mich zwei Räume weiter. Dort deutet sie auf einen Holzdrehstuhl, der mich ein wenig an die Grundschulen in Deutschland Ende der 80er Jahre erinnert. Hier darf ich also Platz nehmen. Sie sagt, dass ich kurz warten müsse und verschwindet wieder in Richtung Tresen. Über einer goldenen abgesessenen Couch hängt ein vergilbtes Poster mit einer blonden Frau mit toupierten Haaren an der Wand. Der Rest der Möbel wirkt provisorisch zusammengestellt: Plastik– und Holzstühle gemischt, ein alter Schreibtisch mit vielen kleinen Döschen, Flaschen, Pinseln und Nagelwerkzeug.
Außer mir sind noch zwei weitere Kundinnen im Raum. Sie unterhalten sich mit einer Mitarbeiterin über eine russische Fernsehserie. So etwas Ähnliches wie die Bachelorette. Sie regen sich darüber auf, welche Kandidaten schon nach Hause geschickt wurden. Die Themen scheinen also nicht anders zu sein als in deutschen Friseurstuben.

„Eine Frau muss schön sein“

Fertig: rote Fingernägel.

Meine Kosmetikerin heißt Ira. Sie trägt ihre langen, blonden Haare zu einem seitlichen Zopf und ein rotes bauchfreies T-Shirt. Besonders fallen mir aber ihre langen weißen Fingernägel auf und ich frage mich, wie die die ganze Arbeit mit den Farben und Werkzeugen überstehen. Ich muss meine Hände erst einmal in ein Wasserbad tauchen, bevor Ira einen Finger nach dem anderen energisch bearbeitet. Was denn die meisten Kundinnen hier machen lassen?, will ich von ihr wissen. „Maniküre, Pediküre. Das ist Pflicht“, sagt sie bestimmt. „Im Trend sind Extra-Wimpern und Augenbrauen“, fügt Ira hinzu und deutet auf ein kleines Werbeschild auf dem Tisch. Dort werden 15 verschiedene Arten von Wimpern angeboten. Die Preise variieren zwischen fünf und 50 Euro.

Farblich schwebt mir ein klassisches Rot vor, aber mit Iras Hilfe und einer Farbpalette finden wir das passende Rot. Während meine diversen Schichten an Lack trocknen müssen, beißt sie in einen alten, angebissenen Apfel und trinkt einen Schluck Orangensaft aus einem Tetrapak, das hinter ihr auf einer Kommode steht. „Noch nichts gegessen“, sagt Ira entschuldigend, „freitags ist es stressig.“ Ich frage sie, wie viel die Kundinnen hier im Schnitt ausgeben. „Keine Ahnung. Ich mache nicht die Kasse. Aber vermutlich investieren sie das meiste ihres Gehalts in Kleidung und Schönheit.“ „Warum ist das so wichtig?“, schiebe ich eine Frage hinterher. „Eine Frau muss schön sein. Sonst gibt es keine Heirat oder der Mann ist unglücklich. Schönheit ist Pflicht, und es gehört sich auch nicht, nicht ordentlich auf die Straße zu gehen“, stellt Ira fest. Die Motive sind also klar. Junge Frauen stehen unter dem Druck, diesem Schönheitsideal zu entsprechen. Und was ist mit den Männern? „Hab ich hier noch keinen gesehen“, lacht Ira.

Ab unters Messer?

Doch beim Thema Schönheit bleibt es nicht alleine bei der Kosmetikerin. Im Trend liegen vor allem in den Städten auch Schönheitsoperationen. Olga Han ist Dermatologin und Direktorin einer Schönheitsklinik in Almaty. Ihre Klinik hat erst im vergangenen Jahr in bester Stadtlage eröffnet. An den Wänden in den Wartezimmern und Gängen hängen von ihr gemalte Bilder. In Vitrinen werden die neuesten Schönheitsprodukte – meist aus Südkorea – angepriesen.

Han ist eine viel beschäftigte Frau, aber nimmt sich kurzfristig Zeit für ein Telefoninterview. Spontan ruft sie zwischen zwei Patiententerminen aus ihrem Behandlungszimmer per Video an. Bevor es losgeht, nimmt sie noch schnell ihren Mundschutz ab. Im Hintergrund hängen diverse Zertifikate und Urkunden.

Mich interessiert, welche Schönheitsmaßnahmen Frauen in Kasachstan am häufigsten machen lassen. „Vor allem etwas gegen das Alter: Falten, Augenlider und Hautveränderungen. Aber auch Brustoperationen.“ In ihrer Klinik gehe es aber vor allem um Hautbehandlungen wie Straffungen, Fettreduktion oder die Korrekturen von Narben und Dehnungsstreifen. Ihre Klinik bietet eine Schocktherapie gegen Cellulite und Lippenauffüllungen an. Sie listet mir einen ganzen Katalog auf. Besonders stolz ist sie darauf, dass es nach ihren Behandlungen nicht so eine lange Rehabilitationszeit wie nach einer schweren Operation gibt. „Beauty on the go“ sozusagen.

Ich frage nach den Gründen für die Behandlungen. „Wenn die Leute schöner sein können, warum sollten sie es nicht tun?“, wirft Han ein. „Akne zum Beispiel ist ein großes Problem, und es macht die jungen Frauen unglücklich.“ Einige ihrer Kunden kommen schon mit Anfang 30. „Da fängt es an mit den ersten Falten. Aber die größte Gruppe sind Frauen ab 40“, ergänzt sie. Dabei kommen nicht nur Frauen zu ihr.

50 Prozent ihrer Patienten sind Männer. „Auch die wollen jünger aussehen. Es dreht sich eigentlich alles um die Jugend.“

Dieser Artikel ist im Rahmen eines Recherche-Stipendiums der Heinz-Kühn-Stiftung zum Thema „Frauenbilder– und Frauenrechte in Kasachstan“ entstanden.

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