All denen, die glauben, der Sushi-Boom habe ein baldiges Ende, empfehle ich einen Kurztrip nach Almaty. Ja, Almaty in Kasachstan. Die Stadt, die so weit von jedem Ozean entfernt liegt, wie es nur auf der Erde möglich ist. Die ungefähr so viel mediterranen bzw. karibischen Flair ausstrahlt wie Minsk und Cottbus zusammen. Und die wahrscheinlich nur die wenigsten Fische auf dieser Welt ihr Zuhause nennen. In dieser Stadt sitzen die Fischverehrer, die Sushiesser und Krabbenliebhaber.

Wie ein Parasit erobert die Sushirolle hier jede noch so fremde Speisekarte – und findet ihren Lebensraum meist irgendwo zwischen Pelmeni, Pfannkuchen und Döner. Traditionell, italienisch, fast food – die Sushirolle überlebt unter schwierigsten kulinarischen Bedingungen. Selbst im neuen und besonders günstigen Killfish Bar-Lounge-Bistro (eine eindeutige Klassifizierung fällt angesichts der Mischung aus Türsteher, Biersäulen und Speiseangebot eher schwierig aus) kann man sich seine Lieblingsrolle auf zwei gut gefüllten Seiten aussuchen.

Sushi-Präsentation gleicht einem Stillleben des traditionellen Pferdewurst-Aufschnitts (Kazy). | Bild: Afanasich Almaty

In einem anderen Restaurant – das seine experimentell gemischte Küche auf einer 30-seitigen und gefühlt drei Kilogramm-schweren Speisekarte bewirbt – bekommt man für umgerechnet sieben Euro ein „all you can eat“-Buffet. Inklusive Sushi versteht sich. Die Gäste umringen den Tisch mit Sashimi-Streifen und bunten Röllchen als wären morgen die Meere leergefischt – was bei dem hiesigen Verzehr vielleicht nicht ganz so abwegig ist. Und für die besonders Ungeduldigen gibt es davor noch eine Fischsuppe
Man könnte natürlich an das Kaspische Meer in Kasachstan denken. Irgendwo im Westen des Landes. Da angelt man sicher den Fisch für all diese Restaurants. Aber daher kommt hauptsächlich der schwarze Störkaviar, den man nicht zu solchen Preisen bekommt. Selbst die Frau auf dem Bazar scheint sich ihrer Fischferne zunächst bewusst. Sie drückt mir ein Stück Lachs zum Probieren in die Hand: „Frisch!“, sagt sie und macht eine Geste als habe sie ihn gerade erst geangelt. Er schmeckt. „Woher kommt der denn?“, frage ich. „Aus Norwegen“, sagt sie nickend und so überzeugt, als sei das der Name eines nahegelegenen, vor Lachsen nur so wimmelnden Sees.

Die Almatiner und ihr Fisch. Das gehört einfach zusammen. Neulich erzählte mir jemand, dass sich viele Menschen hier wünschten, unterhalb des grünen Bazars würde das Meer beginnen. Es ist mir aber nicht ganz klar, ob das auf eine potenzielle Fischknappheit bezogen war oder darauf, dass man den unteren Teil der Stadt samt den dortigen Bewohnern auf diese Weise gerne loswerden würde. Oder vielleicht beides.

Paul Toetzke ist freier Journalist und seit Ende Juli in Almaty. Die kommenden sechs Wochen wird er für die DAZ arbeiten und entdeckt zum ersten Mal Kasachstan und Zentralasien.

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