Ein strammes Programm führte Schüler aus Sachsen zehn Tage lang durch Stadt und Steppe Kasachstans. Sowjetische Freilufttoiletten am Wegesrand erregten dabei mindestens genausoviel Aufsehen wie das eigentliche Ausflugsziel

Das Erdbeben gleich am ersten Morgen nach ihrer Ankunft haben Karl, Susanne und Tobias verschlafen. Mit einer Stärke von 3,5 ist es auch kaum der Rede wert, so etwas gehört fast zum Alltag in der Stadt am Nordrand des Tienschan. Die Warnung vor weiteren Beben im Laufe des Tages haben die Schüler aus dem sächsischen Riesa umso chaotischer erlebt. „Dokumente einpacken, Jacke anziehen, Suppe essen“, hieß es in der Gastfamilie des 18-jährigen Tobias. Hektische Telefonate und unklare Fernsehberichte sorgten bei anderen für Verwirrung. Dass es am Ende bei der Erdbebenwarnung blieb, war für alle eine Erleichterung. Eine Schauergeschichte mit Gruseleffekt für die Daheimgebliebenen ist das Erlebnis aber allemal.

Ähnlich turbulent wie der erste Tag verlief die gesamte Woche der Schüler, die ihre Partnerschule in Almaty, das 113. Linguistische Gymnasium, besuchten. Die Gastgeber hatten für die 14- bis 19-Jähigen ein strammes Programm zusammengestellt, bei dem von den Museen in Almaty bis zum Nobel-Skigebiet Schimbulak so ziemlich jede Attraktion der Stadt dabei war. Für die meisten der Schüler aus Deutschland waren diese zehn Tage in Kasachstan der erste Kontakt mit der völlig fremden Kultur Zentralasiens.

„Das Überraschende ist für mich, dass hier so viele Nationalitäten ohne ernsthafte Konflikte zusammen leben“, staunt die 14jährige Susanne. Sie spricht im Gegensatz zu den meisten Schülern aus Sachsen kein Russisch, weil sie in der Schule Französisch lernt und bisher keinen Bezug zu Kasachstan hatte. Dennoch sei sie neugierig gewesen und hätte das Angebot einer Lehrerin gerne angenommen, schließlich sei dieses Land kein alltägliches Reiseziel, so die Schülerin der neunten Klasse.

Dass hier so einiges anders funktioniert als in Deutschland, haben die Schüler schnell bemerkt. „Autos ohne Kat, schlechte Luft und schmutzige Straßen“, aber auch „Gastfreundschaft, ständige Einladungen zum Essen und Herzlichkeit“ sind die häufigsten Antworten, die die Schüler auf die Frage nach ihren Eindrücken nennen. „Als ich das Haus, in dem ich wohne, von außen sah“, so der 16-jährige Karl zur Unterbringung bei seiner Gastfamilie, „kam mir das echt heruntergekommen vor. Doch die Wohnung könnte so auch in Deutschland stehen. Und die Oma hat mich gleich mit einem Kuss begrüßt.“

Jeder der deutschen Gäste war bei einem Schüler aus Almaty untergebracht und erlebte so hautnah auch den Schulalltag hiesiger Jugendlicher. Überraschend war für die Deutschen die fast chronische Unpünktlichkeit, mit der fast die Hälfte der kasachstanischen Schüler zur Schule kommt. Täglich haben die Gäste die ersten Unterrichtsstunden miterlebt und festgestellt, dass die Lehrer oft erst zehn Minuten nach dem Klingeln mit der Stunde beginnen können, dass auch hier getuschelt wird und Briefchen durch die Bankreihen wandern und dass Kasachisch, Chemie oder Geographie die Schüler häufig genauso langweilen, wie Mathe, Physik und Deutsch die Altersgenossen in Riesa.

Auch sich selbst sehen die Schüler aus Sachsen angesichts der Unterrichtserfahrung in Almaty nicht ganz unkritisch. Denn trotz der scheinbar laxen Einstellung zur Schule ist beispielsweise die 17jährige Nicole überzeugt davon, dass die Schüler in Kasachstan wirklich lernen wollen. „Wenn wir sehen, mit wie wenig Mitteln hier unterrichtet wird und wie die Kinder sich trotzdem begeistern, dann ist das schon etwas beschämend. Wir haben daheim fast alles zur Verfügung, und trotzdem sind wir nicht zufrieden,“ räumt sie ein.

