Transformationen in Zentralasien seit 1991 – darüber diskutierten Ende April Wissenschaftler aus Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan, Russland und Deutschland auf Einladung der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU) in Almaty.

„Es wird viel über Transformation gesprochen, jedoch gibt es dazu noch relativ wenig Forschung“, erklärt Serik Bejmenbetow, Prorektor für Forschung an der DKU und Hauptverantwortlicher für die Organisation der Konferenz, die Themenauswahl. „Dabei wird 2021 der Zerfall der Sowjetunion 30 Jahre her sein. Deshalb haben wir es für sinnvoll erachtet, diese Zeit Revue passieren zu lassen, einen Überblick über den Forschungsstand zu gewinnen und ein Zwischenfazit zu ziehen. Wir waren uns schnell darüber einig, dass es ein wichtiges Thema für die Region darstellt.“

Der Begriff Transformation bezeichnet zunächst einmal einen Veränderungsprozess. Ihn im Plural zu verwenden war eine bewusste Entscheidung, so Bejmenbetow. Denn die Transformationen finden seit dem Ende der Sowjetunion 1991 und der damit einhergehenden Unabhängigkeit Kasachstans in ganz verschiedenen Bereichen statt: in der Politik, Wirtschaft, Kultur, Technik und Gesellschaft. Diese aus wissenschaftlicher Perspektive zu beleuchten, haben sich die Organisatoren in diesem Jahr zur Aufgabe gemacht.

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Serik Bejmenbetow

Die Internationale Konferenz der DKU hat Tradition. Schon seit 2006 organisiert die Hochschule jährlich den wissenschaftlichen Austausch in und über Zentralasien. In diesem Jahr wurde sie dabei von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt. Die Kooperation mit Forschern aus Deutschland war dabei sehr wichtig, sagt Bejmenbetow. So war beispielsweise Andrea Schmitz von der Stiftung für Wissenschaft und Politik sowohl organisatorisch als auch inhaltlich unterstützend tätig. In ihrem Vortrag über kulturelle Transformation erläuterte sie Veränderungen im Stadtbild Almatys am Beispiel von Teehäusern (Chaihana). Früher eher von Männern oder Reisenden genutzt, sind sie heute öffentliche Räume der Begegnung auch von Frauen, Freunden und Familien.

Die Themen der Vortragenden waren dabei so vielfältig wie die Region selbst. Alexej Fominych lieferte zum Beispiel eine historische Darstellung US-amerikanischer Ausstellungen in der Sowjetunion und leistete damit ein Stück Geschichtsaufarbeitung für den postsowjetischen Raum. Nasym Baskynbajewa stellte auf Grundlage von empirischen Untersuchungen die Veränderungen der Rolle der Frau in Kasachstan vor. Dabei unterscheidet sie vier Typen von Frauen, die sich derzeit abzeichnen: der traditionelle Typ, der Typ Karrierefrau, der Typ Barbie, der vor allem auf das Äußere bedacht ist, und der arabisierte Typ, der dem Islam folgt. Jelena Muzykina beleuchtete das politische Verhältnis der Regierung Kasachstans zum Islam seit Anfang der neunziger Jahre. So fand in den ersten Jahren nach dem Ende der Sowjetunion zunächst eine Öffnung statt, die ein religiöses Leben im größeren Maßstab überhaupt erst wieder ermöglichte. Gerade mal 68 Moscheen zählte Kasachstan 1991. Mittlerweile sind es über 2.000. Mit den Jahren nahm der Staat jedoch zunehmend eine regulative Rolle ein und erhöhte die  Anforderungen für die Registrierung von religiösen Institutionen.

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Die Konferenz habe bei der Orientierung im Forschungsfeld der Transformationen in Zentralasien sehr geholfen, resümiert Bejmenbetow. „Ich sehe aber auch, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. So sind beispielsweise Transformationsprozesse in der Wirtschaft und Politik noch wenig in den Blick genommen worden. Das wäre ein Forschungsthema für die Zukunft.“ Für die nächsten Konferenzen wünscht er sich außerdem mehr Diskussionen. Eine Hürde hierfür sieht Bejmenbetow in den mangelnden Kenntnissen der englischen Sprache, in der einige Vorträge gehalten worden sind. Nachfragen auf Englisch zu machen, sei oft noch mit Hemmungen verbunden, meint er. Gleichzeitig sieht er aber auch die Universitäten in der Verantwortung, Studenten zu Partizipation zu ermutigen und ihnen beizubringen, kritische Fragen zu stellen.

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