Weltweit wird die Anzahl der Turk-Mescheten auf bis zu 600.000 geschätzt. Die meisten leben in den ehemaligen Sowjetrepubliken, vor allem in Kasachstan, Russland und Aserbaidschan, ein kleiner Teil in Usbekistan. Ursprünglich im Süden Georgiens beheimatet, kamen sie durch die stalinistischen Zwangsdeportationen nach Zentralasien. Viele wollen in die Türkei, doch der Weg dorthin ist lang.

Der Zweite Weltkrieg sollte in Europa nur noch wenige Monate dauern. Es war der 15. November 1944 als Josef Stalin den Beschluss fasste, die türkischsprechenden Mescheten in Viehwaggons nach Zentralasien zu bringen. Die Verluste während des Transports waren hoch: Gerade einmal ein Drittel überlebte.

„Ich war erst vier Jahre alt und kann mich nur schwach erinnern, aber wir sind mit einem Viehwaggon gekommen. Es gab kein Essen im Zug; viele kleine Kinder schrien aufgrund von Hunger und Krankheit. Meine Mutter hat mir von irgendwoher Mais gebracht, den ich gegessen habe“, sagt Kasim Yusupov, der heute noch in Samarkand lebt.

Der 90-jährige Kibar Huseyinov erinnert sich: „Es war schwer, im Zug zu atmen, es gab kein Fenster, kein WC, und Tausende Menschen sind durch Hunger, Krankheit oder Kälte gestorben. Die Begleitsoldaten haben die Leichen nicht beerdigt, sondern einfach aus dem Zug geschmissen.“

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Zwangsdeportation nach Zentralasien

Bis zu ihrer Zwangsdeportation waren die Turk-Mescheten im Süden Georgiens beheimatet. Die heutige Region Samche-Dschawachetien gehörte bis 1828 zum Osmanischen Reich. Dort verblieben die georgisch, russisch und armenisch sprechenden Mescheten. In ihrer neuen Heimat waren die Turk-Mescheten nicht unbedingt willkommen. Sie wurden als Türken angesehen und waren in Zentralasien eine verfolgte Minderheit.

Heute leben noch rund 150.000 Mescheten in Kasachstan und 50.000 in Kirgistan. Nur ein kleiner Teil, etwa 15.000, lebt in Usbekistan, mehrheitlich in der Region Samarkand. Neben der usbekischen Kultur gelingt es ihnen auch, ihre eigene Kultur und Sprache zu erhalten. Jüngere Generationen wachsen mit den Geschichten der Älteren auf.

Am 15. November 1944 wurden über 100.000 türkischsprechende Mescheten innerhalb von zwei Stunden aus ihren 160 Dörfern in Georgien vertrieben und nach Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan deportiert. Mitten im Zweiten Weltkrieg traf es vor allem Frauen, Kinder und Alte. Die Männer kämpften als Soldaten in der Roten Armee – und wussten nicht, was mit ihren Familien passierte.

Als sie nach dem Krieg nach Hause kamen, konnten sie ihre Familien nicht finden. Erst zu diesem Zeitpunkt erfuhren sie, dass ihre Verwandten deportiert worden waren. Viele begaben sich auf die Suche. „Mein Vater fand uns erst im Jahre 1948. Damals lebten wir in Karadarya in Samarkand“, erzählt Kasim Yusupov.

Pogrome infolge ethnischer Konflikte

Diejenigen, die das Glück hatten, ihre Familien in Zentralasien wiederzufinden, standen danach vor der Frage, wie sie zurück in ihre Heimat – die Türkei – kommen. Die erste große Emigrationswelle erfolgte 1959. Die Turk-Mescheten wanderten nach Russland aus, wo sie sich bessere Lebensbedingungen erhofften. Da die Türkei seit 1952 Mitglied der NATO ist, erlaubte die Sowjetunion jedoch keine Ausreise dorthin. Im Frühjahr 1989 kam es im usbekischen Teil des Ferghanatals infolge des Krieges mit Kirgisistan zu Pogromen an den Mescheten. Usbeken brannten die Häuser der „Türken“ nieder. Mehr als 100 Menschen starben, viele wurden schwer verletzt. Um eine weitere Eskalation zu verhindern, flog die Moskauer Zentralregierung 16.000 Turk-Mescheten aus Usbekistan in andere Sowjetrepubliken aus.

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Danach waren nur noch wenige von ihnen in Usbekistan übrig. Auch heute noch ist der Wunsch vorhanden, in die Türkei auszuwandern. „Wir wollen auch dorthin umziehen, wo unsere Sprache gesprochen wird “, sagt eine Frau, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. „Wir haben seit vielen Jahren unsere Sprache, unsere eigene Kultur. Wir haben unsere Mentalität nicht verloren, obwohl wir in einem fremden Land wohnen.“

Die Türkei hat in den vergangenen Jahren die Kriterien für die Einbürgerung von Mescheten erleichtert. Trotzdem leben nur 40.000 dort. Die meisten haben sich, so scheint es, mit ihrem Schicksal abgefunden und sind in ihren jeweiligen Ländern gut integriert. Trotzdem ist die Türkei für die Turk-Mescheten auch noch nach 72 Jahren ein Sehnsuchtsort.

Bordo Bereli

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