Anfang Oktober machte der deutsche Schriftsteller Norbert Niemann mit seinem Roman „Schule der Gewalt“ in Almaty Station. Nach der Lesung im Deutschen Theater wurde  ausgiebig diskutiert, unter anderem über die Schwierigkeiten beim Verfassen eines Romans.

„Was ist das? Ich fühle es oft wieder, dieses plötzliche Schweigen, das wie eine Sprache ist, die wir nicht hören.“ Dieses Zitat des österreichischen Autors Robert Musil aus dessen Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ stellte Norbert Niemann am Freitag seiner Lesung voran. Niemann war auf Einladung des Goethe-Instituts nach Kasachstan gekommen, zuvor machte er auch in Ust-Kamenogorsk Halt. Die Lesung im Deutschen Theater war Teil des vom Goethe-Institut organisierten deutschen Kulturherbstes. Der Autor war bereits auf Lesereise in Sibirien unterwegs, dadurch kam der Kontakt mit dem Goethe-Institut Almaty zustande. Dessen Leiter, Richard Künzel, sagte: „Wir freuen uns, einen so reisefreudigen, unkomplizierten und diskussionsfreudigen Autor bei uns zu haben.“ Die Veranstaltung war mit etwa 25 Zuhörern recht gut besucht, nach einer kurzen Vorstellung des Autors durch Künzel begann Niemann drei Auszüge aus seinem Buch vorzulesen.

Der Roman „Schule der Gewalt“ beschäftigt sich mit der breiten Kluft zwischen Erwachsenen und Jugendlichen. Die Hauptfigur Frank Beck, ein 38-jähriger Deutsch- und Geschichtelehrer, versucht seine Sprachlosigkeit der Jugend gegenüber in Worte zu fassen. Er beschreibt seine Erlebnisse mit seinen Schülern, die in einer völlig anderen Wirklichkeit leben. Vorab betonte Niemann jedoch nochmals, wie gut ihm Kasachstan gefalle: „Ich mag weite Horizonte, deshalb war ich sehr begeistert von der Bahnreise hierher.“ Durch die geschickte Auswahl der Textstellen gab er den Zuhörern einen Einblick in die persönlichen Veränderungen seiner Hauptfigur Frank Beck. Alexander Bolschoi trug die betreffenden Stellen danach aus der russischen Ausgabe „Schkola nassilija“ vor. Die Szenerie wirkte beinahe hypnotisierend, Niemann und Bolschoi saßen an einem beleuchteten Tisch auf der ansonsten absolut dunklen Bühne. Die volle Stimme Bolschois zog die Zuhörer dann völlig in ihren Bann.

Diskussionen

In der darauffolgenden Diskussion beantwortete Niemann den Zuhörern offene Fragen, so zum Beispiel nach der größten Schwierigkeit beim Verfassen des Romans. Am meisten Probleme habe ihm die Erzählperspektive bereitet, sagt Niemann darauf. Die Entscheidung, den Protagonisten Frank Beck selbst erzählen zu lassen, sei erst nach 100 Seiten in klassischem Erzählton gefallen. „Ich wachte eines Morgens mit einem schweren Kater auf und wusste plötzlich: So musst du es schreiben!“ erklärt der Schriftsteller. Ein Großteil der Zuhörerschaft bestand aus Schülerinnen des Linguistischen Gymnysiums Nr. 1, die auch ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema Gewalt an Schulen einbrachten. So gehen an ihrer eigenen Schule Gewalttaten vermehrt von sogenannten „Girlgangs“ aus, doch die Benennung des Problems löse Unbehagen aus, wie Richard Künzel dazu bemerkt. Das Problem der zunehmenden Gewalt unter Schülern sei laut Niemann global aktuell. Im Roman wird auch das Massaker in Littleton, Colorado, erwähnt, das den Auftakt zu einer Reihe von ähnlichen Gewalttaten wie z. B. in Erfurt bildete. Dieses Ereignis habe ihn aber nicht zu dem Roman inspiriert, zu diesem Zeitpunkt wären schon zwei Drittel des Buches fertiggestellt gewesen, meint Niemann. Die Idee zu dem Roman kam Norbert Niemann aufgrund seiner eigenen Beobachtungen. Er ist nicht nur Vater zweier Kinder, sondern war auch zehn Jahre lang als Gitarrenlehrer an einer Schule tätig. Das gab ihm einen direkten Einblick in die derzeitige Situation an deutschen Schulen. Da er nicht zum ständigen Lehrkörper gehörte, vertrauten ihm auch die Jugendlichen, so die Einschätzung Niemanns.

Sprachlosigkeit im Generationskonflikt

Auf die Frage, warum er ein so düsteres Ende gewählt habe, antwortete der Autor: „Die damalige Situation ließ nur diesen Schluss zu.“ Inzwischen hätten verschiedene Programme wie Mediationen, psychologische Betreuung u. ä. zu greifen begonnen, doch Ende der 90er Jahre stand man dem Problem noch völlig unvorbereitet gegenüber. Das Buch löste bei der Veröffentlichung aufgrund seiner Thematik Diskussionen aus, doch Niemann stellt klar: „Ich verstehe mich nicht als Entertainer. Es ist die Aufgabe eines Schriftstellers, auch mal anzuecken und die Menschen zum Nachdenken anzuregen.“ So fiel auch der Kommentar einer Leserin in Ust-Kamenogorsk recht drastisch aus: „Das ist kein schönes Buch.“ Der Autor stimmte jedoch dem russischen Sprichwort „Nur durch Schönheit kann man die Welt verändern“ nur insofern zu, als dass Schönheit auch Kultur bedeutet und Kultur sich durch Wissen und Bildung äußert. Niemanns eigener Rat an Jugendliche von heute war, viel zu lesen, sich Bildung anzueignen und immer kritisch zu bleiben – nicht nur der Wirklichkeit, sondern vor allem sich selbst gegenüber.

Weitere Veranstaltungen im Rahmen des deutschen Kulturherbstes sind ein Auftritt des „figuren theaters tübingen“ mit ihrem Programm „Flamingo Bar“, die Präsentation eines deutsch-kasachischen Kurzfilmpakets im Cäsar-Theater und ein Medienseminar zum Thema Pressewesen und Informationsfluss.

Informationen zum „Deutschen Kulturherbst“ auf der Website des Goethe-Instituts www.goethe.de/almaty unter „Veranstaltungskalender“ oder unter der Tel.: (3272) 472704.

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Norbert Niemann wurde 1961 in Landau an der Isar geboren, später studierte er neuere deutsche Literatur, Musikwissenschaften und neuere Geschichte in Regensburg und München. Der Schriftsteller erhielt unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sein zweiter Roman, „Schule der Gewalt“, erschien 2001. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist Niemann Mitherausgeber von Heften der Literaturzeitschrift „Akzente“ zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Er ist verheiratet, Vater zweier Kinder und lebt in Chieming am Chiemsee.

14/10/05

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