Nicole ist bereits zum zweiten Mal in Kasachstan. Sie war schon vor zwei Jahren hier und hat sich seitdem auf ein Wiedersehen gefreut. Dass die Jugendlichen wirklich Freundschaften schließen, ist auch bei diesem Treffen zu erwarten. Sie stellen sich erstaunlich schnell aufeinander ein. Wo Russisch und Deutsch nicht ausreichen, hilft Englisch bei der Verständigung. Alleingelassen wird jedenfalls keiner der Gäste. Im Gegenteil, manchmal fühlen sich die deutschen Schüler sogar zu sehr umsorgt, wenn sie zwischen russischen, kasachischen oder koreanischen Familien herumgereicht werden, von ihren Gasteltern warme Sachen zurechtgelegt bekommen und riesige Lunchpakete auf dem Frühstückstisch finden.

Dabei können sie den Proviant für die Tagesausflüge gut gebrauchen. Medeo und Schimbulak stehen zuerst auf dem Plan. Der hochbeinige, dafür aber bergtaugliche Bus ist bis auf den letzten Platz belegt – und darüber hinaus. Viele kasachstanische Schüler nutzen die Gelegenheit für einen schulfreien Tag. Sie quetschen sich zu dritt auf die engen Sitze, in Deutschland wäre die Fahrt bei einer Verkehrskontrolle sicher zu Ende. Als der Smog der Stadt nur noch als braune Wolke im Tal zu sehen ist und der ganze Trupp aus dem Bus herausquillt, werden Foto-Handys und Digitalkameras gezückt und – vorzugsweise mit den deutschen Jungs – Bilder geschossen. Schimbulak beeindruckt die Sachsen vor allem wegen seiner traumhaften, fast leeren Skipisten. Doch zum Skifahren bleibt keine Zeit. Nach einer Wanderung im Schnee und einem Aufstieg mit der Seilbahn geht es am späten Nachmittag wieder zurück in die Stadt.

Die Abende sind meist ziemlich lang in diesen Tagen, erst recht am Wochenende. Disco, Sauna, Schlittschuhlaufen, die kasachstanischen Familien tun alles, um ihren ausländischen Gästen etwas zu bieten. Die Ess- und Trinksitten fordern erste Opfer, auch unter dem „Lehrpersonal“. Während Russischlehrerin Ingrid Tröschel jener russischen Oma, die sie nach der Disco-Nacht von schweren Kopfschmerzen geheilt hat, noch am Montag dankbar ist, freut sich Kollegin Karin Gläsel, mit Hilfe ihrer koreanischen Gasteltern in einem chinesischen Laden in Kasachstan eine russische Matrjoschka für Freunde in Deutschland erstanden zu haben.

Das Ziel des letzten großen Tagesausflugs heißt Tamgaly. Die über 3.000 Jahre alten Höhlenzeichnungen, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, liegen mitten in der Wüste, 180 Kilometer westlich von Almaty. Diesmal scheint der Bus noch voller, damit alle einen Platz zum Sitzen haben, werden Schul-Hocker in den Gang gestellt. An Verkehrssicherheit denkt besser keiner. Die Fahrt dauert dreieinhalb Stunden, und Karl kommentiert: „Ich bin noch nie so lange geradeaus gefahren, ohne etwas anderes zu sehen als Schnee und Steppe, dass einem ganz schwummrig wird.“

Das Ziel kommt schließlich recht unspektakulär daher: ein paar Felsen, mit Büffeln und Pferden bemalt, mitten in einer weiten, silbrigweißen Landschaft. Die sowjetischen Freiluft-Toiletten am Wegesrand erregen mindestens genau so viel Aufsehen. Die zweisprachige Reiseleiterin gibt sich Mühe, die 60köpfige Truppe für die Felsmalereien zu begeistern, doch frische Luft und fast unberührter Schnee laden eher zu Schneeballschlachten als zu langen Vorträgen ein. Durchnässt und erschöpft geht es schließlich wieder zurück in Richtung Almaty.

Für die letzten beiden Tage stehen noch „offizielle“ Termine an: Berichterstattung und Erfahrungsaustausch in der Gastschule und ein Treffen mit dem Akim, dem Bürgermeister, von Almaty, bei dem sogar das Fernsehen dabei sein soll.

Am Donnerstag um vier Uhr morgens geht es dann zurück nach Deutschland. Die meisten sind froh, wieder nach Hause zu fahren, obwohl die Tage in Kasachstan viele neue Eindrücke gebracht haben. Sebastian und Viktor, Tobias und Sascha, Nicole und Tatjana – sie werden in Kontakt bleiben. Und Karl hofft, dass die drei Jahre ältere Irina wirklich in Deutschland studieren wird, wie sie es vorhat. Vielleicht kommt man sich ja dann noch ein bisschen näher.

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