Ob im Theater oder auf dem Weg zur Arbeit – in Kasachstan gehört die Tüte zum selbstverständlichsten Utensil, hat unser Kolumnist beobachtet. Doch was, wenn man einfach keine neue Tüte will?

„Der Ausländer wieder mit seinem importierten Umweltschutz“, mögen manche Blicke sagen, wenn ich an die Marktstände herantrete und das Einkaufsgespräch mit dem Wunsch beende, die Ware in meine mitgebrachte Tüte verpackt zu bekommen.

Nein, nein, die Tüte würde ja gar nichts extra kosten, antwortet man mir dann. Flugs wird meine mitgebrachte Verpackung mit freundlichem Lächeln beiseite geschoben und so getan, als sei die Bitte überhört worden. Die zur Schau gestellte Sauberkeit und Hygiene endet zwar schon am nächsten Stand, wo Eier ungeschützt in der Sonne „vorgekocht“  werden. Aber die Geschäftigkeit um die Verpackung des auch noch so kleinen Warenstückchens soll eine neue Stufe der Ein- und Verkaufskultur nachweisen. Wenn der Kunde wirklich König ist, hieße das nicht, meinen Wunsch ernst zu nehmen und nicht als erstes nach der großen Tütenrolle zu greifen? Das gewünschte Handelsgut nicht einzutüten, muss einigen Verkäuferinnen wie eine Kampfansage scheinen, denn es ruft verstörte Blicke und leise artikulierten Widerstand hervor, die die schönste Einkaufsstimmung vermasseln. Ist die Losung in Kasachstan heutzutage etwa: „Wer Verpackung sparen will, muss leiden“?!

Meinen Stoffbeutel halte ich bereit, zeige ihn manchmal sogar wie als Beweis vor, damit mir nicht noch mehr unnötiger Müll zugesteckt wird. Für solche Beharrlichkeit ernte ich neben der fast obligatorischen Verwunderung skeptische Bemerkungen, teilweise auch subtile Aggressivität. „Warum will der denn nicht?“ Fange ich dann etwa an, die mir zugedachte Tüte abzustreifen und gegen meine einzutauschen, bin ich als Ausländer geoutet oder werde mir die Bezeichnung „Sowok“ gefallen lassen müssen. Das meint jene Sowjetmenschen, die stets ein Einkaufsnetz oder den Beutel parat hatten, falls sich irgendwo unerwartet eine Warteschlange nach Mangelware bilden sollte.

Die Tütenkultur im Europa der siebziger und achtziger Jahre, die den alternativen Jute- und Stoffbeuteln bis heute mehr oder weniger erfolgreich Paroli bietet, erlebt derzeit in Kasachstan ihre neue Blüte.

Mit den buntbedruckten, knautschend-knisternden Tragebehältern sind vom Studenten über die Hausfrau bis hin zur Universitätsprofessorin alle zu sehen. Firmenmitarbeiter, Lehrer, Partygäste, sogar das Publikum im Theater oder zu offiziellen Festveranstaltungen führen ihre Utensilien in Werbetüten verpackt mit. Und dabei achtet niemand auf die Stiltreue von Kleidung, Schuhwerk und Accessoires. Die Tüte, praktisch in jeder Tasche zu verstauen, so will es scheinen, ist neutral zu Fragen gesellschaftlicher Stellung und modischer Orientierung. Sie demonstriert aktuelle Werbeprodukte, neue Entwicklungen bei Druck und Gestaltung, sie lässt eine Gebietshauptstadt sogar in die Provinzialität abrutschen – ein Motiv taucht auf, breitet sich stadtweit aus und beherrscht einige Wochen lang alle sozialen Ebenen und Strukturen.

Worum geht es den Beflissenen, die jedes Mal aufs Neue betonen, die Tüten würden heutzutage von allen Kunden gefordert? Um mehr als den sauberen, freundlichen Einkauf, soviel ist klar. Denn die Widersprüchlichkeiten im Bereich Handel, in dem so manche Hygieneaufsicht auf den Märkten und Basaren beide Augen zudrücken muss, verdeutlichen: mit der Tüte ist es nicht getan. Solange sie allein steht für das Neue, ohne von Sachkenntnis, Entgegenkommen und Umsicht begleitet zu sein. Aber wer weiß. Vielleicht redet man ja in Kasachstan bald genauso von „Verpackungswahn“ wie in Europa.

19/08/05

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