Am vierten Advent feiert Moskaus einzige deutsche Kirche ihr 100-jähriges Jubiläum. Ein Pastor aus Karlsruhe müht sich seit Monaten um die Sanierung des Gotteshauses, das zu Sowjetzeiten ein Kino und Diafilmfabrik war. Vier Orgelbauer aus Sachsen-Anhalt sollen die historische Orgel wieder zum Klingen bringen.

Am vierten Advent wird der 100. Geburtstag der evangelisch-lutherischen St. Peter-und-Paul-Kirche in Moskau feierlich begangen. Mit einem Gottesdienst und einem klassischen Konzert will man an die Weihe des deutschen Gotteshauses am 18. Dezember 1905 erinnern.
Obwohl nur noch wenige der 350 Gemeindemitglieder die deutsche Sprache sprechen, wird jeden Sonntag zusätzlich zu dem russischen Gottesdienst auch ein deutscher gefeiert.
„Das ist reine Nostalgie. Die Leute verstehen zwar kaum etwas, aber die Sprache erinnert sie an ihre Kindheit”, sagt Gottfried Spieth. Der Pastor aus Karlsruhe lebt seit fünf Jahren in Russland, hat zahlreiche russlanddeutsche evangelische Gemeinden betreut und ist jetzt seit etwa zwei Jahren in Moskau. Bei St. Peter-und-Paul hält er nicht nur als Assistent des Bischofs hin und wieder den deutschen Gottesdienst, sondern er kümmert sich auch um Sponsoren für die Kirchensanierung.

Eigentlich hatte man am Geburtstag der einzigen verbliebenen deutschen Kirche in Moskau auch das Ende der langjährigen Sanierungsarbeiten feiern wollen, doch bisher sind erst gut die Hälfte der geplanten Bauvorhaben in der Starossadski-Gasse abgeschlossen, sagt Spieth. 3,5 Millionen Euro wurden für die Sanierung des zu Sowjetzeiten als Kino und Filmentwicklungslabor genutzten Gotteshauses veranschlagt.

„Der Wille ist da, die Kirche wieder so aufzubauen, wie sie zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts ausgesehen hat”, betont Spieth und zeigt einige der wenigen erhaltenen Schwarz-Weiß-Fotografien von früher. Die Wände sind wieder frisch verputzt und hell gestrichen. „Der Innenraum ist unser Stolz, er erstrahlt fast im vollen Glanz”, sagt Spieth.
Noch fehlen ein Altar, die Kanzel und die Bänke. Der Fußboden besteht aus rohem Beton, ist kalt und rau. Die Bauarbeiter, die emsig Zementsäcke reinschleppen, Brüstungen mauern und Rohre schneiden, seien überwiegend Armenier, die für wenig Geld arbeiteten. Geschickt habe sie Russlands Wirtschaftsminister Hermann Gref, der sich vor gut einem Jahr für die Sanierung der Kirche stark gemacht hatte. Gref ist selbst Russlanddeutscher. Doch trotz des prominenten Fürsprechers, fehle es immer wieder an den nötigen finanziellen Mitteln, klagt Spieth. „Wir leben von der Hand in den Mund”, sagt er und fügt hinzu, dass auch die Ausgaben für den Jubiläumsgottesdienst noch nicht ganz gedeckt seien.

Der Höhepunkt der Festlichkeit ist ein Konzert auf der historischen Orgel. Rund um die Uhr haben vier Orgelbauer aus dem sachsen-anhaltinischen Halberstadt gearbeitet, um „Peter-und-Paul” wieder eine Stimme zu verleihen. Tagsüber wird das Leder der Bälge geölt und die kaputten Holzteile ersetzt. Um eins gibt es Mittagessen, gekocht und aufgetischt von der „guten Seele” der Kirche, Renate Schweizer. Die Rentnerin aus Österreich, die seit mehr als 20 Jahren in Moskau lebt, macht sich seit 2001 für die Peter und Paul-Kirche nützlich – vom Dolmetschen und Organisieren bis zum Telefonieren und Geschirr spülen. Mittags plaudert sie mit den Jungs aus Deutschland, mal über deren Wochenendtrip nach St. Petersburg, mal über die Probleme bei der Arbeit oder den Besuch der Tretjakow-Galerie. „Für mich ist das hier die schönste Montage”, schwärmt Daniel Gatzsche, einer der Orgelbauer. Und das bei einem Zwölf-Stunden-Arbeitstag.

Nachts, wenn unten die Baumaschinen und Handwerker schweigen, suchen oben die Orgelbauer nach den richtigen Tönen. Die Orgel wurde 1898 von der Firma Sauer in Frankfurt an der Oder gebaut und stand seit Anfang des Jahrhunderts in der Moskauer St. Michael-Kirche. Als die Kirche im Zuge der kommunistischen Säkularisierung 1928 zerstört wurde, konnte die Orgel gerettet werden. Fast 70 Jahre lang sorgte sie in einer Trauerhalle für den feierlichen Rahmen bei Beerdigungen. Mitte der 90er Jahre wurde sie nach einem erfolgreichen Rechtsstreit in die Peter-und-Paul-Kirche zurückgegeben. Schließlich, so Spieth, habe sich ein Gemeindemitglied gefunden, das 100.000 Euro für die Sanierung der Orgel gespendet habe, und der Wiederaufbau konnte beginnen.

Für die Orgelbauer aus Halberstadt war der Auftrag aus Moskau der erste im Ausland und eine riesige Herausforderung. Die Orgel sei zwar dreckig, aber insgesamt in relativ gutem Zustand gewesen, erzählt Steffen Peter. Es sei ein Glück gewesen, dass das Instrument über all die Jahre gespielt wurde. „Eine Orgel ist wie ein Auto – das steht sich auch kaputt”, sagt Peter und hofft deshalb, dass die Orgel auch nach der Sanierung regelmäßig erklingen wird. Denn nichts sei schlimmer für so ein Instrument, als wenn es wie ein Museumsobjekt in der Kirche steht und nicht mehr genutzt wird. (n-ost)

23/12/05

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